Unter den südafrikanischen Löwen unterscheide ich drei Species, den gewöhnlichen vollmähnigen, wie wir ihn in der Berberei treffen, den mähnenlosen und den von den Holländern Krachtmanetje genannten, der sich durch ein kurzhaariges lichtes Fell, doch hauptsächlich durch eine kurze und nie über die Schulter reichende Mähne auszeichnet. Den Bondpoote-Löwen der Holländer habe ich als selbständige Species ausgegeben, da es sich ergab, daß vollmähnige Löwen in ihrer Jugend ebenso braun und schwärzlich gescheckt sind. Ich habe dies an einem Thiere, das ich mir hielt, beobachtet — so wie sich in den ersten zwei Jahren die schwarzen Flecken mehren, so verschwinden sie mit dem zunehmenden Alter des Thieres.
Die in Nord-Afrika lebenden gemeinen vollmähnigen Löwen sind in Süd-Afrika die seltensten, man findet sie nur hie und da zerstreut vor. Die mähnenlosen waren früher häufig am Molapo, jetzt findet man noch welche im Thale des zentralen Zambesi und des unteren Tschobe. Ich beobachtete, daß ihr Fell auffallend licht gefärbt ist. Die gewöhnlichste Art ist die bis zur Schulter bemähnte, in manchen Gegenden findet man eben nur diese vor, sie ist eine der häufigsten und bewohnt das Thal des Limpopo von der Mündung des Notuany abwärts, und sind ihre Vertreter im Alter von zwei bis vier Jahren besonders verwegen und gefährlich.
Im Allgemeinen ist der südafrikanische Löwe ein äußerst kluges und berechnendes Thier, er »denkt« viel. Den ihm gegenüber stehenden Feind, mag nun der Löwe der Angreifer oder der Angegriffene sein, sucht er zu »beurtheilen« und da wo er denselben überlegen findet, wird ihn selbst eine wiederholte Verwundung nicht zum Angriffe verleiten. Im Allgemeinen sucht er zu imponiren, zu schrecken, um sich seiner Beute leichter zu vergewissern. Einmal geschieht dies durch sein Brüllen, das andere Mal dadurch, daß er den Kopf hochgehoben langsam einherschreitend die Zähne fletscht, ein drittes Mal wieder, daß er in großen Sätzen herangesprungen kommt, oder auch, daß er im scharfen Trab sich nähert und dabei ruhig brummt. Da er die ganze Zeit hindurch, möge er in dieser oder in jener Weise seine Schreckmethode in Ausführung bringen, seinen Gegner stets scharf im Auge behält, entgeht ihm auch die leiseste Bewegung nicht; die ihm gegenüber beobachtete Bewegungslosigkeit ist das Beste, was man in einem solchen Augenblicke thun kann. Während eine Bewegung mit der Hand oder irgend welche andere den Löwen im Allgemeinen nicht herausfordert, so kann es doch geschehen, daß junge Löwen durch diese Bewegung gereizt werden und zum Angriff übergehen. Doch gibt es Umstände, wenn sie auch selten sind, bei welchen alte und erfahrene Löwen, die einen ihnen gewachsenen Gegner zu würdigen wissen, ohneweiters zum Angriffe übergehen. Solch’ einem Angriffe jedoch kann der Mensch leichter begegnen, da er in der Regel weniger vorsichtig und berechnet ist. Wir finden diese Angriffsweise bei Löwinnen, welche ihre Jungen bewachen, bei Thieren, welche lange gehungert haben und endlich bei solchen, die auf einer Hetzjagd oder von einer größeren Menschenmenge verfolgt werden. Sehr wichtig für den Menschen bleibt es immer, daß er den Löwen zuerst erblickt und beobachten kann; für den Neuling, daß er sich dabei an seinen Anblick gewöhnt, wenn dies auch nur einige Minuten währt, bevor der Kampf oder die gegenseitige Vorstellung beginnt. Selbst für einen erfahrenen Jäger wird es oft unangenehm, wenn sich Mensch und Thier zugleich erblicken, dann wird es oft schwierig, dem Löwen und seiner Taktik erfolgreich zu begegnen, d. h. ihm im selben und weiteren Momente zu »imponiren« suchen, wenn der Jäger nicht schon zuvor in der Lage war und die Gelegenheit ersah, dem Löwen eine tödtlich verletzende Kugel zuzusenden. Der schlimmste Fall für den Menschen ist jedoch jener, bei welchem der arme Käfersucher oder der Bewunderer der schönblüthigen Liliaceen im Eifer sich in seinem Lieblingsstudium ergeht und längere Zeit hindurch von dem Raubthiere beobachtet ist, dieses plötzlich hinter ihm aufbrüllt und im selben Momente vielleicht sich zum Sprunge anschickt. Während es, wenn auch seltene Fälle gibt, in denen Eingeborne beim Feuer oder unter anderen Verhältnissen von Löwen überrascht, mit heiler Haut davon kommen, ist kein Fall bekannt, in dem ein einzelner Mensch, der vor einem Löwen die Flucht ergriffen, nicht von diesem niedergeworfen worden wäre.
Löwen, die an das Aufblitzen und den Knall des Schusses gewöhnt sind, die häufig gejagt wurden und in deren Gebiete nur wenig Wild, oder nur solches vorhanden ist, dessen sie nicht habhaft werden können, sind stets muthiger und gefährlicher als jene, welche in wildreichen Gegenden wohnen und selten einen Menschen zu Gesicht bekommen. So sind in Süd-Afrika die Löwen am Maretsane- und Setlagole-Flusse berüchtigt und auch jene im Matabele-Lande verwegene Thiere. Kein Raubthier, mit Ausnahme des Fuchses, benimmt sich so listig wie der Löwe, wenn er sich einer schwer erreichbaren Beute bemächtigen will und entwickelt eine um so größere Schlauheit, in je größerer Zahl er seiner Beute nachspürt. Die Thiere versuchen sich in Treibjagden, doch theilen sie sich oft in der Verfolgung, indem ein Theil das Wild, auf das sie ihr Augenmerk gerichtet haben, beschleicht und nachdem ihm dieses gelungen, sich dem Wilde zeigt, um dieses nach der entgegengesetzten Seite zu scheuchen, in welcher der andere Theil im Hinterhalte auf dem Anstande liegt. Diese Verfolgungsmethode beobachten sie namentlich bei Thieren, welche sich durch rasche Flucht der ihnen drohenden Gefahr leicht entziehen können, ferner bei solchen, welche hoch über das Gras blicken und so den heranschleichenden Räuber, wenn er näher herangekommen, bemerken können, ferner auch bei solchen, deren Fleisch von ihnen besonders gesucht und jedem anderen vorgezogen wird. Zu diesem Wilde gehören in erster Reihe Pferde, Zebra, überhaupt Einhufer und Giraffen.
Kurz nach meiner ersten Ankunft in Panda ma Tenka in einem der kleinen Seitenthäler, deren ich auf meiner Fahrt nach der Gaschumaebene gedenken werde, wurden zwei Zebra’s in der letztgenannten Weise getödtet. Eine Zebratruppe graste in dem Thale, mehrere Löwen kamen das Thal heruntergelaufen. Nachdem sie eine Zeit lang den Pferden ihre Aufmerksamkeit geschenkt, verließen zwei ihre Genossen und liefen dem linken bewaldeten, das Thal begleitenden Höhenabhang entlang nach abwärts. Die übrigen hockten sich an der Stelle nieder, an welcher sie zuerst die Zebra’s erblickt hatten; die beiden ersten, die »Antreiber«, überholten das im Thale grasende Wild und schlichen sich, als sie etwa 200 Schritte unterhalb desselben gelangt waren, von der Höhe in’s Thal hinab. Doch dadurch kamen sie unter den Wind und die Zebra’s wurden auf sie aufmerksam, bevor sie noch nahe gekommen waren. Die letzteren zogen, sich häufig thalabwärts umsehend, im Schritt thalaufwärts. Die beiden ihnen folgenden Löwen hoben zeitweilig ihre Köpfe über das Gras, was, nachdem sie dies mehrmals wiederholt hatten, die Zebra’s zur schleunigen Flucht veranlaßte. So liefen die nichts ahnenden Thiere, die bewaldeten Erhebungen zur Rechten und Linken für gefährlich haltend, über die wiesige Thalsohle förmlich in den Rachen der Löwen. Diese hart an den Boden geschmiegt, holten zum todtbringenden Sprunge aus, als eben die Zebra’s an ihnen vorbei galoppirten. Zwei wurden das Opfer der Räuber, d. h. zwei der Löwen saßen im Sattel, und während der Rest der Zebra’s nach rechts und links auseinander stob und sich erst weiter oben im Thale vereinigte, um die Flucht fortzusetzen, widerhallte das Thal von dem Gebrülle der siegreichen Löwen. Als noch die Ebenen zwischen dem Hart-River und Molapo an Straußen reich waren, verloren die daselbst mit zahlreichen Pferden jagenden Jäger so manches derselben, ohne daß sie die Räuber je züchtigen konnten. Trotzdem daß die Pferde in der Nähe der Wägen gehalten wurden, wußten die Löwen in der Regel ihren Angriff zu einer solchen Zeit zu unternehmen, um welche an denselben tiefe Stille und Ruhe herrschte. Während mehrere Löwen sich im Umkreise von zwei bis drei englische Meilen in’s Gras niederduckten, machte sich einer daran, seinen Genossen die Pferde zuzujagen; nur selten geschah es, daß er bei dieser Gelegenheit von den Hunden am Wagen ausgewittert, es mit dem Leben büßte, in der Regel kam er unbehelligt mit seiner Beute davon. Das Thier schlich sich flach auf der Erde wie ein Reptil dahinkriechend, bis in die unmittelbare Nähe des Wagens, zwischen eines der Pferde und den Wagen, oder zwischen zwei Pferde, um auf diese Weise das eine Pferd durch sein Erscheinen aufzuscheuchen. Das erschreckte Pferd zog sich in den meisten Fällen nach der dem Löwen entgegengesetzten Seite zurück und dies war eben die Richtung, in welcher die Raubgenossen auf dem Anstande lagen. Diese Art des Angriffes ist die gewöhnlichere, wo das Terrain eine mit zwei bis drei Fuß hohem Gras bedeckte Ebene ist. Ich schließe vorläufig diese Charakterskizze des Löwen und werde später noch Gelegenheit finden, die Angriffsweise des Löwen auf die einzelnen Wildarten zu schildern.
Am Abend des Tages nach meiner Ankunft im Panda ma Tenka-Thale war ich mit Anderson zu Blockley zum Nachtimbiß geladen, da gab es Suppe aus Büffelfleisch und marinirte Stockfische, von Morton & Co. aus London präparirt. Von Blockley erfuhr ich, daß Westbeech schon vor neun Monaten die durch Rev. Mackenzie an ihn gesandte Nachricht von meiner Ankunft an Sepopo überbracht hatte und daß dieser mir die Erlaubniß willig ertheilt hatte, ihn besuchen zu dürfen, zu welcher der König die Worte hinzufügte, er höre gern, daß ich auf dieser meiner Reise seinen Elephanten nichts Uebles anthun wolle und selbst auch im gegentheiligen Falle ich ebenso willkommen als Monary sei. Unter dem Namen Monary aber ist im Marutse-Reiche Livingstone gekannt. Blockley hatte nicht allein in des Königs Residenz viele Monate zugebracht, sondern auch gleich Westbeech auf des Königs Einladung diesen in seinem Mutterlande, der Barotse, aufgesucht und ihm bei dieser Gelegenheit unter den größten Schwierigkeiten einen Wagen bis nach der Barotse gebracht.
Ich zog später in Gesellschaft Blockley’s nach Schescheke und habe außerdem längere Zeit in seiner Nähe zugebracht, sein Betragen mir gegenüber war jederzeit ein so freundliches, daß ich mich seiner nur mit dem Gefühle der tiefsten Dankbarkeit erinnere. In Panda ma Tenka traf ich auch eine Anzahl von Bakwena’s, geführt von einem königlichen Prinzen, welche Sepopo besuchen wollten; sie überbrachten ihm eine alte Mähre als Geschenk Seschele’s. Die Abgesandten Seschele’s erkannten mich sofort, ich aber nicht sie.
Da Herr Blockley schon am 2. zu Sepopo abreisen wollte, entschloß ich mich, ihn zu begleiten. Meinen Wagen wollte ich unter der Obhut Th.’s in Panda ma Tenka zurücklassen und Meriko sollte bis zu meiner Rückkunft die Ochsen hüten. Pit entschloß ich mich als einzigen Diener mit hinüber zu nehmen. Da die Zugthiere hier einen guten Preis hatten verkaufte ich drei der meinen, um mir Elfenbein an Stelle des zu Ende gegangenen Baargeldes zu verschaffen und war entschlossen, den Rest nur dann zu verkaufen, wenn mir von Sepopo selbst die Erlaubniß, die Nord-Zambesi-Gebiete durchforschen zu können, gegeben werden sollte. Ich verkaufte auch einen meiner Hinterlader an Herrn Blockley und erzielte einen guten Erlös, den ich zum Ankaufe von Thee, Kaffee, Zucker etc. verwendete.[7] Westbeech hatte bereits vor vier Jahren den Handel mit Sepopo eröffnet, seiner Fürsprache bei dem Könige hatten alle übrigen Händler es zu verdanken, wenn ihnen das Marutsereich offen stand, ihm selbst kam es vor Allem zu statten, daß er drei Eingebornen-Sprachen, und zwar das Sesuto, Setebele und Setschuana fließend sprach.
Am 2. August wollte ich Panda und Tenka verlassen, um mich mit Blockley nach dem Tschobe und zu Sepopo zu begeben, als zwei Manansa, deren ich noch bei der Beschreibung der Victoriafälle gedenken will, ankamen und meldeten, daß eine Truppe ihres Stammes mit Elfenbein herankäme. Blockley verschob auf diese Nachricht hin seine Abreise. Er hatte die Manansa mit Gewehren versehen, und nun theilten sie die Jagdbeute mit ihm, indem jeder der Eingebornen einen Zahn von jedem getödteten Dickhäuter in Anspruch nahm. Diese Theilung der Beute währte so lange, bis sich der Manansa so viel erworben, daß er sich ein Gewehr und Schießpulver kaufen konnte, worauf ihm dann der ganze Erlös zufiel, für welche er dann Kleidungsstücke, Messingdraht, Decken u. s. w. erstand. In dieser Weise hatten auch Halbcastmänner aus der Colonie, welche mit den Händlern als Wagentreiber in die Zambesi-Gegenden gekommen waren, so viel erworben, daß sie Wagen und Ochsen erstanden.
Trotz der Ausbreitung des Elfenbeinhandels und des Umstandes, daß hierbei Tausende und Tausende von Elfenbeinzähnen jahrelang durch die Hände der weißen Händler gingen, brachte derselbe diesen keinen materiellen Gewinn. Vor 20 Jahren, als noch südlich vom Zambesi Elephanten und Strauße sehr zahlreich waren, gab es nur wenige Jäger, denen es vortrefflich gut ging, deren Gewinn lockte von Jahr zu Jahr immer neue herbei, bis sich ihre Zahl um das vierzigfache gesteigert hatte und deren Erwerb eben so rasch als die Zahl der werthvollen Thiere abnehmen mußte. Was bei dem Walfischfang in den europäischen Nordmeeren zu Tage trat, d. i. dessen allmälige Erschöpfung, war auch bei dem Handel mit Elfenbein zu befürchten. Der Anbau von Weizen, Zucker, Baumwolle und Reis muß an die Stelle der Jagd treten, und nur der Handel mit den Erträgnissen des Ackerbaues wird von Jahr zu Jahr blühender sich gestalten können. Das Verbot der Betschuana-Könige, in ihren Gebieten Elephanten zu jagen, die Maßregeln, die der König der Matabele, La Bengula, in dieser Beziehung dictirte, hauptsächlich aber das Verbot der Waffenausfuhr nach Norden aus den südafrikanischen Colonien werden allmälig diese Wandlung anbahnen.