Hafen von Schescheke.

Nachdem der König zugehört verhielt er sich einige Minuten ruhig, dann warf er die Frage auf: »Spricht der weiße Doctor die Serotse oder die Sesuto?« Ich antwortete verneinend. »Spricht der weiße Doctor die Sprache dieser beiden Männer,« und er wies auf zwei zu seiner Linken liegende Männer, von denen mir der eine als Halbkast und durch sein verdächtiges Aussehen so aufgefallen war. Als ich mich darauf erkundigte, was dies für Leute seien, antwortete mir der eben erwähnte, indem er seinen Hut lüftete mit demüthiger Stimme. »Wir sind portugiesische Händler von Matimbundu und gute Christen.« Das waren also die sogenannten Mambari, von denen ich schon so viel Unfreundliches vernommen. Der mir vom Könige als ein »großer Mann« und Doctor vorgestellte, hieß Sykendu. Als der Mann zu mir aufsah, war ich durch seinen gleißnerischen Blick in meiner erstgefaßten Meinung nur bestärkt. Als Sepopo vernahm, daß ich auch ihre Sprache nicht verstehe, meinte er, daß ich sie in Schescheke erlernen müßte, da mir diese Männer als Führer und Dolmetscher ausgezeichnete Dienste leisten könnten, und so hörte ich, daß den portugiesischen Händlern (ich lernte später noch mehrere kennen) von Loanda, Mossamedes und Benguela jene Gebiete, die wir bis jetzt zwischen der Westküste und dem Bangweolo-See und nach Osten bis an die Mündung des Kafueflusses als eine Terra incognita betrachten, in allen Details bekannt sind; sie kennen nicht allein die verschiedenen Eingebornenreiche und ihre Herrscher, sondern auch die Unterhäuptlinge und die Charakterzüge derselben. Sie kannten auch alle Höhenzüge und Flüsse, welche man auf einem Zuge durch diese Gebiete zu überschreiten hatte. Und doch hatten es diese Leute, ebensowohl als ihre weißen Collegen von der Westküste für gerathen gefunden, von diesen Kenntnissen zu schweigen, um nicht Handelsleute anderer Nationen nach den an Elfenbein und Gummi reichen Ländern zu locken. Ich ersuchte Sepopo um zwei Führer, doch bevor er noch antworten konnte, überraschte mich Sykendu mit einer Antwort. Seinen Hut abermals lüftend, beugte er den Kopf bis zur Erde und indem er ein lateinisches Kreuz schlug, machte er einen Schwur bei der Mutter des Heilandes, daß er und der neben ihm liegende Bruder die beiden besten Christen im Innern und deshalb auch die besten Führer wären. Dies war wohl die Antwort auf die mißtrauischen Blicke, mit denen ich die Männer zu betrachten mich nicht erwehren konnte. Abermals herrschte auf einige Minuten Stille, dann meinte Sepopo, es wäre gut, wenn ich mir vielleicht die Serotse oder die Sprache der Makololo aneignen würde. Er meinte, ich würde dann etwas verhüten, was Livingstone auf seinem Zuge durch das nördliche Mamboeland begegnet. Der Monary (Livingstone) konnte sich mit den Leuten nicht verständigen und deshalb dachten jene Häuptlinge, daß er ein Zauberer und mit dem Regen vom Himmel herabgefallen sei. Monary mußte jeden von ihnen mit einem Gewehre beschenken, um sie vom Gegentheile zu überzeugen. Sykendu warf sodann die Frage auf, ob der Engländer auch wisse, daß man ihre Führerdienste gut bezahlen müsse, worüber ihn Sepopo vollkommen beruhigte. Sykendu forderte vier 80 Pfund schwere Elephantenzähne als Führerlohn, ich bot jedoch nur vier solche zu 40 Pfund unter der Bedingung, daß diese von mir bei Sepopo deponirt würden und meinen Führern erst bei ihrer Rückkehr von Matimbundu, wohin sie mich zu bringen hatten, vom Könige auszufolgen wären. Als ich jedoch einige Monate später Schescheke verließ und mich auf meine Weiterreise begab, zog ich ohne die beiden Mambari, ich hatte sie nämlich in der Zwischenzeit als Sklavenhändler kennen gelernt und anderweitige Gründe gefunden, ihnen zu mißtrauen.

Als an jenem Abend die Sache mit den Mambari in’s Reine gebracht worden war, versprach Sepopo, mich mit Kähnen und Bootsleuten zu versehen, die Letzteren sollten mich bis nach der Barotse bringen, hier sollten diese von Marutse-Männern und in jeder weiteren Provinz bis in das Mamboëland durch neue Leute abgelöst werden. Die Mamboë jedoch hätten mich bis an’s große Wasser, d. h. das Meer zu begleiten, wofür ich einen jeden mit einer Muskete zu entlohnen gehabt hätte, während die mir blos auf kurze Strecken mitgegebenen Bootsleute mit Hemden oder Kattun bezahlt werden sollten. Außerdem versprach der König den am Flusse wohnenden Völkerschaften den Befehl zu ertheilen, mich und meine Gefährten mit den nöthigen Lebensmitteln zu versorgen. Er rieth mir zwar an, mich nach Norden gegen den See Bangweolo zu wenden, da ich dann mit Trägern reisen und Kähne ersparen würde, was für ihn angenehmer und für mich gefahrloser sein würde.

Wie oft bereute ich es später, seinem Rathe nicht gefolgt zu sein. Ich dachte der Wissenschaft mehr zu nützen, wenn ich den Zambesi bis an seine Quellen verfolgte und anderseits hoffte ich, daß mich die Bootfahrt weniger ermüden würde und ich meine Kräfte für die weitere große Landreise reserviren könnte.

Ich entschloß mich, so bald wie möglich in das Panda ma Tenka-Thal zurückzukehren, meine Angelegenheiten zu ordnen und mich dann wider nach Schescheke zurückzubegeben, um meine Reise nach dem Zambesi aufwärts fortzusetzen. Am 22. besuchte ich die nach Osten zu gelegene, zum Aufbau der neuen Stadt bestimmte Stelle; auf dem Wege dahin wie am Orte selbst bot sich mir ein höchst interessanter, pittoresker Anblick. Die Erbauung der neuen Stadt war im vollen Zuge, der Fluß wimmelte von Kähnen, in denen Männer Gras, Pfähle, Schilfrohr herbeizuschaffen bemüht waren. Da waren eben einige beladene Kähne im Begriffe den Fluß zu kreuzen, um sich ihrer Last an unserem Ufer zu entledigen, während andere eben abstießen, zahlreiche andere stromaufwärts und abwärts dahinglitten. Landeinwärts schleppten einzeln oder im Gänsemarsch einander folgende Männer und Frauen riesige vorne überhängende und hinten beinahe bis zur Erde reichende Grasbündel heran. Andere Haufen von Männern trugen an Pfählen riesige Thongefäße aus den königlichen Kornkammern, um sie in dem neu zu errichtenden königlichen Gehöfte zu placiren. Von Zeit zu Zeit begegnete ich einem »wandelnden Dache«. Ich sah vor mir eines der kugelförmigen Grasdächer sich in dem hohen Grase bewegen, oder ich wurde durch das plötzliche Erscheinen eines anderen aus meinen Träumereien gerissen. Nur bei näherer Untersuchung konnte ich die Locomobile dieser Dächer erkennen, schwarze Schenkel wurden in dem hohen Grase sichtbar, es waren jene der Träger, welche zu 10 bis 30 durch das hohe Gras schlichen. An der Vorderseite hatte man eine kleine Oeffnung angebracht, durch welche der leitende Träger herauslugte. Manche der Arbeiter zogen singend, andere tanzend dahin, wieder andere liefen in scharfem Trab an mir vorüber. Auch die Königinnen waren nicht müßig, ich sah welche im vollen Stolze ihrer Würde einherschreitend und von einem Trosse Grasbündel tragender Dienerinnen begleitet.

Einmal rief mich der Gruß: »Moro (Guten Morgen), Moro! Njaka Makoa (Doctor, Weißer) wach und als ich mich umkehrte, sah ich den Masupia-Häuptling Makumba mit einer Schaar seiner Leute an mir vorüberpassiren. In der Blockley’s Gehöfte von drei Seiten (nach Norden, Westen, Osten) umgebenden Stadt Alt-Schescheke waren zahlreiche Menschen mit dem Abbrechen der Rohrhütten und Häuschen und der Uebersiedelung ihres Eigenthums beschäftigt. Auch Blockley packte seine sieben Sachen zusammen, um sich einstweilen in Neu-Schescheke in einer für ihn auf Befehl des Königs errichteten Grashütte niederzulassen.

Ich war, nach Alt-Schescheke zurückgekehrt, eben mit meinem Tagebuche beschäftigt, als mich der wiederholte Ruf »Molelo, Molelo« (Feuer) emporriß und vor die Hütte trieb. Ich sah zwar nur ein brennendes Gehöft, doch dieses eine stand in der Mitte einiger hundert anderer aus trocknem Rohr errichteter, von der Sonnenhitze gedörrter, und deshalb rasch in ein Flammenmeer verwandelter Hütten. Ein starker Ostwind fachte die Flammen immer mehr an, an den nach dem Flusse zu mündenden Pfaden erschienen heulende und schreiende Frauen und Kinder. Dazwischen dröhnten die Detonationen der Schüsse aus den in den Hütten zurückgelassenen Gewehren. Die Kugeln schlugen bald hier bald dort ein und gefährdeten die Lage der den Brandplatz umgebenden Leute in hohem Grade. Sowie ich meine wenigen Sachen aus der Hütte herausgeschafft hatte, kam Blockley herbeigerannt. Er kam um Schaufeln zu holen, da sich am Waldesrande, an der dem Feuer entgegengesetzten Seite die Hütte befand, in welcher Westbeech sein, sowie das an Sepopo verkaufte Schießpulver aufbewahrt hatte. Es galt nun den Pulvervorrath so rasch als möglich aus der Hütte zu schaffen und es in dem feuchten Boden zu vergraben, da ein Waldbrand zu befürchten war. Nach Westen, etwa 30 Schritte weit, lag des Königs Pferdestall (aus Pfählen errichtet) und nach Osten eine kaum zwei Meter ab liegende Gruppe von Hütten, doch da sie beide von der Hauptmasse, die vor uns (nach Norden) im Feuer stand, circa fünfzehn Schritte entfernt waren, weniger gefährlich. Die meiste Gefahr drohte eben von vorne, wo zwei Rohrgehöfte aus der Masse hervortretend, unserer Schilfumzäunung auf fünf Meter Entfernung gegenüberstanden, sie war noch vom Feuer verschont geblieben. Wirkte auch der durch die Flammen sausende Wind mit dem tausendfachen Geknatter, das von dem Brande zahlloser Rohrschäfte herrührte, sowie die von der Sonne und von dem Feuer ausgehende Gluth sinnebetäubend, so verschuldeten es doch in erster Linie die sich entladenden Gewehre, daß sich die Reihen der Löschenden so stark lichteten, und ich fürchten mußte, im Augenblicke der höchsten Noth allein zu stehen. Ich hatte nur meinen Diener Pit und einen von Blockley’s Dienern bei mir, welche die wenigen Thon- und Kürbisgefäße, die uns zur Verfügung standen, am Flusse füllten und dabei noch die Hälfte davon im Eifer der Arbeit zerschlugen. Mein Beispiel eiferte bald mehrere Eingeborne zur Nachahmung an und so gelang es mir, der Verbreitung des Feuers eine Schranke zu setzen, nachdem ich die Rohrumzäunung unseres Gehöftes niedergerissen hatte.

Mehr als die Hälfte von Alt-Schescheke wurde durch diesen Brand zerstört; als Sepopo von der Baustelle von Neu-Schescheke aus das Feuer sah, machte er seinem Unmuth in einer für seine Umgebung recht fühlbaren Weise Luft. Er hieb auf sie mit dem Stocke los, bis er sich müde geschlagen. Freudig begrüßte ich den siegreich zurückkehrenden Blockley, dem es gelungen war, das Schießpulver zu retten und auch er gab seiner Freude Ausdruck, daß ich sein und Westbeechs Waarengehöfte gerettet hatte. Ich hatte keine Ahnung, daß ich selbst in der größten Gefahr schwebte, da in dem Gehöfte, dessen Rettung mir gelungen war, Blockley 700 Pfund Schießpulver in einer Kiste aufbewahrt hatte.

Am nächsten Tage kamen mehrere Kähne von der Barotse, welche der König zu meiner Verfügung stellte; er rieth mir, rasch zu meinem Wagen nach dem Panda ma Tenka-Thale zu eilen und mich bald wieder in Schescheke einzufinden. Ich blieb in Neu-Schescheke, nachdem ich zu Blockley übersiedelt war und das Häuschen in Alt-Schescheke verlassen hatte, bis zum 30. August. Die Zeit meines Aufenthaltes in der königlichen Residenz verwendete ich meist zur Vermehrung meiner ethnographischen Sammlungen und zum Studium der Gebräuche der hier so zahlreich versammelten Eingebornenstämme des Reiches, nebstbei zur Erlernung der Sesuto-Sprache. Da ich dem Versprechen des Königs zufolge den Weg nach der Westküste offen zu haben wähnte, schloß ich mit Blockley ein Geschäft ab, wobei er sich verpflichtete, meinen Wagen mit den Sammlungen nach Schoschong zu bringen, wo sie einstweilen deponirt werden sollten. Dafür verkaufte ich ihm, da er es außerdem sehr benöthigte, mein Gespann für Elfenbein und verschiedene Waaren, wie Calico, Glasperlen etc.

Ich will nun im Folgenden einige Züge aus dem Charakter der das Marutse-Mabunda-Reich bewohnenden Stämme anführen und mit der Erzählung einiger Begebenheiten in der Zeit vom 26. bis 30. August die Schilderung meines ersten Besuches bei Sepopo schließen.