Ich und O. (F.’s Freund) hatten einige der Thiere verfolgt und waren so von der langsam sich vorwärts bewegenden Karawane abgekommen. Da jedoch unsere Verfolgung nutzlos war, wandten wir uns nach unseren Gefährten, hatten auch schon hundert Schritte nach dieser Richtung hin zurückgelegt, als kaum 30 Schritte vor uns blitzähnlich ein Orbecki-Pärchen aufsprang. Freund O. schießt auf das eine Thier, das kaum 50 Yards von uns entfernt stehen blieb und bricht ihm den einen Vorderlauf nahe am Knöchel, allein auf drei Füßen jagt das Thier in großen Sätzen weiter. Wir folgen, doch schon auf 200 Schritte Entfernung springt es wieder auf; wir schießen neuerdings und fehlen, erst ein dritter von mir abgefeuerter Schuß traf das in großen Sätzen flüchtende Thier in die Lenden. Es fiel im Sprunge und als wir es erreichten, war es verendet. Da kein Diener in der Nähe war, mußten wir es abwechselnd tragen, bis wir nach zweistündigem Marsche in der brennenden Hitze zu den tief im Walde lagernden Genossen stießen.
Nachmittag brachen wir auf und legten sechs Meilen, im Ganzen bisher dreizehn englische Meilen zurück. Diese Strecke war von der Gaschuma-Ebene und einem tiefsandigen Walde gebildet. Dann passirten wir vier Thäler und schlugen in dem bedeutendsten, dem fünften, unser Nachtlager auf. Diese Thäler waren seicht, die Spruits bis auf jene im vierten und fünften trocken, hochbegrast und vertieften sich nach Südost, wohin die Flüßchen sich wandten, um sich in den Panda ma Tenka-Fluß zu ergießen. In dem dritten Thale trafen wir eine Giraffenheerde an, die an uns in einer Entfernung von 600 Schritten thalabwärts vorbeipassirte. Auf der Strecke von der Gaschuma-Ebene bis zu unserem Nachtlager trafen wir folgende Wildarten, nebst frischen Spuren von Thieren, die kurz zuvor unsern Pfad gekreuzt haben mußten. Orbecki’s, Deuker-, Rietbock- und Steinbock-Gazellen, Wasser-Antilopen, Zulu-Hartebeests, Kudu’s, Giraffen, Büffel, Elephanten und Zebra’s.
Das Flüßchen, an dem wir übernachteten, hieß Tschetscheta. Dasselbe floß bald in dünnem Strahle über Steine, bald durch einen schilfigen Morast, um gleich darauf einen tiefen, klaren, breiten Tümpel zu bilden. Die Thäler waren alle hochbegrast, das Gras stellenweise bis fünf Fuß hoch und dicht, und der Boden humusreich. Diese klaren Tümpel der oberen Zuflüsse des Panda ma Tenka-River und einige, welche hoch oben liegen und von Krokodilen nicht erreicht werden können, gehören zu den interessantesten Punkten der hügeligen Umgebung der Victoriafälle. Ich habe manche Stunde, in der Betrachtung derselben versunken, hier durchträumt; das klare Wasser zeigt uns, daß der Tümpel von Krokodilen frei ist und darum lohnt es sich der Mühe, sich in das Gras auszustrecken und dem Leben und dem Bilde unter der schimmernden Oberfläche einige Betrachtung zu widmen.
Da wo hohes Gras diese Miniatur-Weiher umgibt, wäre es gefährlich, sich denselben ohne Vorsicht zu nähern, hohes Gras an Flüssen ist ein gesuchter Aufenthalt aller Katzenarten Süd-Afrika’s und deshalb ist es nöthig, erst einige Steine in das Gras vor sich zu werfen, um sich zu vergewissern, daß das Feld rein sei. Nachdem dies geschehen, nähern wir uns dem Tümpel. Nahe an unserem Lagerplatze lag ein vier Meter breiter, zwei Meter tiefer und zehn Meter langer Weiher, in den sich ein kaum zehn Zentimeter breiter Wasserstrahl ergoß, der Abfluß in ein Binsendickicht war etwas breiter.
Die Fluth war klar, man konnte leicht die Objecte am Grunde des Weihers erblicken. Wohl die Hälfte der krystallenen Fluth war von einem zarten, hier hell-, dort dunkelgrünen, die mannigfachsten und groteskesten Formen und Gestalten bildenden Algengewebe durchsetzt. Hier stieg es in Schichten empor, neben und übereinander gelagert, den zarten, theilweise oder halb durchsichtigen Wölkchen in den azurnen Höhen ähnlich, dort zur Linken, nahe dem Ausflusse bildete es ein dunkles Labyrinth von Grotten und Höhlen, während es sich zu unserer Rechten zu dem wunderlichen Gebilde einer Burgruine aufgethürmt hat. Deutlich sieht man den Bergsockel, dessen dichten Lagen ein hohes, viereckiges Prisma und ein dieses noch um einige Zoll überragender Cylinder, eine Warte ein Thurm entsteigt; beide Gebilde, mit einem beiläufigen Durchmesser von 12 Zoll sind in dem untersten Drittel ihrer Höhe mit einem Querarme verbunden, der in seiner unteren Hälfte durchbrochen erscheint, diese breite Spalte in dem zarten Algengewebe, durch die eben ein Fischchen schoß, glich einer gothischen Thoröffnung. Oben an dem prismatischen Wartthurme sonderten sich vom Pflanzengebilde einige wenige kurze, theilweise spitzige Fortsätze ab, welche arg beschädigten Zinnen täuschend ähnlich waren.
Vom Hintergrunde gegen des Weihers Mitte reicht ein dunkelgrüner, unter dem Wasser bedeutend umfangreicher erscheinender Säulenwald, die Stengel des über dem Wasser säuselnden Rohres. An einer freien Stelle in der Fluth vor uns, zwischen dem Ufer, an dem wir im Grase ausgestreckt, und den mannigfachen Gebilden der Algen, steigen drei spiralförmig gewundene Stengel einer großbluthigen Nymphaea empor, zwei tragen die bekannten flachen, großen und glänzenden Blätter, der dritte eine schöne hellblaue Blüthe. Wie ein funkelnder Stern liegt sie auf dem Krystallspiegel. Noch andere Algenformen (nebst jener erwähnten) entsteigen dem dunklen Grunde des Weihers, manche mit zersägten und lappigen Blättern, ähnlich denen verschiedener Farrenkräuterarten.
Anfangs scheinen uns diese Pflanzengebilde ruhig zu schlummern, doch gewöhnt sich das Auge an das Bild, so nimmt es eine leise Strömung wahr, welche in der klaren Fluth durch den Einfluß des dünnen Wasserstrahles von rechts her erzeugt wird — und die Folge davon? — Die Rohrsäulen vibriren, jetzt stärker, nach und nach schwächer, bis sich wieder eine rascher zu bewegen scheint. Und die Grotten, Höhlen und die wundersam geformten Ruinen der Algen? Jene rechts, namentlich die beiden senkrecht aufgetürmten Formen zittern deutlich und ununterbrochen, während sich die dem Abflusse nahen stark nach diesen neigen, als wenn sie Lust hätten, den scheidenden Tropfen nach dem nächsten Weiher zu folgen. Einige gelbblüthige Wasserpflanzen und jene gelappten Cryptogamen am Boden strecken sich, als würden sie sich sehnen, gleich der reichblätterigen Blume der Wasserrose, welche als erklärte Königin des kleinen Seereiches sich auf der spiegelnden Oberfläche hin- und herwiegt, auch die Höhe und mit ihr die letztere zu erreichen, um sich am Tage von den Sonnenstrahlen erwärmen und küssen, von den Schatten der Nacht kühlen und vom Morgenthau erfrischen zu lassen.
Das Bild im Weiher gestaltet sich für den Beschauer noch anziehender durch das Leben der Thierwelt, welcher das Gewässer zum bleibenden Aufenthalte dient. An der freiesten Stelle, um der Sicherheit halber Rundschau halten zu können, liegen mehrere dunkelgestreifte barsch(?)artige Fische, bis auf die leichten, kaum merkbaren Bewegungen ihrer Schwanzflossen unbeweglich. Zeitweilig tauchen aus den Grottenlabyrinthen der Algen etwa fußlange, langbebartete Welse auf, welche meist paarweise, bald neben, bald hinter einander schwimmend, sich necken und spielen. Doch was ist jener dunkle, gelblich marmorirte, querüber im Schilfwalde, auf dem gegenüberliegenden Ufer und, wie es scheint, unbeweglich liegende Gegenstand? Eine Schlange? — Nein, jetzt rührt es sich; das eine spitze Ende berührt die Wasseroberfläche, es ist ein Leguan, der auf die befloßten Bewohner des Weihers lauert. Und außerdem welch’ emsig Treiben der niederen Thierwelt! Kleinere und größere Wasserkäfer, Dytiscus- und Hydrophilus-Arten, sowie auch Wasserspinnen, die einen emsig sich emporrudernd, die anderen, schon mit dem hellschimmernden Luftbläschen versehen, wieder hinab eilend, um sich unter den Blättern der Wasserpflanzen, oder in dem Algengewebe zu verbergen. Gleich Seiltänzern klimmen ihre Larven und jene der Lybellen die Stengel der Seerosen auf und nieder, während jene der Uferfliegen mühsam kleine, puppenförmige Gehäuse nachschleppen.
Am nächsten Morgen ging es weiter; wir hatten zahlreiche Flüßchen und tiefe, von schwarzem Humusboden bedeckte und mit hohem Gras überwachsene Thäler zu überschreiten. Die Flüßchen flossen nach Südsüdwest, nach Süd, nach Südost und Ost und ergossen sich, wie ich denke, alle in den Panda ma Tenka-Fluß. Die Thäler waren theils durch felsige Höhen, theils durch sandige Wälder von einander getrennt. Wir trafen Kudu’s, Stein- und Wasserböcke, Bushvaarks und zahlreiche Elephantenspuren. Am Nachmittage kamen wir über einen hohen, tiefsandigen Wald in ein größeres und breiteres Thal, in das von beiden Seiten mehrere Seitenthäler einmündeten. Unser Nachtlager schlugen wir an einem stets fließenden Wasser auf, welches auch die sämmtlichen Gewässer, die aus den Seitenthälern in das Hauptthal münden, aufnimmt und von den hier früher wohnenden Manansa der Matopa-Fluß genannt wird. Auf zwei Drittel seines Laufes stellt der 5 bis 22 Fuß breite, 1 bis 4 Fuß tiefe Fluß einen Gebirgsfluß dar, dessen Bett sich gegen seine Mündung (unterhalb der Victoriafälle) verbreitert.
Am folgenden Morgen, den 17. September (1875), verließen wir zeitlich unser Lager, um noch am selben Tage die Victoriafälle zu erreichen. Mir war dieser und alle die ferneren Tage dieser Reise, bis zu meiner Heimkehr nach Panda ma Tenka, zu Leidenstagen geworden. Um meine Fußbekleidung für die fernere lange Reise zu schonen, hatte ich zu diesem Ausfluge mir von einem im Panda ma Tenka-Thale jagenden Händler ein Paar Schuhe gekauft; leider zerfielen dieselben schon am zweiten Tage und ich sah mich gezwungen, die lose anhängenden Stücke mit Riemchen an den Fuß zu binden. Dazu waren die durchwanderten Gegenden sehr dornenreich und steinig, und die Felsenplatten durch die heiße Sonne glühend geworden.