Im Papyrusdickicht.

Ein Haufen sämmtlich mit den schon erwähnten ledernen und Kattunschürzen bekleideter Eingeborner meldete uns des Königs Anwesenheit. Morena Sepopo war uns thatsächlich sehr nahe, denn nach kaum 200 Schritten stand ich dem Könige gegenüber. In europäische Kleidung gehüllt, ein englisches mit einer weißen Straußfeder geschmücktes Hütchen am Kopfe kam er, ein Mann von circa 35 Jahren, leichten Schrittes mir entgegen. Sein Gesicht war breit, sein Ausdruck angenehm, die Augen groß und ihre anscheinende Gutmüthigkeit verrieth keineswegs den Tyrannen, der in ihm verkörpert war. Lächelnd streckte er mir seine Hand entgegen, begrüßte auch Blockley und würdigte sogar den Diener April eines Kopfnickens. Der König war von einigen seiner hervorragenden Würdenträger umgeben, von denen nur einer eine Hose, zwei andere Wolldecken über den Rücken geschnallt trugen, die übrigen unterschieden sich nur durch zahlreiche Bracelets von dem Haufen ringsum. Das in die Augen Springende des Zuges war die Musikcapelle des Königs. Neben dem Könige schritten zwei Myrimbaschläger, d. h. zwei Musiker, welche an einem Riemen ein Kalebaßpiano trugen und es mit zwei Schlägeln bearbeiteten. Neben diesen Männern, welche die haarsträubendsten Melodien hervorzauberten, schritten Tambours, welche riesige röhrenförmige Trommeln mit ihren Fingern schlugen und dazu sangen. Dann erst folgte der Troß. Der König führte uns unter eine der hohen Mimosen und hier kam ein europäisch gekleideter Mann hinzu, der mir als ein Betschuana vorgestellt wurde und seit drei Jahren an Sepopo’s Hofe als Dolmetsch lebte.

Jan Mahura hieß das pfiffige, corpulente Individuum, das auch sofort sein Amt übernahm, während sich Blockley allein sehr gut dem Könige und dem Volke ringsum verständlich machen konnte. Durch Mahura stellte sich mir der Herrscher mit den Worten: Kia Sepopo morena a Zambesi (ich, Sepopo, der Herrscher vom Zambesi) vor. Dann setzte er sich auf ein kleines Holzstühlchen nieder, das ihm ein Diener nachtrug und lud uns mit einer Handbewegung ein, uns auf die Erde niederzulassen. Als der König mein Zaudern bemerkte, seinem Winke Folge zu leisten, ließ er zwei ringförmige Grasbündel herbeiholen und sie als Sitze anweisen. Nun half kein Zögern und nolens volens mußte ich mich bequemen, mich mit meinem schwarzen Gala-Anzuge niederzusetzen. Wir hatten kaum unsere primitiven Sitze eingenommen, als Sepopo meinen Begleiter Blockley mit zahllosen Fragen bestürmte.

Da ich noch nie zuvor einer so lebendigen Auseinandersetzung in Sesuto-Serotse-Sprache beigewohnt, konnte ich dem Gespräch nicht folgen und wandte meine Aufmerksamkeit den Umsitzenden zu. Sie theilten sich eben, um einem gebeugten jungen Manne, der eine große Holzschüssel trug, Raum zu geben. Ein Herold verkündete sein Amt; kaum hatte er uns begrüßt, als sich ein Duft von Bratfischen verbreitete, der mir die Unverständlichkeit der Sprache erträglicher machte. Der Mann stellte die Schüssel auf den freien Raum zwischen dem Könige und uns. Derselbe griff sofort zu und reichte den Häuptlingen Kapella und Maschoku je einen Fisch, und nun erst, nachdem diese den halben Fisch bereits verzehrt hatten, und er sich versichert halten durfte, daß die Speise nicht vergiftet sei, bot er mir und Blockley je einen Fisch und bediente sich selbst. Unsere Finger mußten Messer und Gabel ersetzen, wobei uns der Herrscher eines über 5000 Quadratmeilen großen Reiches mit gutem Beispiele und nicht geringer Fertigkeit voranging. Trotz unseres sehr fühlbaren Hungers — wir hatten seit Früh nichts zu uns genommen — durften wir, um keinen Verstoß gegen die Landessitte zu begehen, nur den halben Fisch verspeisen, und mußten den Rest dem nächstansitzenden Häuptling reichen, dieser aß auch nur einige Bissen und gab den Rest seinem Nachbar. So wurde mit zehn Fischen die ganze Versammlung gespeist und selbst die Leibeigenen durften sich an den Köpfen der Fische delectiren.

Die Bewohner des Marutse-Reiches verstehen es vortrefflich, Fische zuzubereiten, dieselben werden theils im eigenen Thran geschmort, theils an der Sonne getrocknet und dann auf Kohlen gebraten. Diese in der erstgenannten Weise zubereiteten Arten sind jene von den Zambesi-Völkern Tschi-Mo, Tschi-Gatschinschi, Tschi-Maschona etc. genannten, während sie Raubfische mit Ausnahme des an den Lippen stark bewehrten Inquisi verschmähen. So sah ich sie selten den schildköpfigen Wels genießen, und zwar hauptsächlich deshalb, weil das Fleisch dieses in Süd-Afrika so gemeinen Thieres im Zambesi von einem Parasiten, einem spiralförmigen, ähnlich den Trichinen eingerollten, drei Zentimeter langen Wurme förmlich durchsetzt ist. Eine große Menge von Fischen wird an der Sonne getrocknet und monatelang aufbewahrt, in Körbe gepackt, nach Norden geschickt und damit Handel getrieben.

Nach beendetem Mahle brachten mehrere Diener einige mit Wasser gefüllte Holzschüsseln, mit deren Inhalte sich die nächste Umgebung (der innere Kreis) die Lippen netzen mußte. Das Wunderlichste war jedoch das zweite Reinigungsmittel, um sich von den Fettresten des Mahles zu befreien. Einer der Diener brachte auf einer kleinen Holzschale etwa 20 wallnußgroße, schmutziggrüne Kugeln. Der König und sein Hofstaat nahmen je eine — auch uns schob man die Schüssel zu — bestrichen und rieben sich die Hände ein und wuschen sie hierauf. Meine Neugierde, den Stoff dieser Kugeln zu untersuchen, erregte allgemeine Heiterkeit. Jan Mahura »übersetzte« mir die Worte des Königs. »Rieche Herr«, worauf ich über den seifenartigen Charakter der Kugeln keinen Zweifel mehr hatte. Wir Weißen griffen nun zu den Sacktüchern, um die Hände zu trocknen, während Sepopo ein Libeko, d. h. seinen Nasenlöffel, nahm und sich damit die Feuchtigkeit von den Fingern abschabte, bis sie trocken waren, dasselbe thaten auch die Häuptlinge und die ihnen zunächst Sitzenden, doch gab es welche in den hintersten Reihen, welche selbst einen Libeko ersparen wollten und sich einfach die Hände an dem reinen Kieselsande trocken abrieben.

Dieser Libeko ist ein bei den Banthustämmen gebräuchliches, eisernes flaches, 1 bis 4 Zentimeter breites, 4 bis 35 Zentimeter langes, an einer Gras- oder Glasperlenschnur oder einem Riemchen etc. getragenes Miniaturschäufelchen, welches die Stelle eines Sacktuches vertritt und dessen Gebrauch die Verbreiterung der Nasenflügel und die Verunstaltung des Gesichtes zur Folge hat. Da sich die Sonne schon zum Untergange neigte, brach der König, von uns und den spielenden und singenden Musikern gefolgt, auf. Er lenkte seine Schritte nach unserem Landungsplatze, wo er mit seinen Leuten drei der Kähne bestieg, um eine Lustfahrt zu unternehmen. Während der Fahrt ließ er tüchtig drauf losknallen, worauf die ihm Folgenden würdig erwidern mußten. Nach circa fünf Minuten verließen wir den Strom, bogen in eine Lagune ein und waren, eine westliche Zweiglagune aufsuchend, nach einer guten Viertelstunde an Ort und Stelle, am Landungsplatze von Alt-Schescheke angelangt. Kaum 20 Fuß über dem eigentlichen Thale, am Rande eines tiefsandigen Gehölzes, lag das an das alte Masupia-Dorf angebaute Schescheke, welches der König mit der neu angelegten Residenz vertauschen wollte. An der Landungsstelle lag das aus Holz und Schilf errichtete Gehöfte des Händlers Westbeech, worin er seine Waaren so lange aufbewahrte, bis sie Sepopo gegen Elfenbein ausgetauscht hatte. Im Hofraume des Gehöftes standen drei Hütten, eine von dem Koch des Elfenbeinhändlers bewohnt, eine als Küche und die dritte als Wohnhaus für die Diener verwendet. Hinter dem Häuschen, zwischen demselben und dem Zaune, stand eine vierte, etwa fünf Fuß hohe, zwei Meter im Durchmesser haltende Hütte, ähnlich jener der Koranna’s (brodlaibförmig) mit einem niedrigen Eingange, daß man nur nach Art der Vierfüßler hineingelangen konnte. Diese sollte mein Palast sein, meine Wohnung während des ersten Aufenthaltes in der Residenz eines mächtigen Königs.

Bevor ich sie bezog, wurde ich noch mit Blockley vom König zum Nachtmahle gerufen; er saß auf einem mit Zement gepflasterten Höfchen auf einer Matte. Zu seiner Linken nahmen wir auf einem ähnlichen Teppich Platz, während sich einige neben der Königin zu seiner Rechten niederließen. Es wurde gekochtes Elandfleisch auf Tellern servirt, auch fehlten Messer und Gabeln nicht, deren Gebrauch dem Marutse-Hofe von den von der Westküste kommenden Händlern beigebracht worden war. Als Zuspeise zum Fleisch reichte man Manza, einen durchscheinenden Mehlbrei, den ich später sehr nahrhaft fand.[10] Nach Tisch wurde ein dickbauchiges, in einem langen gekrümmten Halstheil endigendes Kürbißgefäß mit Impote (Honigbier) hereingebracht und dieses in Blechbechern und in den von Westbeech dem Könige geschenkten Gläsern credenzt. Der Mundschenk setzte sich, nachdem er in die Hände geklascht, auf den freien Raum zwischen dem Könige und das Volk und trank selbst den ersten Becher, dann nippte der König von dem nächsten und gab den Rest der Lieblingskönigin zu seiner Rechten, dann mir und Blockley; auch von den Häuptlingen wurden manche bedacht, doch nur uns wurde die Ehre des »Zunippens« zu Theil. Nach beendetem Trunke des Impote stand der König auf, zog seine Stiefel aus, reichte sie der Dienerin, die das Essen herbeigebracht, und begab sich dann in seine Wohnung, in welcher ich ihn am nächsten Morgen zu besuchen und mich beim Frühstück einzufinden versprach.

Ich schlief schon seit zwei Stunden auf meinem Kistenlager, als ich durch einen Lichtschimmer und ein Geräusch in dem kleinen Raume der vorderen Kammer des Waarenhäuschens erwachte. Ich sah nun Sepopo von seinen Leuten begleitet, unter den von Blockley mitgebrachten Waaren herumkramen und endlich eine Wagenlaterne, um die er schon am Tage den Händler vergebens angesucht, ergreifen, und sich dann schleunigst entfernen. Dies war jedenfalls eine originelle Art und Weise, wie sich der Marutse-Herrscher ihm gefallende Gegenstände zu verschaffen wußte.