Indem wir an dem Rande des Abgrundes stehen, genießen wir den Schatten riesiger Sykomoren, Mimosen, etc. Diese Bäume, welche unsere schlanksten Pappeln an Höhe überragen, haben meist wohl eine erst im letzten Sechstel oder Achtel ihrer Höhe beginnende Krone, diese aber ist so dicht, daß man unter ihnen wie unter einem ausgespannten Schirm steht. Armdicke Lianen, schnurgerade oder in Spiralen emporsteigend, verbinden den Fuß des Baumes mit seinem Gipfel und bieten den Affen Gelegenheit, dem verborgenen Beobachter ihre Kletterkünste vorzuführen. Außer den hohen Bäumen sind es noch dichte Saro- und Fächerpalmen-Gebüsche und riesige Farrenkräuter, welche zur Ueppigkeit der Scenerie dieses Ufers so viel beitragen. Der Reisende schreitet bei einem Gange durch diese hochinteressanten Formen Floras über einen elastischen, schwellenden Teppich von kleinen Blumen und Moos, der von Feuchtigkeit durchtränkt ist, am Rande des Abgrundes aber, da, wo der nackte braune Felsen hervorblickt, sehen wir einzeln oder in Knäueln, kleine, erbsen- bis hühnereigroße, etwas plattgedrückte, rundliche, dunkelgrüne Algen lose dem Felsen aufliegen.

Diese Ueppigkeit der Vegetation ist zu gutem Theil auf die continuirlich von den Fällen herrührenden und auf die gegenüberliegenden Ufer herabfallenden, reichlichen Wasserdünste zurückzuführen. Unaufhörlich steigen längs der oberen Kante des Falles mit den einzelnen Fallstrahlen correspondirende Säulen von Wasserdünsten einige hundert Fuß hoch in die Lüfte, auf 50 englische Meilen weit sichtbar. Eben während unseres Betrachtens sind sie unmittelbar vor uns so dicht, daß sie die gegenüberliegende Stelle vollkommen verhüllen, doch schon im nächsten Augenblicke hat sie ein mäßiger Windhauch von Osten her nach Links zu gedrängt, nur eine dünne und durchscheinende Säule ist zurückgeblieben, welche wie ein Schleier mehrere der vor uns herabstürzenden Strahlen verhüllt und nun ein wahrhaft märchenhaftes Bild hinzaubert, denn auch das tiefe Blau der Fluth über dem Falle und jene herrlichen Inseln mit den Palmen erscheinen uns so fern gerückt und doch wieder so nah, wie in einen Nebelschleier gehüllt.

Von unvergleichlicher Schönheit und malerischem Reize sind diese Fälle bei Sonnen-Aufgang oder Niedergang, wenn kreisrunde, in den Dunstfäden erscheinende Regenbögen den Effect erhöhen. Das Aufsteigen der Dünste ist mit einem eigenthümlichen Zischen verbunden, und doch ist dies nur zeitweilig zu hören, wenn der Wind das Getöse aus dem Grunde der Felsenschlucht, das den Beschauer im wahren Sinne des Wortes betäubt, etwas abschwächt. Wie ich schon erwähnt, können wir von dem Südufer — dem besten Standpunkte des Beobachters — den Boden des Abgrundes nicht sehen (wohl von der westlichen Seite, wenn wir uns an den Rand einer bebuschten Schlucht durcharbeiten können), und darum wirkt das furchtbare Getöse, das von der Tiefe aus die Lüfte erfüllt und meilenweit wie das ununterbrochene Rollen des Donners vernommen wird, nur um so betäubender auf die menschlichen Sinne ein. Wir hören ein Brüllen und Zischen, zeitweise deutlich das eigentümliche Anschlagen stürzender Wassermassen an den harten Felsenklippen, der Felsenboden unter uns scheint zu zittern, als käme dies Getöse aus einer Höhle unter uns. Wenn wir in die Tiefe des Abgrundes hinabsehen könnten, es würde die Sinne befriedigen und das ängstliche Gefühl, das sich unwillkürlich unser bemächtigt, bannen, so aber kommt es uns vor, als stünden wir an einem Höllenkrater, in dem die Elemente, in einem Vernichtungskampf mit einander begriffen, rasen. Wie klein, wie machtlos und unansehnlich erscheint der Mensch gegen solch’ ein Product der Natur!

Die Victoriafälle.

Wir wandten uns nun nach der tieferen Felsenschlucht, durch welche die ganze Wassermasse des Stromes abfließt. Dieser Abfluß geschieht im Zickzack, und in folgender Richtung. Von dem Felsenthore (dem Ausfluß) etwa 300 Schritte weit ist die Richtung südlich, geht dann unter einem stumpfen Winkel plötzlich auf 1000 Schritte in eine westsüdwestliche über, welche nach einem scharfen Winkel auf 1100 Schritte in eine südöstliche umschlägt u. s. w. Wenn wir von dem Thore längs derselben hinschreiten — so weit es nämlich die einmündenden Schluchten, die wegen ihrer Steilheit umgangen werden müssen, gestatten — so bietet sich dem Auge, man möchte sagen alle 200 Schritte ein neues Bild der steilen, die Schlucht bildenden Felsenwände. Hier stehen sie senkrecht, schroff, als wären sie scharf abgemeißelt, hier erhebt sich eine braune bis schwärzliche Felsenmauer, dort wieder eine ähnliche dunkle Felsenwand, hie und da mit grünen und rothen Flecken, stellenweise marmorirt; Punkte, die sofort in’s Auge fallen und zu dem dunklen Hintergrund einen äußerst angenehmen Contrast bilden. Der Wind hat von dem hochliegenden Ufer lose Erdtheile herabgeweht, welche sich mit Aloësamen in den Felsenritzen eingenistet haben, diese fingen an zu sprossen — die Wurzeln klemmten sich in die feinen Ritzen — hefteten sich innig an den Felsen an und nun gediehen die Pflanzen in den vollständig mit Erde und vertrockneten Blatttheilen gefüllten Felsenspalten vortrefflich, wie ihre mächtigen Blüthenähren es beweisen. Der reife Samen wird in den Fluß hinabgeführt, um weit, weit von den Fällen, an dem Ufer desselben Stromes neue Keime auszuwerfen und das Ufer zu schmücken.

Manche Partien der Felsenwände neigen sich terrassenförmig zur Tiefe und erscheinen theils jeder Vegetation bar, theils an den oberen horizontalen Flächen mit Vegetation überwuchert. Doch an vielen Stellen und dies namentlich am westlichen Ufer, sehen wir eine üppige Baum- und Buschvegetation bis zur mittleren Höhe oder bis zum Strome selbst herunterreichen. Sie bekleidet die vielen nach abwärts führenden, doch sehr steilen Schluchten, welche dem Regenwasser der nächsten Umgebung zum Abfluß dienen. Manche vereinigen sich an ihrer Mündung zu einer einzigen. In dieser Weise wechseln die Bilder längs der langen Partien der Zickzacklinie. Die Ueberraschung ist noch größer, wenn wir die Formen der Wände im kurzen Zickzackscheitel betrachten.

Ich will blos drei solcher Punkte besonders hervorheben. Das rechte (westliche) Ufer der kurzen Strecke unter der Abflußöffnung ist ein senkrecht abfallender Felsen, der gegen die Fälle zu etwas zurücktritt und im Canal eine rundliche Bucht bildet, dann jedoch, nach Osten als scharfe Felsenwand hervortretend, die westliche Wand des engen Felsenthores bildet, welches den herabgestürzten und unten wieder vereinigten Gewässern des Zambesi den Abfluß gestattet. Das uns gegenüberliegende Ufer, die östliche Wand dieses Thores, wird von einer kegelstutzförmigen, nach hinten (Osten) mit dem Hinterlande zusammenhängenden Felsenhöhe gebildet, welche im unteren Drittel, jeder Vegetation baar, schroff abfällt, in den zwei oberen Dritteln jedoch mit prachtvoller, tropischer Vegetation ringsum überwuchert terrassenförmig aufsteigt und mit ihrer Umgebung, dem rechts und links gähnenden Abgrunde, dem brausenden dunkelblauen Strom an ihrem Fuße, einen gewaltigen Eindruck hervorruft. Als ich noch im Schauen dieser Felsenscenerie versunken dastand, tauchte in meinem Geiste ein nie geschautes, doch oft geträumtes Bild: die hängenden Gärten der Semiramis, auf.

An dem folgenden kurzen, die zweite und dritte Zickzacklinie verbindenden Arme finden wir einen ähnlich geformten, doch mehr schroffen aus aufgethürmten Blöcken bestehenden Felsen. Er ist von Norden, von Osten und Süden von dem tobenden Wasser umspült, doch gegen Westen von dem Hinterlande durch eine tiefe Schlucht getrennt. Hier auf dieser isolirten, wohl über 300 Fuß hohen Felsenkuppe war kein Blättchen, keine Spur von Vegetation zu sehen, Floras liebliche Kinder waren von dem unwirthlichen Felsen verbannt. Vergebens haben sich seit Tausenden von Jahren alle die Elemente gegen den Felsenriesen empört, der Blitz unzählige seiner vernichtenden Schläge an ihm zersplittert, Aeolus mit all’ seinen Genossen gegen ihn angerast und unten der grimmigste Feind alles Festen auf der Erde schäumend und tosend an seinem Sockel sich gebrochen. Er bezwang diesen und wies ihm die Bahn.

Wenden wir uns nun von den Wänden der Schlucht zu der Tiefe selbst, in der ein dunkelblauer Strahl pfeilschnell dahinschießt. Er scheint kaum ein Drittel so breit wie die Mündung der Schlucht (nach oben), mit furchtbarer Gewalt stößt und bricht er sich an der scharfen Wendung der gegenüberliegenden Felsenwand, daß er theilweise zurückgeworfen wird und zurückströmend in der Regel in einer Bucht seine Kraft zu sammeln sucht, um sich mit der nächsten Woge zu vereinigen und von Neuem seine Kraft an dem Felsen zu versuchen. Stellenweise ragen aus der Fluth Felsblöcke empor, an denen die reißend dahineilenden Wogen aufschlagen und sich theilen. An einigen der Ecken, an denen die Fluth unter einem scharfen Winkel eine verschiedene Richtung einschlägt, sehen wir gleichsam um den brausenden und schäumenden Strahl zu verspotten, scharfkantige, spitz zulaufende, bis mehrere Meter lange Vorsprünge der heftigsten Strömung entgegengerichtet, an denen sich auch die Kraft derselben bricht.