Mit Ausnahme der östlich von den Matabele wohnenden Maschona ist kein Stamm in Südafrika so thatkräftig wie mehrere das Marutse-Mabunda-Reich bewohnenden Stämme und da die Producte ihrer Kunstfertigkeit reichlich im ganzen Lande verbreitet sind, fallen sie dem vergleichenden Ethnologen sofort in die Augen und sprechen für die relativ hohe Culturstufe der Stämme. Dieses Uebergewicht über die südafrikanischen Stämme wird aber noch schlagender, wenn wir ihre Geschicklichkeit im Canoefahren, Fischen etc., ins Auge fassen. Die Fertigkeit in der Production von Gegenständen aus Metall, Bein, Horn, Haut, Holz und ihre sonstigen Verrichtungen lassen auf eine nicht unbedeutende Stufe geistiger Fähigkeiten schließen. Sie lechzen nach jeder Belehrung und Unterweisung und begreifen leicht. Zur Vervollständigung der Parallele zwischen ihnen und den Stämmen südlich des Zambesi muß ich jedoch auch erwähnen, daß sie in moralischer Beziehung tiefer als die meisten der Eingebornenstämme Süd-Afrika’s stehen, doch ist diese Erscheinung durch den primitiven, urwüchsigen Zustand bedingt, in dem Wilde, wenn sie von der wohlthätig auf sie einwirkenden Außenwelt abgeschlossen sind, verbleiben und keineswegs ein erworbenes Laster, wie wir es bei der Hottentottenrace finden. Deßhalb glaube ich auch mit Rücksicht auf ihre geistigen Fähigkeiten, daß sich diese Schattenseite ihres Charakters allmälig heben lassen wird.
Uebersiedlung nach Neu-Schescheke.
Ein weiterer tief im Wesen und in der Tradition des Volkes begründeter Uebelstand ist der Hang zum Aberglauben, worin die Völker des Reiches die übrigen Süd-Afrika’s weit überragen und der durch die zahlreichen Menschen, die ihm zum Opfer fallen, noch verschärft wird. Unter allen anderen südafrikanischen Stämmen herrscht derselbe nur bei den Zulu’s und Matabele’s in ähnlich abschreckendem Maße. Da jedoch am Zambesi das Königshaus die Hauptschmiede des Zauberschwindels ist und die Könige ihre Grausamkeiten oft aus Aberglauben ausüben, somit von ihnen derselbe wissentlich bei den Unterthanen genährt und verbreitet wird, dieselben dann wegen der vielen aus diesen Untugenden des Königs und seiner Rathgeber hervorgehenden Schreckensthaten das Oberhaupt mit seinen Lehren vom Zauber und Aberglauben fürchten und hassen lernen, so wäre es am zentralen Zambesi mehr als irgendwo in Süd-Afrika lohnenswerth, diese abergläubischen Gebräuche, das wichtigste Hinderniß der Civilisation zu schwächen und zu beseitigen.
Der König der Marutse ist unumschränkter Herrscher und Besitzer des Landes und seiner Bewohner. Trotzdem aber streckt — mit Ausnahme Sepopo’s, dessen Regierung die eines Tyrannen war — der Herrscher nur selten seine Hand nach fremdem Eigenthume aus. Der jeweilige Herrscher oder die Herrscherin (die Frauen sind bei den Nord-Zambesistämmen als Regentinnen, weil sie weniger grausam als die Männer sind, beliebter) bestimmen ihren Thronfolger schon bei Lebzeiten. Derselbe kann Knabe oder Mädchen, muß aber stets einer Marutse-Mutter entsprossen sein. Bei den conservativen Betschuana’s gilt der erste männliche Sprosse der ersten Frau als Nachfolger und diese Bestimmung besitzt solche Rechtskraft, daß selbst im Falle eines frühzeitigen Ablebens des rechtmäßigen Königs, der erste Sohn, dem die verwitwete Königin das Leben gibt, der rechtmäßige Herrscher des Landes wird. Im Jahre 1875 bestimmte Sepopo, daß sein sechsjähriges Töchterchen die zukünftige Herrscherin des Marutse-Reiches werden solle, von Rechtswegen hätte Moquai, seine älteste Tochter, die rechtmäßige Thronfolgerin sein sollen, da sie jedoch als Königin der Mabunda’s einen großen Anhang im Lande hatte, schien sie ihm als Thronfolgerin zu gefährlich. Die erste Frau des Königs wird »Mutter des Reiches« genannt.
Der König gilt auch für den größten Zauberer und Heilkünstler und unter dem Deckmantel dieser bei den meisten Völkern so geachteten Künste wurden von Sepopo die schrecklichsten Verbrechen begangen, wobei er nach Herzenslust das Volk hinterlistig täuschte, trotzdem er selbst vom Unsinn vieler abergläubischer Gebräuche durchdrungen war.
Der jeweilige Herrscher des Marutse-Reiches besitzt sehr große Einnahmsquellen. Außer seinen ausgedehnten bebauten Ländereien, die theils von ganzen Colonien seiner dazu beorderten Unterthanen, theils von seinen vielen mit zahlreichem Gefolge versehenen Gemahlinnen bewirthschaftet werden, betragen die directen Abgaben, wie der eingezahlte Tribut ganz erstaunliche Mengen an allerlei Artikeln, welche ein Marutse-Fürst sich nur wünschen kann und repräsentiren einen bedeutenden Werth. Da Gummi elasticum wie auch Elfenbein, die ihm als Krongut abgeliefert werden müssen, die wichtigsten Tauschartikel bilden, so ist der Herrscher der eigentliche und erste Kaufmann des Landes. Er kauft oft Wagenladungen von Waaren im Werthe von 3—5000 £ St., verschenkt den größten Theil davon an seine nächste Umgebung oder an die ihn zufällig aus den entlegeneren Theilen des Reiches aufsuchenden Unterthanen, wobei jedoch die vertheilten Waffen, wie Gewehre etc. stets des Königs Eigenthum verbleiben. Trotzdem gelüstet es oft doch noch dem Könige nach einer schönen, einem der wohlhabenderen seiner Unterthanen angehörenden Rindviehheerde, die ihm seiner Auffassung nach zugehört, die er jedoch des guten Scheines halber nicht ohneweiters ausgeliefert haben will, sondern sich ihrer auf andere Weise bemächtigt, z. B. dadurch, daß er einfach den Besitzer des Hochverrathes, der Zauberei ober eines Mordes anklagt, verurtheilt und hinrichten läßt.
Der Herrscher kann das Leben nehmen wann und wie er will; er kann zu Sklaven machen wen und wie viele er will; er kann seine Hand nach der Frau eines Jeden ausstrecken, wenn diese sein Wohlgefallen erregt, wobei er einfach den Gemahl zur Seite schiebt und ihm eine andere Frau anbietet oder gibt; er kann ferner die Kinder den Eltern entreißen, wenn diese zu dieser oder jener Zauberei nothwendige Objecte bilden sollten. Die Regentinnen können sich nach Gefallen einen Gemahl wählen, ohne Rücksicht, ob der Mann schon durch eheliche Bande gebunden ist oder nicht. Der Regent besitzt immer das Schönste, was von den Nachbarvölkern, was von den Weißen ausgetauscht, oder was kunstvollst im Reiche selbst ausgearbeitet wurde. Hochverrath wäre es, wenn Jemand Schöneres oder Werthvolleres als der Herrscher besitzen würde. Oft bot ich den Leuten Geschenke an, die jedoch, wenn es ungewöhnlichere Objecte betraf, mit den Worten zurückgewiesen wurden: »Wir dürfen es nicht nehmen, wir wissen nicht, ob es Sepopo besitzt.«
Im Bauwesen überragen die Völker des Marutse-Mabunda-Reiches die meisten südlich vom Zambesi wohnenden Eingebornenstämme, den in diesem Fache Gewandtesten kommen sie gleich. Es gilt dies jedoch nur von den feste Wohnsitze innehabenden Stämmen, nicht aber von jenen, die sich blos periodisch der Ernte, der Fischerei oder der Jagd halber kurze Zeit an einem selbstgewählten oder ihnen vom Statthalter oder König angewiesenen Orte aufhalten. Solche periodische Wohnsitze finden wir namentlich an den Ufern der großen Flüsse, an östlichen und südlichen Waldabhängen und im Dickicht der Wälder, wo mitten in denselben ebene Lichtungen das Wild anlocken. Feste Wohnsitze sind über das ganze Land zerstreut; das Land der großen Städte ist aber die Barotse. Die Völker bauen im Allgemeinen gefällige, angenehme und gediegene Hütten und Häuser und — was sehr in die Wagschale fällt — sehr rasch. Es läßt sich leicht erkennen, daß es namentlich die Natur ist, in der die Völker leben, die ihnen das Baumaterial so reichlich und unter so geringer Mühe liefert und so das Bauen erleichtert, allein wir dürfen den Leuten auch einen gewissen Sinn, ein größeres Verständniß in dieser Fertigkeit nicht absprechen, die wir bei den meisten der südlich vom Zambesi wohnenden Stämme vermissen, denen ebenfalls von der Natur das Baumaterial in unmittelbarer Nähe und reichhaltig gespendet wird. Ich erwähnte bereits, in welch’ kurzer Zeit Neu-Schescheke aufgebaut wurde. Man kann nicht behaupten, daß die Hütten der Betschuana-, der Zulu-, Hottentotten-Race etc. mehr Schutz gegen das Feuer gewähren, als jene nördlich des Zambesi; hier jedoch wird der durch das Feuer verursachte Schaden so leicht und rasch ersetzt, daß das Unglück minder fühlbar wird.
Das Flußnetz des Marutse-Reiches mit seinen ausgedehnten, hoch und dicht bewachsenen Marschen bietet den Bewohnern reichliche, fruchtbare, wohlgelegene Ansiedlungsstellen und das Riesenwälder bildende Schilf ein vorzügliches Baumaterial, Holz zum Baugerüste, Lattenwerk, Bast, und daraus wie aus Palmenblätter geflochtene Seile und Taue, Nägel und Klammern, dichtes riesiges Gras als Eindeckungsmaterial, Sand und Thon zum Cement finden sich fast überall und wo es fehlt, kann es mit den raschen Booten in kurzer Zeit herbeigeschafft werden. Dabei hilft Einer dem Andern, wo es nöthig ist. Bezüglich ihrer Anlage sind die Städte so nahe als es die jährlichen Ueberschwemmungen gestatten, an die Flüsse angebaut und in der Regel von einem Kranze von Dörfern umgeben, in denen meistens Leibeigene wohnen, die für ihre Herren in der Stadt in deren nächster Umgebung Felder bestellen, Getreide anbauen oder auch Viehheerden hüten müssen. Außerdem sind die Städte bedeutend reiner gehalten als jene südlich des Zambesi, wozu, wie zur persönlichen Reinlichkeit, auch wieder der Ueberfluß an Wasser die Erklärung gibt.