Leben und Weben am Grunde der Süßwassertümpel.

Schon am selben Morgen und zwar an einer Biegung des Matopa-Thales — es wendet sich plötzlich nach Osten — hörte ich deutlich ein dumpfes Gebrause, einem in weiter Ferne gleichmäßig rollenden Donner nicht unähnlich. Da ich meinen Gefährten voraus war — ich ging immer rascher, um mich dann auf einige Momente niedersetzen zu können, konnte ich es mir Anfangs nicht erklären, allein nach und nach schien es mir der erste Vorbote des berühmten Wasserfalles zu sein. Wir hatten mehrmals den Matopa-River und manchmal unter großen Schwierigkeiten zu überschreiten; ich ging voraus, denn meine Füße schmerzten mich sehr, und ich sehnte mich darnach, mich auf einige Stunden ausruhen zu können. An dem steilen, bewaldeten Abhange des linken Ufers beobachtete ich einige flüchtige Zebra’s, denen ich, soweit die Richtung ihrer Flucht mit meinem Ziele, den vor mir noch in ziemlicher Entfernung ober den Katarakten aufsteigenden Wasserdünsten, zusammenfiel, einige Stunden nachschlich, doch nicht rasch genug in den zum Matopa-Flüßchen führenden Schluchten folgen konnte. Je weiter ich ging, desto müder fühlte ich mich; spät am Nachmittag mußte ich die Sohlen der zerstückelten Schuhe tragen und trachtete barfuß die Fälle zu erreichen. Ich fühlte mich jeden Moment mehr und mehr abgemattet, da ich vom Morgen her nichts zu mir genommen hatte. Endlich gegen 4 Uhr langte ich, über eine tiefsandige Waldeshöhe eilend, bei dem Falle an. Mir durch die Gebüsche Bahn brechend, stand ich am Rande des Abgrundes, in den sich die Wässer stürzen. — Ich werde nie diesen Anblick vergessen.

Die Füße waren jedoch nicht mehr im Stande, die Körperlast zu tragen, und so mußte ich mich auch von dem herrlichen Anblick trennen und dem Ufer aufwärts folgend, einige Wildfrüchte zu erhaschen suchen. Ich schlich mehr, als ich ging und mußte mich an den Bäumen und Sträuchern festhalten, um nicht umzusinken, da endlich auf einem halbverdorrten Klapperbäumchen entdeckte ich eine Frucht. Ich wußte, daß sie ein süßes Fleisch barg, schlug sie mit einem Steine herab, zerschlug die dünne gelbliche Schale und leerte in wenigen Augenblicken den Inhalt, als mir der Same der Frucht auffiel, welcher jenem von Nux vomica täuschend ähnlich war. Einige Minuten nach dem Genusse der Frucht stellte sich auch wirklich heftiges Erbrechen ein und ich sank vollkommen ermüdet nieder. Mühselig kroch ich zu dem Ufer des Zambesi und schlürfte von dem klaren Wasser, das meine Lebenskräfte wachrief. Um meine Reisegefährten aufmerksam zu machen, feuerte ich einige Schüsse ab, erhielt aber keine Antwort. Nach einer halben Stunde fühlte ich mich wieder besser, und als ich etwa 50 Schritte gegen den Wald gegangen war, sah ich die ersten meiner Genossen aus diesem heraustreten. Zwischen drei laubreichen, breitkronigen Bäumen, etwa 500 Schritte vom Zambesi und 900 Schritte von dem Falle wurde nun ein »Skerm« errichtet.

Mit dem Betreten der von Büffeln, Elephanten, Löwen etc. bewohnten Districte drängt sich den zu Fuß Reisenden die Nothwendigkeit auf, allabendlich einen Skerm (Schirm, Schutz) anzulegen, innerhalb dessen er die Nacht unbelästigt zubringen kann. Je nach der Anzahl der Begleiter und Diener errichtet man einen bis drei solcher Skerme, welche, von halbmondförmiger Gestalt, aus in die Erde eingetriebenen, etwa sechs Fuß hohen und mit Zweigen durchflochtenen Pfählen bestehen. In dem zu zwei Drittel umzäumten Raume befindet sich das Nachtlager; die offene Seite wird durch ein oder mehrere Feuer geschützt, welche wie eine Secante die offenen Enden des Halbmondes verbinden. Abwechselnd muß einer der Diener die Nacht über wachen, um diese Feuer zu unterhalten. Unsere Diener machten vier Skerme, einen mit zwei Grashütten für die zwei Ehepaare, einen für uns Junggesellen, Mr. W., B., O. und mich, einen für die Capdiener (Halbcast), welche sich über die Zulu’s und Makalaka’s erhaben fühlend, mit diesen nicht einen und denselben Schlafraum theilen wollten, und einen für sich selbst. Unser Lagerplatz lag etwa in der Mitte des eigentlichen Zambesi-Thales, zwischen dem Flusse und der tiefsandigen, dichtbewaldeten Bodenerhebung, welche einigermaßen parallel als die Senke eines Hochplateaus und eines Hügelnetzes schon von der Tschobe-Mündung ab den Fluß stromabwärts begleitet. Längs des Flusses zieht sich ein dichtes Gebüsch von Saropalmen und zwischen diesem und jener Bodenerhebung liegt das eigentliche mit hohem Grase bewachsene, von dichtem Busch- und Baumwuchs bedeckte Thal, aus welchem die stolzen Fächerpalmen und mächtigen Baobabbäume dem Auge sofort auffallen. Wir hielten uns drei Tage in der Nähe der Fälle auf, und trotzdem ich durch meine wunden Füße viel zu leiden hatte, muß ich doch diesen Zeitraum als einen der mich befriedigendsten meines ganzen Aufenthaltes in Süd-Afrika bezeichnen. Ich halte die Victoriafälle des Zambesi für eine der großartigsten Erscheinungen auf der Erdoberfläche. Während wir an manchen Wasserfällen die Masse des niederstürzenden Wassers wie an dem Niagara, bei anderen die Höhe der senkrechten Wand, über die sich das Wasser in die Tiefe stürzt, bewundern, erregt bei den Victoriafällen nicht nur der in einer Unzahl von einzelnen Strahlen und Massen getheilte Fall des Wassers, sondern auch der Abfluß des herabgestürzten Wassers in einer engen, steilwandigen und tiefen Felsenschlucht, deren Breite sich zu der Strombreite oberhalb der Fälle etwa wie 1:13 verhält, unser Staunen und Entzücken.

Der von Westen nach Osten zu fließende Strom macht an den Fällen eine plötzliche Wendung nach Süden, so daß das Ufer an dem wir stehen zum westlichen, das gegenüberliegende zum östlichen wird. Da jedoch der Fluß unter denselben nicht in seiner vollen Breite abfließt, ist es dem Beschauer möglich, einen großen Theil des den Fällen gegenüber nicht bedeutend tiefer als diese liegenden südlichen Ufers als Standpunkt zu benützen, um mit dem Gesichte nach Norden gekehrt, die Victoriafälle betrachten zu können. Leider ist jedoch der unmittelbare Rand des Abgrundes, in den sich die Wasser stürzen, und der wie erwähnt, den Fällen gegenüberliegt, durch die stetig auf ihn fallenden Wasserdünste so glatt, daß man nicht bis unmittelbar an dieselben herantreten kann. Wir stehen nun etwa 100 bis 200 Schritte von einer klippenreichen, schwarzbraunen, an 400 Fuß hohen Felsenwand entfernt, ihre untere Begrenzung können wir nicht sehen; über ihre obere stürzen sich die Wasser des Zambesistromes. Mehrere durch üppige tropische Vegetation geschmückte Inseln, etwas über 100 Schritte vom westlichen Ufer entfernt, theilen den Fall gleich in seinem westlichsten Viertel, und auch weiterhin nach dem Ostufer ist er unmittelbar über dem Abgrunde, am Rande der Felsenwand gelegene kleinere und größere, jeder Vegetation baare, braune Felseninseln circa dreißigmal getheilt. Zu unserer Linken zwischen den bewachsenen Inseln und dem Westufer ist die Felsenwand niedrig, so daß das Wasser mit Wucht nach der Kante zueilt und hier in einem einzigen, wohl 100 Schritte breiten Schwall bogenförmig in die Tiefe stürzt. Zwischen diesem und den nächsten Strahl ist eine große Fläche der schwarzbraunen Felsenwand zu erblicken, welche auch überall, zwischen und hinter den dünnen oder auch breiten, lichten, weißerscheinenden und zur Tiefe schießenden oder senkrecht über die Felsenwand herabfallenden Strahlen zu sehen ist, und so einen dunklen Hintergrund gewährend, diese nur noch deutlicher und schöner hervorhebt.

Die einen sind so dünn, daß sie den Grund nicht erreichen, schon im oberen oder im unteren Drittel, manche in der Hälfte des Falles zerstäuben, um als Dunst emporzusteigen. Manche, etwa drei bis fünf Meter breit, erreichen den Abgrund — doch mit zerstäubenden und aufkräuselnden Rändern — dort wieder fällt ein breiter Strahl auf eine vorspringende Felsenzacke, daß er sich bricht und in Cascadenform zur Tiefe stürzt, am wichtigsten schien mir der vom linken Uferrande in die Tiefe schießende Wasserstrahl. Die Mannigfaltigkeit der fallenden Wasserstrahlen und Massen ist gewiß unerreicht.

Haben wir diesen durch einige Zeit unsere volle Aufmerksamkeit gewidmet, so ist es lohnend, den Blick zu erheben, bis er gegen Norden dem blauen Horizont begegnet. Im weiten Hintergrunde das herrliche Grün der Fächer- und Saropalmen, mit denen die in der Ferne über das Flußbett zerstreuten Inseln bewachsen sind, welches angenehm von dem lichten Azur der Höhen absticht, und neben und um diese Inseln die tiefblauen Ränder des Stromes, seine Fluthen, die noch so still, so langsam fließen, daß es scheint, als würden sie stille stehen, und folgen wir ihnen nach der Richtung, in welcher wir stehen, so sehen wir sie anfangs wenig, doch dann, je näher sie uns rücken, um so bewegter, bis sie einige Ketten quer über den Fluß sich hinziehender und größtentheils aus dem Wasser hervorragender Felsenblöcke erreichen, gegen diese anprallend zurückweichen, um sich nun zwischen den freien Lücken und Nischen mit vervielfachter Geschwindigkeit dem Abgrunde zu nähern, die schroffe Kante zu erreichen und dann brausend in die Tiefe zu stürzen. Besonders schön erscheinen die mit den Fächer- und Saropalmen und Palmengebüsch, mit Lianen und Aloëarten bewachsenen, über dem Abgrunde liegenden und von drei Seiten von den schäumenden Wogen umgebenen Inseln. Nachdem Livingstone diese Fälle — zu Ehren der Königin Victoria — »Victoriafälle« genannt hat, erlaubte ich mir, das hochinteressante, die Victoriafälle beiderseits umgebende Hügelland zu Ehren des Prinz-Gemahls »The Albert country« und die Inseln zu Ehren der königlichen Prinzen und Prinzessinnen mit deren Namen zu belegen.

Wenden wir uns zu dem südlichen und zugleich westlichen Ufer, an dem wir stehen, und zu jenem Abgrunde, der wie ein Felsentrog zwischen uns und den Fällen sich befindet und das herabstürzende Wasser aufnimmt. Unser Ufer, wie das gesammte unter den Fällen ist eine Felsenbank, die mit Humus und Thonerde bedeckt, einer besonders in der unmittelbaren Nähe der Fälle üppigen Vegetation Raum gewährt.