Kischitanz.
Am 26., als ich mich eben am Ufer des Flusses erging, warf sich ein Krokodil aus dem Wasser auf einen im Kahne stehenden Mann, der sich jedoch durch einen Sprung auf das sandige Ufer zu retten vermochte.
Von den Portugiesen, von dem Könige und seinen Häuptlingen, sowie von Blockley erfuhr ich, daß der Madschila-River ein ähnlich sandiges und bewaldetes Hochplateau wie jenes zwischen den Salzseen des centralen Süd-Afrika und dem Zambesi-Gebiete durchströme, bei den später unternommenen Ausflügen in dieser Richtung hin konnte ich jedoch bemerken, daß das Land größere, zum Ackerbau vorzüglich geeignete Lichtungen besaß, welche gegenwärtig zahlloses Wild beherbergten.
Kischitänzer-Maske.
Am 27. machte ich wiederholte Versuche, um vom Könige Kähne zu meiner Rückkehr nach Panda ma Tenka zu erlangen, wurde aber mit leeren Ausflüchten vertröstet. Tags zuvor hatte der König mir zu Ehren einen Mabunda-Tanz aufführen lassen. Die Idee dieses Tanzes ist eine verwerfliche, auch ist es vielleicht von Interesse zu wissen, daß die Schwarzen des Marutse-Reiches sich der in diesem Tanze enthaltenen Unschicklichkeit bewußt sind und deshalb nur maskirte Männer daran theilnehmen. Auffallend vorgeschritten erscheinen die Völker des Marutse-Mabunda-Reiches in ihren musikalischen Begriffen. In der Fertigkeit der Handhabung musikalischer Instrumente finden sie zwar Rivalen in den Stämmen an der Ostküste Süd-Afrika’s, die häufiger mit den Portugiesen in Berührung kamen, im Gesange sind ihnen die Matabele-Zulu überlegen. Im Marutse-Mabunda-Reiche fand ich zum ersten Male eine vom Könige zu seiner Unterhaltung und Verherrlichung gehaltene, aus einheimischen Künstlern recrutirte Musikbande. Sie besteht aus mehreren Tambours, welche längliche, röhren- und kegelstutzförmige einfache, sowie sanduhrartig geformte Doppeltrommeln mit ihren Hohlhandballen und Fingern bearbeiten; die Doppeltrommeln hängen an einem um den Nacken geworfenen Riemen, während die länglichen von den resp. Künstlern »geritten« werden. Die wichtigsten Instrumente der Capelle sind die Myrimbas (Kalebaßpianos), welche ähnlich den Doppeltrommeln getragen werden. Die Musikbande besteht aus 20 Mann, von denen jedoch nur sechs bis zehn jedesmal auftreten, damit eine hinreichende Anzahl für den Nachtdienst und als Reserve erübrigt wird. So treten auch die beiden königlichen Cithervirtuosen meist einzeln auf. Die Musikanten müssen auch Sänger sein, um in den freien Intervallen, oder bei den gedämpften Klängen der Instrumente mit schreiender Stimme des Königs Lob zu verkünden.
Die zum Dienst Befohlenen müssen sich jederzeit bereit halten, dem oder jenem ihnen vom Könige Bezeichneten vorzuspielen, sie haben den König bei seiner Ankunft in der Stadt zu empfangen, ihn auf seinen Ausgängen zu begleiten und müssen bei öffentlichen Tänzen, Hochzeiten etc., doch immer nur auf des Königs ausdrücklichen Befehl spielen. Außer den drei Trommelarten und zahlreichen Sylimbas (citherartigen Instrumenten) fand ich bei der königlichen Musikcapelle noch Streichinstrumente aus Fächerpalmenrippen, eiserne Glöckchen und eine klöppellose Doppelglocke, sowie aus Fruchtschalen verfertigte Schellen, ferner aus Elfenbein, Holz und Schilfrohr gearbeitete Pfeifchen. So werden die Streichinstrumente beim Elephantentanz, die Glocken beim Kischitanz, die Schellen bei den Hochzeits-Ceremonien verwendet; für den prophetischen Tanz der Masupia leiht der König flaschenförmig ausgehöhlte, durchlöcherte, mit trockenen Samen gefüllte, faustgroße Kürbisse, welche geschüttelt, schellenartige Laute erzeugen. Nur die aus Fruchtschalen bereiteten Schellen, einige Glöckchen und kurze Pfeifen sind in ähnlicher Form unter der Bevölkerung zu finden, häufiger das citherartige Instrument, doch meist in untergeordneter Gestalt; die größten und bestgearbeiteten besitzt der König, wie ihm überhaupt alle Capellen-Instrumente gehören, so daß es mir nicht gelingen konnte, diese zu den schönsten Handarbeiten im Marutse-Reiche gehörenden Objekte meinen Sammlungen einzuverleiben, dagegen erstand ich mehrere kleine citherartige Instrumente. Die Gemeinden, d. h. Niederlassungen, haben in der Regel bei den meisten Stämmen längliche kleine Trommeln, je eine, in der Berathungs- oder Gemeindehütte aufbewahrt, die bei besonderen Jagderfolgen, bei Vergnügungen, bei Bestattungen erschallen.
Die Weisen und Melodien der Marutse-Mabunda sind im Allgemeinen eintönig doch zahlreich und zeigen, daß einiger Unterricht in kurzer Zeit verhältnißmäßig guten Erfolg haben würde. Selbstverständlich ist hier die Musik nur ein mechanisches Bearbeiten der einzelnen Instrumente, nur bei den Citherspielern fand ich eine Ausnahme. Ich erwähne namentlich die beiden königlichen Citherkünstler, zwei Greise, die unstreitig mit Gefühl spielten. Sie sangen, d. h. summten dazu, doch ihre Stimme war genau den bald ruhig fließenden Accorden entsprechend gemessen, bei der sich allmälig zu Piano und Pianissimo dämpfenden Melodie zu einem flüsternden leisen Gesange gesunken, um wieder allmälig zu einem Forte überzugehen. Ich vermißte hier glücklicher Weise das mißtönende krächzende Einfallen, wodurch sich der plötzlich in ein schreckliches Fortissimo ausbrechende Gesang des Obertambours kennzeichnete.
Noch eines Musik-Instrumentes muß ich erwähnen, ich bedauere blos, daß ich es überhaupt nennen muß, und daß ich es im Marutse-Lande vorfand; es sind vier Kriegstrommeln, die nur zur Kriegszeit geschlagen, gewöhnlich im Berathungshause aufbewahrt werden. Der Wahnsinn des Aberglaubens machte sie zu grausigen Objecten, ihr rother Anstrich, die rothen Flecken am Trommelfelle, sind Blutzeichen; sie enthalten trockene Fleisch- und Knochenstücke, die, unschuldigen Kindern angesehener Eltern bei Lebzeiten abgeschnittenen Finger und Zehen, welche Amulete (Beschwörungsmittel) abgeben sollten, um dem neuerbauten Schescheke Krieg und Feuer, und dem Reiche räuberische Ueberfälle fern zu halten.