Bevor ich noch von den Victoriafällen scheide, will ich des Eingebornenstammes, der Manansa, gedenken, welchen man hie und da noch im Albertslande begegnet und der noch in den Dreißiger Jahren sein eigenes Reich besaß. Die Manansa bewohnen das Hügelland südlich von und um die Victoriafälle, ein Gebiet, welches den Bamangwato’s von rechtswegen zugehört, das jedoch von dem Matabele-Herrscher auch als das seine betrachtet wird und unter welcher Streitfrage Niemand mehr als die Bewohner dieses Striches zu leiden haben. Die Bamangwato’s nennen sie schlechtwegs Masarwa, während in Wirklichkeit die Manansa nichts mit den Letzteren gemein haben. Die Manansa bebauen kleine versteckte Thalpartien oder leben als Jäger hie und da, ohne bleibende Wohnsitze zu haben; werden sie von den Matabele hart bedrängt, so flüchten sie nach dem Westen auf das Bamangwato-Gebiet, und wenn von den Letzteren bedrängt, nach Osten auf jenes der Matabele; nur dann, wenn sie nicht mehr entkommen können — ergeben sie sich auf Gnade und Ungnade und erklären sich als gehorsame Unterthanen ihrer »Verfolger«. Man kann Albertland ein streitiges Gebiet zwischen den Bamangwato und Matabele nennen und dessen Bewohner nur als periodisch ansässige — so lang die Geißel über ihnen schwebt — Unterthanen und Bewohner des Bamangwato-Reiches betrachten, die in Wirklichkeit, wenn es auch die Bamangwato behaupten, reine Sklavendienste verrichten.
Bis zum Jahre 1838 war der Stamm der Manansa in einem selbstständigen Reiche vereinigt, das südlich bis an die westlichen Makalaka’s und den Ugwajfluß weit aufwärts, sowie zum Mittellauf des Kwebu-River reichte. — Dieses Königreich war von einem »Großen Häuptling« beherrscht, der bei dem Andrange der Matabele nachzugeben bemüht war.
Allein so wie Moselikatze (Tigerkatze hätte besser für ihn gepaßt) den Königreichen der Makalaka ein Ende gemacht und das große Reich der Maschona zur Hälfte zerstört, so wurde auch jenes der Manansa von ihm vernichtet. Den guten Worten des freundlichen, aufrichtigen Häuptlings wurde kein Glauben geschenkt und da die grausamen Matabele nicht gewohnt waren, für ihre Erpressungen gute Worte zu ernten, wurde er für verrätherisch gehalten; man witterte darin einen hinterlistigen Plan. Auch bei den Wilden glaubt der Schlechte in jedem guten Nebenmenschen nur Schlechtes zu finden — und da man sicher dachte, daß er einen Hinterhalt gelegt habe und nur durch die freundlichen Worte Zeit gewinnen wolle, um seine Männer zu sammeln, wurde er von den in Ueberzahl in sein Gehöfte und seine Stadt eingedrungenen Matabele zur Erde geworfen, sein Leib mit Assagaien aufgeschlitzt, das Herz herausgeschnitten, und mit den Worten: »Du hattest zwei Herzen, auch ein falsches, esse es«, ihm dieses an die noch zuckenden Lippen gepreßt.
Bei diesem Raubzuge der Matabele wurde dem Manansa-Reiche ein Ende gemacht, die Manansa zersplittert, alle Knaben von den Matabele mitgenommen, um zu Kriegern erzogen zu werden. Seitdem wiederholten die Matabele oft ihre Raubzüge, und die Reste der Manansa, wurden theils nach und nach vernichtet, theils flüchteten sie zu Sepopo, dem früheren Marutsekönig, theils zu Mochuri, dem Chef der Bathoka (nördlich von den Victoriafällen), sowie zu Wanke, dem Chef der nordöstlichen Makalaka (nördlich vom Zambesi und östlich von den Victoriafällen). Ich machte mehrere Versuche, zu erfahren, ob die Uebriggebliebenen einen Häuptling unter sich anerkennen, doch lange erfolglos, bis sich Jene, mit denen ich täglich verkehrte, überzeugt haben mußten, daß ich die Antwort mir in meinem »lungalo« (Buch) eintragen wollte, nicht aber um, wie sie wohl dachten, es dem Matabele-König zu verrathen, theilten sie mir mit, daß sie alle, wo überall sie zerstreut auch wohnen mochten, einen Chef verehrten, der östlich von Wanke’s Land ein kleines Gebiet von diesem Fürsten eingeräumt erhalten und hier die Reste des Stammes um sich gesammelt hatte. »Und warum geht Ihr nicht auch dahin, statt hier wie die Hunde herumgejagt zu werden?« Eigenthümlich — ähnlich wie im Süden, wo der Buschmann an seinen Felsen und Klüften mit seinem ganzen Sein hält — ist es auch hier die Liebe zu den bewaldeten Höhen und anmuthigen Thälern, welche die flüchtigen Manansa an die Scholle bindet, auf der sie das Licht der Welt erblickten. Jener Chef (Häuptling) ist der Sohn des von den Matabele ermordeten Königs.
Die Manansa haben viele Gebräuche, mit denen sie sich von anderen südafrikanischen Stämmen unterscheiden. Ich will einstweilen eines Gebrauches erwähnen, welcher vielleicht auch einem weiteren Leserkreis überraschend erscheinen dürfte. Wir ersehen daraus, daß das weibliche Geschlecht, ähnlich wie bei den Marutse und im großen Gegensatz zu der ungefälligen Behandlungsweise von Seite der Betschuana und zu jener abscheulichen bei den Matabele auch bei den Manansa geachtet wird. Wir wollen die Verlobung eines Manansa-Mannes besprechen. Hat ein solcher mit Wohlgefallen die Reize eines Mädchens seines Stammes beobachtet und erkannt, sie auch liebgewonnen (was unter den Betschuana und Zulu eine Seltenheit ist), so sendet er eine ihm wohlbekannte alte Frau zu ihr, welche für ihn die Brautwerbung versucht. Die Abgesandte gibt von dem Antragsteller das bestmögliche Bild, schildert seine Geschicklichkeit im Erwerben des njama (ñama) (des Fleisches, d. i. des Wildes), seine Gutmüthigkeit, zählt die vielen Felle auf, die sein Lager weich machen, und die Fruchtbarkeit des kleinen Grundstückes, das schon seine Mutter bebaut hatte.
Nun wird Familienrath gehalten; hier entscheidet nicht blos der Vater noch befiehlt er, sondern Mutter, Tochter und Vater erörtern den Gegenstand untereinander. Ist es ein Mann, welcher der Tochter gefällt, und wissen die Eltern nichts gegen ihn einzuwenden, so wird dem (während der Unterredung) vor der Thüre wartenden Weibe eine befriedigende Antwort ertheilt. »Der Antragsteller möge kommen,« was jedoch schon so viel bedeutet, daß ihn die Eltern als Schwiegersohn, die Tochter als Mann annimmt. Erscheint er nun in der Hütte und hat er seinen Gruß gesprochen, so muß er vorerst seiner Auserwählten ein Geschenk machen, das früher in dem reichen Felle einer Halbaffenspecies bestand, seitdem jedoch Glasperlen unter ihnen bekannt wurden, bietet er ihr eine handvoll kleiner, blauer Glasperlen an. Nur nachdem er dies gethan und es angenommen wurde, spricht ihn das Mädchen an, die von nun an seine Frau ist. Glücklicher Weise vermissen wir hier die Orgien, wie sie leider die heidnischen Verlobungs- und Trauungsfeste vieler südafrikanischer Völker charakterisiren. Der Vater, die Mutter, und hat die junge Frau erwachsene Geschwister, die in demselben Gehöfte wohnen, so mischen sich auch diese in ein Gespräch, das bis zur Tagesneige dauert. Am Abend entfernen sich die Eltern aus der Hütte, um eine der Nebenhütten im Höfchen zu beziehen, und thun dies je nach der Jahreszeit durch ein bis zwei Wochen. Täglich am Morgen verläßt der junge Mann seine Frau und geht seiner Arbeit nach, worauf erst die Eltern für den Tag ihr Besitzrecht wieder geltend machen. Für jede Gunstbezeugung von Seite der jungen Frau muß ihr der Augetraute stets eine handvoll Glasperlen bezahlen. Jeden Morgen nehmen Beide eine Waschung des Körpers mit lauem Wasser vor, welche Gefälligkeit auch wieder mit einem Geschenke beglichen wird. Nach ein oder zwei Wochen bringt der Schwiegersohn dem Vater ein Geschenk von vier Ziegenböcken und vier Mutterthieren, oder statt derselben acht Glasperlenschnüre (zwei Pfund Glasperlen).
Von diesem Tage an helfen die Eltern dem jungen Paare zwei Hütten bauen oder eine, je nachdem der Mann schon eine besaß oder nur bei seinen Eltern oder Freunden wohnte. Eheliche Treue wird sehr gewahrt, namentlich von Seite des Mannes, als unerhört wurde mir ein Treubruch bezeichnet, und dies führt uns zu einem wichtigen Punkt, in welchen die Manansa die »gebildeten Marutse« überflügeln, die mit ihrem abscheulichen »Mulekau«-Thum ihre eigenen Frauen zum Treubruche verleiten, sie oft gegen ihren Willen dazu zwingen. — Die bevorstehende Niederkunft einer Frau führt ihre alten Nachbarinnen in’s Haus. Das Erste, was sie thun, ist, die Waffe des Mannes, mag es ein Assagai oder ein Gewehr etc. sein, hinauszutragen und sie in eine andere seiner Hütten, sollte er jedoch (was selten der Fall) nur eine Hütte besitzen, in die Wohnung seines Nachbarn zu tragen, ebenso wie für den Ehemann ein unwiderrufliches Gebot ist, sich von eben dem Augenblicke aus der Hütte seines kranken Weibes zu entfernen. Erst am achten Tage nach der Geburt des Kindes, und nachdem Mutter und Kind mit warmem Wasser und die Hütte durch und durch gereinigt wurde, führen die alten Weiber den Mann wieder in sein Haus zurück, um seine Frau zu begrüßen und sein Kind zu sehen. — Diese Reinigungsproceduren, welch’ ein Gegensatz zu der Unreinlichkeit der Hottentotten-Race und der Makalaka’s! — Trotzdem, daß der Mann in’s Haus eingeführt wurde, darf er nicht darin wohnen, erst nach drei bis vier Wochen von dem Tage an gerechnet, an dem er sein Kind zuerst erblickte.
Tritt ein Todesfall ein, so wird die Person in der Abendstille in der Nähe des Gehöftes, und wenn es der Boden gestattet, in einer etwa fünf Fuß tiefen Grube beerdigt. Ein Erwachsener erhält einen Assagai in’s Grab und wird dabei in eine Carosse gehüllt. Die Beerdigung geht außer dem Gestöhne der weiblichen Angehörigen im Stillen vor sich. Stirbt ein Hausvater, so wird den Tag nach der eben genannten Ceremonie all’ sein Eigenthum zusammengetragen. Die Bewohner des Dorfes versammeln sich und nun tritt der älteste Sohn hervor, um von dem Eigenthum Besitz zu nehmen. Ist kein Angehöriger oder kein Sohn vorhanden, so wird von den Versammelten ein Mann zum Erben eingesetzt, meist ein Freund des Verstorbenen, und dieser hat dann den Namen desselben anzunehmen.
Die Manansa sind in der Regel von Mittelgröße und nicht stark gebaut, doch bereiten sie dem Forscher nicht geringe Schwierigkeiten, weil sie seit der Zerstückelung des Landes sich mit den ebenfalls flüchtigen Matonga und Masupia und nördlich vom Zambesi mit den Makalaka und Bathoka sehr vermischt haben. Schwarzbraun ist der Teint des Stammes, freundliche Augen, kleiner Kopf und große Lippen. — Als Verzierungen beobachtete ich bei ihnen jene der ärmeren Classen im Marutse-Reiche (doch war es wohl anders als noch ihr Reich bestand), Arm- und Fußringe aus Gnu- und Giraffenhaut, auch aus Eisendraht. Sie tragen höchst einfache Ohrringe aus besserem Material und als Kleidung in der Regel blos einen kaum handbreiten Lappen aus Calico oder aus wildwachsender Baumwolle bereitet, doch zuweilen ein kleines Fell über die Hüften geschlungen, die Frauen kurze Röckchen aus gegerbten Fellen. Als Diener dürften die Manansa allen übrigen südafrikanischen Stämmen vorzuziehen sein, ich fand sie sehr geschickt im Anschleichen des Wildes, dabei nicht überhitzig, sondern, was eben nöthig war, sehr vorsichtig, gefällig, ehrlicher als andere und vor Allem treuer.
Die Manansa werden von den mächtigeren, umwohnenden Stämmen, von den Marutse, Betschuana und Matabele, mit Verachtung angesehen und demgemäß behandelt. Sie sind die »Schildbürger« des nördlichen Süd-Afrika geworden. Was ihnen namentlich zur Last gelegt wird, ist ihre auffallende Gutmüthigkeit und Friedfertigkeit, zwei Tugenden, welche seitdem die Zulu-Matabele zwischen dem Limpopo und Zambesi der Rohheit und Herzlosigkeit Platz gemacht — als Untugenden, die erstere als ein gleißnerisches Betragen, die zweite als Feigheit angesehen werden. — Auch dies ist ein Werk des Vandalenthums der Matabele, nicht nur Mord und Raub, auch das Ersticken aller edleren Gefühle und Mißtrauen in jedes freundliche Wort, das da gesprochen, in jede gute Handlung, die begangen wird, waren eingezogen.