Tausende von Jahren tobt der dunkle Strom in der Tiefe, allein wir können kaum stellenweise eine merkliche Einwirkung wahrnehmen, die er auf diese unerschütterlichen Wände hervorgebracht haben mochte. Ich bedauere nur, daß es mir nicht möglich war, länger als drei Tage an den Victoriafällen zu verweilen. Um die Schlucht, ja das gesammte, hochinteressante Naturwunder kennen zu lernen, müßte man 1½ bis 2 Monate an den Fällen verweilen, die Inseln oberhalb des Falles und das gegenüberliegende Ufer besuchen. Außerdem bietet die Natur in der nächsten Umgebung der Fälle so viel Anziehendes, daß ich mit mir längst in’s Reine gekommen bin, bei meinem nächsten Besuche nach Muße hier verweilen zu wollen.
Während des dreitägigen Aufenthaltes, wobei mir leider der Zustand meiner Füße den Genuß dieses herrlichen Bildes beeinträchtigte, hatten ich und mein Diener eine interessante Begegnung mit einer sehr zahlreichen Pavianheerde. An der von mir »Pavianschlucht« genannten Felsenschlucht, welche als Regenabfluß der umliegenden Gegend zum Flusse führt und in ihren beiden Dritteln dicht mit Bäumen bestanden, im unteren jedoch kahl und steil ist, sah ich an der mir gegenüber liegenden Wand eine zahlreiche Pavianheerde. Ich wünschte einige Pavianschädel zu gewinnen und tödtete ein Thier, dessen Leiche jedoch in den Fluß herabkollerte, verwundete andere und brachte auch den rechten Flügel des Feindes zum Weichen, dagegen behauptete das Centrum seinen Platz, während der linke Flügel sogar agressiv vorging und mit Steinen zu werfen begann, so daß ich, nachdem ich unvorsichtiger Weise alle Patronen mit Ausnahme einer verschossen, mich mit meinem Begleiter durch die Flucht einem Handgemenge mit den erzürnten Affen entziehen mußte.
Die am jenseitigen Ufer unter dem Häuptling Mochuri wohnenden Bathoka’s kamen auf Kähnen herüber, um uns Ziegen, Kafirkorn, Bier und Bohnen zum Kaufe anzubieten. Ich traf später in Schescheke einen dieses Stammes, es war ein Unterhäuptling und Verwandter Mochuris, und Sepopo, in der Meinung, daß ich noch keinen Bathoka gesehen, stellte mir denselben vor. Ich erkannte ihn sofort wieder, doch dieser hütete sich, desgleichen zu thun, da er sich der Uebertretung des königlichen Verbotes, von den Weißen Gewehre zu kaufen, schuldig fühlte und höchstwahrscheinlich zum Tode verurtheilt worden wäre.
Während ich an der kartographischen Aufnahme der Fälle arbeitete, stieß ich mehrmals auf weidende Pallahheerden, den Capdienern gelang es, ein Thier zu erlegen. Dieses schöne Thier gehört zu den häufigsten der am Zambesi angetroffenen Wildarten.
Am 20., dem Vorabende unserer Abreise, hatten wir noch ein interessantes Löwenabenteuer zu bestehen, das glücklicher Weise einen recht humoristischen Abschluß fand. Einige Augenblicke, nachdem ich von einem meiner Ausflüge zu den Fällen zurückgekehrt war, kam auch Walsh von seiner gewohnten Vogeljagd zum Lagerplatze und berichtete, daß er etwa 1200 Meter vom Lagerplatze einen Löwen eben in dem Momente gesehen habe, als er eine hochbegraste Wiese überschreiten wollte, um zum Flusse zu gelangen. Sofort wurde Kriegsrath gehalten und die Jagd auf den Löwen beschlossen, nur das eine wollte mir nicht gefallen, daß sich auch die beiden Frauen bereit erklärten, uns zu begleiten. Frau Francis hob zu ihrer Rechtfertigung hervor, daß ihr Gemahl in ihrer Gegenwart schon mehrere Löwen erlegt habe, weshalb sie auch diesmal einer solch’ ergötzlichen Scene nicht fernbleiben wollte. Frau Westbeech wieder, welche erst einige Monate verheiratet war, wollte ihren Georg nicht allein in der Gefahr wissen.
Wie ich schon erwähnte, war das eigentliche Zambesithal in einer Entfernung von 100 Schritten bis auf mehrere Meilen hin von einer sandigen Bodenerhebung begrenzt. Das meist mit Bäumen dichtbestandene Thal hatte gegen den Fluß zu einige baumlose Wiesen, die unmittelbar am Flußufer von einem dichten, etwa zwei bis drei Meter breiten Saropalmengebüsch umsäumt waren. Walsh war eben im Begriffe, über eine solche, etwa 30 Meter breite Wiese zu schreiten, als nahe an einem Baume der Löwe aufsprang, und im gegenüber liegenden Palmgebüsche verschwand. Nahe an dem Baume stand ein etwa fünf Meter hohes Bäumchen, an welches sich ein pyramidenförmiger Termitenbau anlehnte. An der bezeichneten Stelle angelangt, formirten wir uns in vier Treffen, um dem Raubthiere mit Aussicht auf Erfolg an den Leib zu rücken. Im ersten Treffen (von rechts nach links) standen Westbeech, Francis, Walsh und ich, im zweiten Mr. O. und B. und zwei Capdiener, im dritten ebenfalls zwei solche und zwei mit Musketen bewaffnete Matabele, dann folgten die übrigen Diener, manche mit Assagaien, manche mit Kiri’s, manche blos mit Baumästen bewaffnet. Die drei ersten Treffen sollten gegen den Busch vorrücken, das vierte auf der etwas erhöhten Bodenstelle am Wiesenrande stehen bleiben und das Palmengebüsch auf das eifrigste beobachten, um uns verdächtige Bewegungen in demselben sogleich melden zu können. Wir waren nicht weit gekommen, als uns Frauenrufe zum Stillstand brachten. Die Damen fanden sich unter dem Baume nicht sicher genug und wollten auf den Termitenbau gehoben sein, wozu ihnen auch sofort ihre Männer verhalfen. Wir setzten hierauf langsam und bedächtig unseren Marsch über die hochbegraste Wiese fort. Wir waren nun ungefähr bis auf zwei Meter dem Busch nahegekommen, und da der Löwe noch immer kein Zeichen von sich gab, hob sich der Muth aller Angreifer, doch dieser Aufschwung nahm ein jähes Ende, denn plötzlich schallte uns aus dem Dickicht ein wildes Gebrüll entgegen, stark genug, um selbst dem beherztesten Jäger die Ueberzeugung beizubringen, daß es einen Unterschied zwischen einer Felis Leo und einer Felis domestica gebe. Wir waren dem Thiere so nahe, daß es Francis mit einem Sprunge erreichen und tödten konnte, bevor wir es an dessen Leiche erlegt hätten.
Die erste Folge des Gebrülles war, daß wir stille hielten, unverwandten Blickes schauten wir nach der verdächtigen Stelle, doch konnten wir nichts sehen. Nach einigen Secunden ertheilte einer der beherzten Jäger den Rath, an den Rückzug zu denken, welchen wir auch, ohne weiter daran gemahnt zu werden, antraten. Die Stelle, von welcher das Gebrülle zu kommen schien, fixirend, das Gewehr schußbereit, zogen wir uns zurück. Während des Rückzuges hatten sich die einzelnen Treffen etwas gelichtet, doch den größten Muth bewies das vierte, das wir erst nach einigem Suchen auf dem großen Baume gewahrten, wohin es sich geflüchtet hatte. Wir feuerten zahlreiche Schüsse in das Gebüsch ab, doch ohne Erfolg, darauf zündeten wir das trockene Gras an und trachteten auf diese Weise das Raubthier zum Verlassen seines Schlupfwinkels zu bewegen, doch das Geschick war uns an diesem Tage nicht hold, wir hatten heftigen Gegenwind und da brannte es nach der entgegengesetzten Richtung. Wieder waren es laute Rufe von Seite der Frauen, welche unsere Aufmerksamkeit erregten. Der Wind hatte den übelriechenden Rauch in einer dichten Wolke gegen das Bäumchen getrieben, in dessen Aeste die beiden Frauen, um sich noch sicherer zu fühlen, hinaufgestiegen waren, und diese förmlich mit dem Ersticken bedroht, da wurde Löwe und alles andere vergessen und man eilte den Damen zu Hilfe, die auch bald aus ihrer Lage befreit waren, und nach allen den Mißerfolgen dachten wir die Löwen leben zu lassen und heimzukehren; doch Westbeech, der als tollkühner Löwenjäger bekannt war, wollte sich in Gegenwart seiner Neuvermählten solch’ eine Gelegenheit nicht entgehen lassen, und machte den Vorschlag, das Palmengebüsch flußaufwärts zu durchstöbern. Um diesen Vorschlag auszuführen, hatten wir die Wiese in der Richtung zu durchschreiten, in der es Walsh am Morgen gethan hatte. Mit Ausnahme der Frau Westbeech betheiligten wir uns alle an diesem zweiten Jagdzuge. Diese wurde unter dem Schutze des vierten Treffens, der Matabele Diener, welche nicht wenig darauf stolz waren, die Gemahlin ihres Herrn beschützen zu können, zurückgelassen.
Der Löwe kommt.
Wir hatten glücklich die Wiese überschritten und suchten bereits in den Palmenbüschen, als uns ein herzzerreißendes Geschrei zur Stelle bannte; in demselben Augenblicke hatten wir uns alle umgewendet, und das Erstaunen mehrte sich, als wir keine Spur von Frau Westbeech mehr sahen. Der erste, der sich von seinem Schrecken erholte, war Westbeech, mit dem Gewehre in der Rechten, eilte er an uns vorüber, da sich jedoch das Angstgeschrei aus dem tiefen Grase der Wiese, die wir eben überschritten hatten, wiederholte, eilten wir ihm nach; doch wurden wir neuerdings für einen Moment aufgehalten, als der vor uns laufende Westbeech plötzlich mit einem Schreie verschwindet. In der Aufregung, die sich unser bemächtigt hatte, beachteten wir das überlaute Gelächter der herbeilenden Matabele nicht, Francis, der uns allen Voraus war, machte zwei Sätze nach vorne und in das von den Matabele angestimmte Gelächter einfallend, warf er das Gewehr bei Seite und sah in’s Gras, wir hörten nur noch seine Worte. »Bleibt zurück! Bleibt zurück!« Nach einige Secunden tauchte Westbeech vor ihm auf, beide liefen nun einige Schritte weiter, beugten sich nieder und nun erschien Frau Westbeech als die dritte im Bunde. Die Lösung dieses etwas räthselhaften Vorganges war bald gefunden. Die an dem Zambesi-Ufer wohnenden Manansa’s hatten, als sie noch keine Gewehre besaßen, um sich des Wildes leichter bemächtigen zu können, am Ufer des großen Stromes zahlreiche Fallgruben gegraben. Diese von jenen der bei den Betschuana’s üblichen abweichenden Gräben waren 10 bis 12 Fuß lang, 8 bis 10 Fuß tief, bei einer Breite von nur 18 bis 24 Zoll, dabei verengte sich die obere Oeffnung nach unten derart, daß jedes Thier bei den Versuchen sich zu befreien, nur immer tiefer einfiel und eingezwängt wurde. In eine solche war die arme Frau Westbeech am jenseitigen, der ihr zu Hilfe eilende Gemahl am diesseitigen Ende der Wiese gefallen. Frau Westbeech hatte sich, von einigen Hautabschürfungen abgesehen, glücklicher Weise nicht beschädigt, der Zwischenfall veranlaßte es jedoch, die Jagd aufzugeben und nach dem Skerm zurückzukehren. Als uns Abends die Bathoka wie gewöhnlich aufsuchten und wir sie fragten, ob es hier Löwen gebe, antwortete man uns, daß ihnen seit vielen Jahren ein Löwe bekannt sei, der sich in der Regel nicht weit von unserem Skerm aufzuhalten pflege, es wäre aber ein so an den Menschen gewöhntes Thier, daß sie selbst bei Nacht unbehelligt vor ihm vorbeigingen.