VI.
Im Tschobe- und Zambesithale.

Das Thal des Tschobe und seine Vegetation. — Signalisirung meiner Ankunft. — Die ersten Boten aus dem Marutse-Reiche. — Landschaftscenerie an den Stromschnellen des Tschobe. — Begegnung mit Masupias. — Mein Mulekau. — Geschichte der Matabele-Einfälle in das Reich Sekeletu’s. — Ein Masupia-Grab. — Thierleben am Tschobe. — Makumba. — Begegnung mit englischen Officieren in Impalera. — Die Hütten der Masupia. — Der Schlangenhalsvogel. — Meine erste Bootfahrt auf dem Zambesi. — Die Schilfrohrwälder an den Ufern des Zambesi und das Thierleben in denselben. — Letschwe und Puku Antilopen. — Krokodile und Flußpferde. — Jagd auf Flußpferde. — Ankunft in Alt-Schescheke. — Blockley’s Kraal.

Bootfahrt im Zambesi.

Das Thal des Tschobe-Rivers ist gegen seine Mündung eine halbe bis drei englische Meilen breit, ähnlich auch das Thal des Zambesi, so weit es noch oberhalb der Victoriafälle die Tschobe-Victoriahöhen begleiten. Mit Ausnahme jener Stellen, an welchen die Felsenhöhen unmittelbar mit ihren Ausläufern herantreten, sind die Ufer beider Flüsse sandig, ähnlich wie die des Zugaflusses und der meisten Zuflüsse des schon erwähnten Hochlandbeckens des centralen Süd-Afrika; die felsigen Ufer, die, wie schon erwähnt, ober der Vereinigung beider Flüsse (am rechten Tschobe-Ufer einige Meilen weiter aufwärts als am linken Zambesi Ufer) beginnen, sind meist der Abfall eines tiefsandigen Plateaus. Auf dieser Strecke, sowie am Flusse abwärts fanden wir eine üppige tropische Vegetation, stromaufwärts nimmt sie, so weit als ich gelangen konnte, etwas ab. Beim Eintritte in das Thal fallen dem Besucher sofort neue Baum- und Buscharten auf. Die meisten tragen Früchte, welche, mit Ausnahme der bis zu zwei Fuß langen, armdicken, wurstförmigen des Moschunkulu, eines Giftbaumes, theils zu verschiedenen häuslichen Zwecken verwendet, theils genossen werden. Welche Wandlung die Vegetation im Zambesithale und auf dem angrenzenden Plateau im Vergleich zu den südlicher gelegenen Strecken im Innern Süd-Afrika’s erfährt, können wir schon aus der Thatsache ersehen, daß sich die Bewohner am centralen Zambesi (wohl um so mehr am unteren und oberen Zambesi) das ganze Jahr hindurch nur von Früchten ernähren können. Jeden Monat im Jahre finden wir irgend welche Frucht oder eßbare Samen zur Reife gediehen. Auch die Thierwelt ist reichhaltiger, darunter namentlich Vögel, Schlangen, Fische, Insecten, und unter diesen wieder besonders Schmetterlinge. Auch der Mensch ist in jenen Gebieten aus eigener Kraft höher entwickelt als die Bewohner der Gegenden südlich vom Zambesi.

An einer Uferstelle, welche durch eine kleine Bucht und durch einen prachtvollen Moschunkulubaum ausgezeichnet war und sich einige hundert Schritte oberhalb der am jenseitigen (linken) Ufer gelegenen Masupia-Niederlassung Impalera befand, ließ ich, da es der gewöhnliche Landungsplatz der den Strom übersetzenden Eingebornen war, einen Skerm und eine Grashütte errichten. Unterdessen schritt ich zum Flusse hinab und fand den Tschobe stellenweise 2 bis 300 Schritte breit und so tief, daß sein Gewässer tiefblau erschien. Die dicht beschilften Ufer gaben den zahlreichen Krokodilen Gelegenheit, ohne gesehen zu werden, stets auf der Lauer zu liegen und nicht weit ab auf der klaren Fluth wiegten und schaukelten zahlreiche Nyhmphaeaceen einer kleinblüthigen und nur wenige Blumenkronenblätter besitzenden Species.

Auf den Rath der mir von Blockley mitgegebenen Diener, welche schon mehrmals mit ihrem Herrn hier gewesen waren, feuerte ich einige Schüsse ab, um die Bewohner von Impalera von unserer Ankunft in Kenntniß zu setzen. Bald darauf kamen zwei Männer in einem etwa 8 Schuh langen, 14 Zoll breiten und 10 Zoll tiefgehenden, aus einem Baumstamme mit der Pallahaxt ausgehöhlten Kahne an unser Ufer. Es waren zwei dunkelbraune Gestalten, groß und stark gebaut, welche das primitive Bekleidungsstück der Banthufamilie Süd-Afrika’s in der geschmackvollsten Weise, die ich bis jetzt beobachtet habe, angelegt hatten. Sie trugen einen ledernen Leibgurt, um den bei dem einen drei ausgearbeitete Felle kleinerer Thiere, bei dem anderen ein etwa drei Meter langes Calicostück so geschlungen war, daß dieses eine vordere und hintere Schürze und einen die Lenden bedeckenden mittleren Theil bildete. Unstreitig sahen sie in diesem primitiven Anzuge schmucker aus als die Zulu, Makalaka, Betschuana, Colonial-Kaffern etc.

Ich gab ihnen ein Messer, um mich bei ihrem Häuptlinge Makumba anzumelden, zu gleicher Zeit erwähnten auch meine Diener, daß Dschorosiana (Georg), Maniniani (der kleine Georg, im Gegensatze zu Westbeech, der ob seiner Größe Dschorosiana Umutunja genannt wurde), im Leschumothale auf Träger harre, um des Königs Handelsgüter nach Impalera zu bringen; die Männer sollten jedoch auf ihrem Wege nach dem Leschumothale Korn bringen, welches Dschorosiana Maniniani mit Sipaga (kleinen Glasperlen), Talama (große Glasperlen) und Sisipa (2½ Meter Kattun) austauschen wolle. Während der Zeit unserer Besprechung hockten die beiden Männer auf der Erde und standen, nachdem der Manansa-Diener seine Rede beendet mit einem Autile intate (wir haben verstanden, Freund) auf, um sich mit den Worten Camaja koschi (wir sind im Begriffe zu gehen, Herr) von mir zu verabschieden. Früh am 11. unternahm ich einen Ausflug flußaufwärts und fand in dem Thale zahllose Spuren von Büffeln, Roen und Kudu’s, Wasserbock-Antilopen, Pallah-, Deuker- und Orbecki-Gazellen, Schakalen, Leoparden und Löwen. Auch sah ich zahlreiche Hyänenspuren und von den Felsenhügeln tönte unaufhörlich Paviangebelle in’s Thal herab, während mich in dem Palmengebüsch zahlreiche Affen zu einigen Schüssen verleiteten. Vom Wildgeflügel beobachtete ich zwei Francolinus-Arten, das Perlhuhn, von Sumpf- und Wassergeflügel den Scopus (Hammerkopf), drei Arten der Spornkibitze, Hoplopterus, Sattelstörche, (Mycteria Senegalensis, Shaw), mehrere Arten von Enten und eine Plectropterus-Art, Sporngänse, sowie eine Plotus- (Schlangenhalsvogel) und eine Kormoran-Art (Phalacrocorax),

Am anziehendsten fand ich den Tschobe an und über den Stromschnellen, welche sich etwa sechs Meilen oberhalb seiner Mündung und drei Meilen oberhalb unseres Landungsplatzes befanden. Oberhalb dieser Stromschnellen verbreiten sich in einer marschigen Gegend in einem wahren Riesenschilfwalde die Verbindungsarme mit dem Zambesi; es sind breite natürliche Canäle mit ruhig fließendem Wasser, welche ich mit dem Auge weit verfolgen konnte. An den Stromschnellen liegen sehr viele kleinere und größere Felseninseln, die theils kahl, theils mit Sand bedeckt und von welchen letzteren wieder einige mit Schilf, andere mit dichtem Gebüsch und Bäumen bewachsen sind. Da, wo zwischen zwei Felseninseln ein kleiner Wasserstrahl einen winzigen Verbindungsarm bildet, fand ich äußerst geschickte, aus Rohr gearbeitete, den in Mittel-Europa gebräuchlichen ähnlich geformte Fischreusen. Auf den Inseln war auch eine reiche Vogelwelt vertreten, namentlich Sumpfvögel, welche die höheren Felsenriffe sowie das sandige Ufer occupirt hatten und in den feuchteren Partien sich herumtummelten. Besonders reich schien mir der Fluß an Krokodilen zu sein während ich an den Schnellen, die ich Blockleyschnellen taufte, Wasserleguane bemerkte.

Als ich Abends zu unserem Lager zurückkehrte, traf ich 17 Masupia’s daselbst an, es waren prächtige Gestalten, welche ihre Haarwolle an der Craniumhöhe in kleine Zöpfchen geflochten trugen und ihre Haare auch sonst mit verschiedenem Schmucke, wie Haarbüschel verschiedener kleiner Raubthiere und Gazellen, Korallen und kurzen Glasperlenschnürchen zierten. Als besonderen Schmuck trugen sie Armringe, die bei einigen aus Thierhaut, bei anderen, offenbar wohlhabenderen, aus Elfenbein verfertigt waren. Ich erhandelte von diesen für Glasperlen und Kattun Alles, was sie mit sich gebracht hatten, Assagaie, Messer, Kafirkorn und Bohnen. Jener, dem ich gestern das Messer geschenkt, brachte mir heute einen aus Thon von den Frauen mit der Hand gearbeiteten und mit Butschuala (Kafirkorn-Bier) gefüllten Topf. Dadurch und ohne es zu ahnen, wurde ich sein Mulekau (d. h. ich konnte Alles, was sein Haus bot, beanspruchen). Dieses Mulekauthum ist einer der unglückseligsten Gebräuche des Marutsereiches, indem dadurch die bei den Völkern dieses Reiches in einem höheren Grade als bei den anderen Südafrikanischen Stämmen beobachtete eheliche Zuneigung früh untergraben wird. Da man auf Alles, in dem Hause des Mulekau Anspruch machen kann, sind auch die Frauen des Hauses davon nicht ausgenommen, und mein Mulekau wunderte sich nicht wenig, als ich einige Tage später, nach Impalera kommend, von seinem Anbote, mit Ausnahme von Fischen, Bier, Korn und einigen ethnographischen Gegenständen, keinen Gebrauch machen wollte.