Unter den verschiedenen Stämmen des Reiches fand ich die Marutse im Bauen praktischer als die von ihnen unterjochten und tributpflichtigen Stämme. Bei den Marutse beobachtete ich drei wesentlich von einander verschiedene Bauarten, und zwar: concentrische hohe, cylindrische und Langbauten. Die concentrische Bauart besteht aus zwei Häusern, von denen das eine, an Umfang kleinere, jedoch höhere, in ein weiteres, niedrigeres hineingebaut ist und beide von einem kegelförmigen Riesendache überdacht werden. Die Form des inneren Hauses ist die eines Kegelstutzens, es trägt ein eigenes kleines, gewölbtes, niederes Dach, die Form des äußeren Hauses ist eine cylindrische. Das gemeinschaftliche Dach reicht von der Spitze des Innenbaues ein bis zwei Meter über den Außenbau und wird an seiner Peripherie von einem Pfahlkranze gestützt, wodurch noch um den Außenbau eine schattige Veranda geschaffen wird. Den Bau dieser Häuser übernehmen die Frauen, jenes des Königs die Königinnen, nachdem ihnen ihre Männer, hier die Diener oder die dazu beorderten Unterthanen das nöthige Material herbeigeschafft, geebnet und mit Cement (aus Thon und Sand hergestellt) angeworfen haben. Die Baustellen haben gewöhnlich einen Umfang von 6 bis 12 Meter. Die Peripherie wird zu einer 30 bis 40 Centimeter tiefen, 10 bis 15 Centimeter breiten Furche vertieft und in diese lose Bündel von starkem, über vier Meter hohem Rohr eingelassen und die Furchen sodann ausgefüllt. Mittelst zwei bis vier Palmenblattstricken wird diese cylindrische Rohrmauer der Quere nach durchflochten, die Rohrstengel fest mit einander verbunden, wobei ich beobachtete, daß diese zum Durch-, Um- und Aneinanderflechten der Rohrbündel und Stengel benützten Querverbindungen nach oben zu kürzer werden, so daß statt einer cylindrischen eine kegelstutzförmige, etwa drei bis vier Meter hohe Rohrmauer entsteht, welcher Vorgang auch genau der Natur des Baumaterials entspricht.
In einer Höhe von drei bis vier Meter über dem cementirten Boden wird das Rohr gleichmäßig abgeschnitten und dann in allen Fällen die Außenseite, bisweilen auch die Innenfläche dieser Rohrwand cementirt. Nachdem dies vollendet, wird von Männern das niedere kegelförmige Rohrdach geflochten und von den Frauen einer enganschließenden Kappe gleich, dem Baue aufgesetzt und von außen cementirt. Mit einer in der Regel dem Hofeingange entgegen blickenden Thüröffnung von halb ovaler Gestalt, die man in die Rohrwand einschneidet und deren Rahmen man durch kunstvolles Cementgesimse ersetzt, vollendet man den Bau des concentrischen Hauses. Bei der Anlage des Außenbaues wird in ähnlicher Weise vorgegangen. Auch hier wird eine Furche gegraben, der Boden cementirt und Rohrbüschel, doch nur von 2⅔ bis 3⅓ Meter Höhe eingepflanzt, die etwa 30 Centimeter tief im Boden sitzen. Da diese Umfassungsmauer die Wucht des Hauptdaches zu tragen hat, wird die Rohrwand durch zahlreiche, eng aneinander oder höchstens 50 Centimeter von einander abstehende, ihr an Höhe gleichkommende oder sie um einige Centimeter überragende, der Rinde beraubte Pfähle gestützt. Die Außenfläche dieses äußeren Hauses ist stets, die Innenfläche zumeist cementirt, weshalb man kaum das leichte Baumaterial vermuthen würde. Genau mit der Oeffnung des Innenbaues correspondirend ist auch an dem Außenbaue die Thüre angebracht, bei allen größeren Bauten von Manneshöhe, 2½ Meter hoch und 80 Centimeter bis einen Meter breit. Ist der Außenbau (12 bis 24 Meter im Umfange) von den Frauen vollendet, so wird das Hauptdach von Männern geflochten und die Verandapfähle in einer Entfernung von 1 bis 1½ Meter von dem Außenbau eingerammt. Der Raum zwischen diesen Pfählen und dem Außenbau, d. h. das Trottoir der Veranda wird etwa 10 bis 20 Centimeter hoch aufgeschüttet und cementirt. Ist nun inzwischen das kegelförmige Riesendach fertiggestellt, so wird es dem Außenbau aufgesetzt, die schwierigste Procedur bei der gesammten Bauthätigkeit. In einem Tempo wird das Dach von 40 bis 60 Männern mittelst 3 bis 4½ Meter langen Pfählen von der Erde gehoben und auf die kürzeren Pfähle gestützt; nun verwechseln einige, nach und nach alle die kurzen Pfähle gegen die längeren und abermals wird das Dach in einem Tempo hoch aufgehoben, daß der Rand an einer Stelle auf der Dachspitze des Innenbaues ruht und dann mit Bedacht von der entgegengesetzten Seite weitergehoben, bis es über dem Dache des Innenbaues liegt. Das ungleichmäßig die Veranda überragende Rohr wird nun zugestutzt und von Männern wie Frauen das Dach mit dem trockenen, vorjährigen Ufergras gedeckt. Dabei wird zuerst das Dach mit einer 15 bis 30 Centimeter dicken Graslage regendicht überschüttet und mit Fächerpalmenstricken und Tauen netzartig umwunden, um es gegen den Wind widerstandsfähig zu machen.
Auf das Glätten des grauen Cementes und vor Allem auf den gesimsartigen Rahmen der inneren Thüre, auf welcher dünne Leisten auf das Feinste und symmetrisch ausgeführt sind, wird die größte Mühe verwendet. Der König besitzt in seinem Hofe drei solche in dem Winkel eines gleichschenkeligen Dreieckes stehende Häuser; zwei bis drei Königinnen je eines; die Würdenträger in der Regel eines bis zwei. Namentlich schön und gediegen sollen jedoch die königlichen Gebäude in der Barotse gearbeitet sein. Die Nebenhäuser der Königinnen sind nach Art der backofenförmigen Bauten der Masupia’s gearbeitet. Der königliche Hof besteht aus mehreren um die Gebäude des Regenten concentrisch angeordneten Häusergruppen.
Die königlichen Wohnhäuser sind von einer elliptischen Umzäunung umgeben und werden nach außen hin von zwei concentrischen Gehöftkreisen umfaßt, die je sechs bis acht Gehöfte zählen, welche von den Königinnen bewohnt werden, im weiteren Umkreise befindet sich sodann das königliche Vorrathshaus, das Küchen-Departement, die Hütte für die königliche Musikbande; im vierten äußersten Kreise stehen das im europäischen Style gehaltene Berathungshaus und die Hütten der Dienerinnen und Diener. Die Häuptlinge wohnen in einem weiten concentrischen Kreise um den Complex der königlichen Wohnungen, oder wenn sich, wie in Neu-Schescheke, die königlichen Gebäude an ein Gewässer lehnen, in einem Kreissegmente, wobei jedem Häuptlinge die Stelle, an der er sich in der Residenz niederlassen soll, genau ausgemessen ist. Den Hofeingang versperrt man bei Nacht, um die Raubthiere abzuhalten, mit einer aus Rohr gearbeiteten Thüre.
Eine zweite Bauart, hauptsächlich bei einem Zweigstamme der Marutse im Gebrauche, ist die cylindrische. Die in diesem Style aufgeführten Hütten sind cylindrisch und hoch, selten und dann nur an der Innenwand cementirt. Sie haben einen Durchmesser von 3 bis 4 Meter und sind mit einem 1 bis 1¼ Meter hohem Rohrdach gedeckt, welches an seiner Spitze verschiedene, aus Holzstücken, Gras- und Strohseilen verfertigte Verzierungen trägt.
Eine andere Bauart der Hütten bei den Marutse ist die giebeldachförmige, mit einem gewöhnlich in der Mitte angebrachten, der Hofthür zugekehrten niedrigen Eingang, an dessem Rahmen das Baumaterial, Schilfrohr oder Gras, vorspringende Kämme bildet, um den Regen abzuhalten und einen besseren Verschluß zu sichern. Die armförmigen, oben bogenartig in einander greifenden Rohrbündel sind durch zahlreiche, dünnere aus gleichem Material geformte Latten der Quere nach verbunden. Bei größeren Bauten wird der Giebel durch drei bis fünf Pfähle gestützt und durch Matten-Verschalung das Innere in zwei ungleiche Räume getheilt, von denen der kleinere als Empfangs-, der größere als Schlafraum benützt wird. Solcher Giebelbauten enthält ein größeres Gehöfte einen bis zwei, bei einem Wohlhabenden findet sich in der Regel noch eine Rundhütte als Kornkammer und bei einem Häuptlinge eine ähnliche als Berathungshaus. Der Hofraum ist von länglich-ovaler Form und das Hauptgebäude mit seiner Frontseite dem Eingange zugekehrt.
Von den in Schescheke lebenden Marutse wohnen zwei Drittel derselben in solchen Häusern unter dem Häuptlinge Maranzian. Die Mabunda’s haben den Langbau der Marutse im Gebrauch, nur sind ihre Hütten kürzer und breiter und haben einen flacheren First. Die Umzäunung ist eine viereckige und besteht aus ½ bis 2 Meter hohen Pfählen, die in einer Entfernung von ein bis zwei Meter in die Erde eingelassen sind, und einem sich an diese mittelst Querstangen stützenden Rohrzaun.
Musikinstrumente der Marutse.
Außer den genannten drei Häusern fand ich in dem königlichen Hofraume noch drei Hütten, welche mir auffielen, erstlich des Königs Apotheke und sein Badezimmer, eigentlich ein auf dünnen Pfählen ruhendes Strohdach mit einem Durchmesser von etwa drei Meter und mit einem fünf Fuß hohen Pfahle in der Mitte. Dieser Pfahl war mit kleinen Körbchen, Kalebassen, Säckchen, Antilopenhörnern, Knochen, Korallensträngen etc. behangen, unter denen die gefäßartigen Objecte heilende Kräuter, sowie Gifte, deren man sich zu den Hinrichtungen bediente, doch auch allerlei Zauberschwindel, Zauberinstrumente und Mittel aus Holz, Rohr, Vogel- und Thierknochen, Elephanten- und Nilpferd-Elfenbein, Fruchtschalen, Thierklauen, zu Pulver gebrannte Knochenstücke, ferner die Schuppen des Schuppenthieres und des Krokodils, Schlangenhaut, Tuch- und Wolllappen enthielten. Auch auf dem Boden der Hütte lagen solche Gegenstände in verschiedenen Gefäßen und an der Innenseite des Hüttendaches war ein Medicinkistchen aufgehangen, das ein portugiesischer Händler einst Sepopo verehrt hatte. Außerdem hingen einige Musikinstrumente in der Hütte und jeden Abend wurde eine riesige runde Holzschüssel hereingebracht, in der Sepopo sein Bad nahm. Vor derselben stand eine kleinere Hütte mit einem prismatischen Dache, in welcher verunstaltete Elephantenzähne, deren man zufällig auf der Jagd habhaft geworden war, sowie einige Gefäße mit allerlei Zaubermitteln lagen, deren sich der König auf der Jagd bediente. Hinter dem Empfangshause erhob sich ein ähnlich geformtes, bedeutend kleineres, prismatisches, auf einen Baumstamm gehobenes Dach, unter welchem eine Unzahl von Elephantenschwänzen als Trophäen dieser in der Nähe von Schescheke erlegten riesigen Dickhäuter, sowie eine Gruppe von Assagaien, die größten und bestgearbeiteten im ganzen Lande vor dem schädlichen Einflusse des Regens geschützt wurden. Zwischen dieser Hütte und der hohen Rohrumzäunung standen auf Holzgestellen und Stäbchen einige Gefäße (Kürbisschalen und Thon), in welcher zur Jagd benöthigte Zaubermittel aufbewahrt wurden. Bei meinen Gängen durch die Stadt fand ich in jedem Höfchen einen Baumast oder einen kleinen trockenen Stamm eingepflanzt, an dem die Kopfskelette der Antilopen sowie die Atlaswirbel der größten Säugethiere, die Jagdtrophäen des Herrn des Gehöftes, hingen und die von dessen Thatkraft Zeugniß geben sollten. Nach dem Tode des Mannes werden dann diese Trophäen auf sein Grab niedergelegt.