Auf meinen Ausflügen in den Schescheke umgebenden Wald fand ich außer derselben Baum- und Buschflora wie in den Betschuana-Wäldern noch zahlreich mir neue Arten und manche mir schon von den Betschuana-Ländern her bekannte Species zur doppelten Höhe gediehen. An Vierfüßlern war die Gegend sehr reich und unter diesen fand sich eine mir noch unbekannte Art einer Hartebeest-Antilope mit platt gedrückten Hörnern. Sehr zahlreich war auch die Vogelwelt vertreten, unter anderen fand ich hier zum erstenmale den Bienenfänger (Merops Nubicus), einen grauen, mittelgroßen Tukan, den großen Plotus und zwei Spornkibitz-Arten, welche durch gelbliche Hautlappen an ihrem Gesichte ausgezeichnet waren.

Am 17. begegnete ich einer jener Karawanen, welche aus den entfernteren Theilen des Reiches Abgaben an den König bringen. Sie zählen zehn bis mehrere Dutzend Menschen. Die freiwillig von ihrer Heimat Scheidenden oder von ihren Häuptlingen Abgesandten kommen mit ihrem ganzen Haushalte, da sich in ihrer Abwesenheit Niemand um die Kinder bemühen würde. Die eben vorüberziehende Karawane zählte 30 Personen, voran schritten die Männer von ihren Frauen und diese wieder von den Kindern gefolgt, beim Einzuge in Schescheke ordneten sie sich der Größe nach. Den Zug eröffnete der Führer, welcher nur seine Waffen und eine eiserne Glocke trug, mit welcher er unaufhörlich läutete. Dann folgten die Abgaben tragenden Männer mit Elephantenzähnen und mit Manzawurzeln und einer kleinen Frucht gefüllten Körben beladen. Die Frauen trugen die Reise-Utensilien und die Nahrungsmittel.

Am 19. unternahm ich, Westbeech, B. und W., je zwei in einem Kahn eine Bootfahrt stromaufwärts, um in einer der Lagunen mit der Angel zu fischen. Es lagen mehrere größere und kleinere Kähne in der hafenartigen Bucht und wir trafen zweimal eine so gute Wahl, daß wir nach einigen Minuten zurückkehren und die Canoes wechseln mußten; im kleinsten konnten ich und Bauer kaum das Gleichgewicht erhalten. Auf diesem Ausfluge beobachtete ich auch das Fischen der Marutse und Masupia mittelst Netzen. Aus zwei mit je vier Bootsleuten bemannten Kähnen, welche je ein großes aus Bastschnüren geflochtenes, weitmaschiges Netz bargen, warfen die Fischer hier das Netz aus, wobei sie sich, je tiefer dasselbe einsank, desto mehr nach rechts und links den Ufern näherten; sie zogen dabei das Netz nach aufwärts, so daß in dem Momente, wo sich die Kähne berührten, auch das Netz sammt den gefangenen Fischen in beiden Kähnen lag. Die Fische wurden nun mit Kiri’s betäubt und an’s Land befördert. Auf unserer Heimfahrt waren wir Zeugen einer unangenehmen Prügelscene. Von den in unserer kleinen Bucht badenden Mädchen hatte eines dem andern einige Glasperlen gestohlen, dies wurde von den anderen bemerkt, welche nun sich auf die Diebin stürzten, sie mit Händen und mit Schilfrohrstücken so lange schlugen, bis sie auf die Knie fiel und schreiend und flehend die Hände aufhob; doch selbst als sich ihrer ein Mann annahm wurde die Züchtigung fortgesetzt und ihr endlich von der Beschädigten das kleine Lederröckchen vom Leibe gerissen.

Als ich Abends beim Könige zum Nachtmahle geladen war, spielte sich eine Scene ab, welcher leider ein Gebrauch im Marutse-Reiche, sowie die Grausamkeit Sepopo’s zu Grunde lagen. Eine Stunde mochte seit Sonnenuntergang verronnen sein; im königlichen Gehöfte ging es recht munter zu. Gewohnter Weise saß der König mit gekreuzten Füßen auf seiner Matte, ihm zur Rechten die zu seiner Unterhaltung an diesem Tage bestimmten Königinnen. Zu seiner Linken war mir und seinem Neffen und nunmehrigen Nachfolger eine ähnliche Matte als Teppich angeboten. Auf der freien Stelle zwischen uns und dem in einem Halbkreise sitzenden, zahlreich versammelten Volke hatte der königliche Mundschenk Matungulu seine gewöhnliche Stelle schon eingenommen und war eben damit beschäftigt, Honigbier auszuschenken. Der Honig wird von den Marutse-Königen als Krongut betrachtet und muß an diese abgegeben werden, der Verkauf desselben wird von dem Könige mit dem Tode bestraft. Tagtäglich gehen einige dazu bestimmte Männer aus, um mit Hilfe des Honigkukuks Honig zu sammeln und die königliche Küche zu versehen, manche kehren gleich, noch am selben Tage, manche jedoch erst nach einigen Tagen mit ihrer Beute zurück.

Der König hatte eben von dem ihm dargereichten Glase ein wenig genippt und den Rest seiner Lieblingskönigin Lunga gereicht, dabei, wie er dachte, einen Capitalwitz vorgebracht, den er, wie gewohnt, zuerst selbst belachte, welches Lachen der Etikette gemäß von der demüthig zusammengekauerten Umgebung desselben mit einem wahren Pferdegewieher beantwortet wurde. Dasselbe war noch nicht ausgeklungen, als eben wohl den so entstandenen Lärm benutzend, einer der Unterhäuptlinge aus der Menge zu dem Könige heranschlich und demselben ziemlich leise von kaum hörbarem Händeklatschen begleitet, Folgendes berichtete: »In meinem Dorfe lebt ein alter Mann, dessen Füße zu schwach sind, um das Polocholo (Wild) zu jagen. Schon vor langer Zeit hat es Njambe (Gott) gefallen, seine Weiber sterben zu lassen und ihm so die Möglichkeit benommen, sich mit Mabele (Korn) zu nähren; seine Verwandten leben, da er mit Dir, o König, nach Schescheke gekommen war, in der fernen Barotse, und so hat er Niemanden hier, der ihm Nahrung reichen könnte, noch ist er selbst im Stande, sich welche zu erwerben.« Während der Häuptling sprach, schenkte Sepopo seine Aufmerksamkeit einem Anderen ihm gegenüber sitzenden Manne und als der erstere geendet, gab er diesem mit einem Autile intate zu verstehen, daß er ihn begriffen, und der Ruf »Maschoku« zeigte dem Berichterstatter, daß er erhört wurde. Maschoku hieß Sepopo’s Scharfrichter und er wurde eben gerufen, um den Häuptling, sein Dorf, den König und die Nachbarn von der Gegenwart des alten Mannes zu befreien.

Während meines Aufenthaltes in Schescheke gab es im Marutse-Reiche keinen so gehaßten Menschen wie Maschoku, keinen gefürchteteren Namen als diesen. Dem Stamme nach ein Mabunda, war er in Folge seiner Tauglichkeit ein Werkzeug Sepopo’s und seiner Geschicklichkeit halber, mit der er sein furchtbares Amt versah, von dem Könige zum Häuptling erhoben worden. Mehr denn sechs Fuß lang, sehr stark gebaut, zeichnete er sich durch einen unförmlichen Kopf und sehr abstoßende Gesichtszüge aus, welche ihm meinerseits mit Rücksicht auf sein Amt den Namen die Mabunda-Hyäne zuzogen. Auf den Ruf des Königs kam Maschoku auf allen Vieren herangekrochen, ein unterwürfiges, listiges Lächeln, ein Grinsen, das von der Befriedigung, mit der er des Königs Rufe zu folgen schien, ließ den Menschen noch widerlicher erscheinen, als er es ohnehin schon war. Auch er klatschte in die Hände und horchte; vor dem Könige angekommen, senkte er den Kopf, um gespannt des Königs Befehl zu vernehmen. »Maschoku,« sprach der König, »kennst Du den Mann, von dem eben der Häuptling sprach? Trachte die Sache morgen Früh in Ordnung zu bringen.« Dann nickte der König seinem Günstling zu und nachdem er ihn noch mit einem Becher Impote ausgezeichnet, entließ er den Mann, welcher auf dieselbe Weise, wie er gekommen, zurückkroch. So war die Sache abgemacht und für neue Nahrung der Krokodile des Zambesi gesorgt worden. Der König machte seinem guten Humor noch in einigen Witzen Luft, zog sich hierauf in sein Schlafgemach zurück, während die Musikcapelle in ihrem vor den königlichen Wohnungen erbauten Häuschen die nächtliche Serenade executirte.

Wir wollen nun sehen, wie am folgenden Morgen dem Befehle des Königs Genüge geschah. Einige Stunden nach Tagesanbruch hatten sich vor der Grashütte des den Krokodilen geweihten überflüssigen Mannes fünf Männer eingefunden, aus denen sich die berüchtigte Gestalt der Mabunda-Hyäne auffällig hervorhob, der letztere beugte sich nun zu der kleinen Eingangsöffnung der Hütte herab, streckte seinen unförmlichen Arm aus, um das Opfer beim Fuße zu ergreifen. Der Greis versuchte es, sich zu erheben, doch seine Schwäche hinderte ihn daran; wie Espenlaub zitterte der gebrechliche Körper. Mit den Worten. »Fasset an, ihr Männer, je eher desto besser für Dich, Vater,« tröstete der Scharfrichter sein Opfer. Die Gehilfen des Scharfrichters schleppten nun den Mann zum Flusse. Schweigend schritt die Gruppe dahin; am Ufer angelangt, band Maschoku die Hände und Füße des Mannes und ließ ihn in das bereit gehaltene Canoe bringen. Das Boot stieß ab, und nach einigen Ruderschlägen waren die Mörder in der Mitte des Flusses angelangt; während nun der Gehilfe mit dem Ruder das Gleichgewicht des Bootes zu erhalten bestrebt war, ergriff der Scharfrichter sein Opfer mit fester Hand und tauchte es, unterstützt von einem Gehilfen unter Wasser. Gurgelnde Laute entstiegen der Tiefe und die Arme zuckten nach aufwärts, doch alles vergebens, an der Gewalt des eisernen Griffes Maschoku’s scheiterte auch der verzweifelt Rettungsversuch. Auch die Luftblasen, welche bisher noch an der Oberfläche der Fluth auftauchten, blieben aus, das Leben war aus dem Körper entwichen. Nun wurde der Körper in’s Boot gezogen und näher dem Ufer an einer Stelle, wo die königlichen Straßenreiniger den Unrath den Krokodilen vorzuwerfen pflegten, in die Tiefe versenkt. Dies die gewöhnliche Weise wie König Sepopo mit kranken, alleinstehenden und altersschwachen Leuten umzugehen pflegte. In Schescheke gab es mehr solcher Opfer als in anderen Theilen des Marutse-Reiches, weil sich hier Fremdlinge aus den verschiedenen Provinzen versammelten, um den König zu begrüßen. Unter manchen Herrschern jedoch, wie z. B. unter dem beim Volke im guten Angedenken stehenden Großvater Sepopo’s, wurde diesem Gebrauche nie gehuldigt, ebensowenig während der Regierung einer Königin.

Der prophetische Tanz der Masupia.

Am 20. besuchte ich Masangu, den schon erwähnten Häuptling, Vorstand der Metall-Handwerker in Sepopo’s Reich, der zugleich die Oberaufsicht über alle von dem Könige an seine Unterthanen abgegebenen Gewehre zu führen hatte. Er war eben mit dem Ausbessern eines Gewehres beschäftigt und bediente sich dabei seiner eigenen Instrumente; Hammer, Meißel, Zange und Blasbalg waren die best gearbeitsten ihrer Art, die ich bisher unter den Eingebornen Afrika’s angetroffen hatte. Er frug mich, ob ich schon die Masupia’s tanzen gesehen habe; als ich dies verneinte, machte er mich auf den Schall der aus den königlichen Gehöften ertönenden Langtrommeln aufmerksam und forderte mich auf, den Tanz der Masupia’s zu beobachten. Die Bewohner des Marutse-Reiches lieben den Tanz sehr, ich möchte sagen, daß jeder Stamm einen Specialtanz besitzt; mit den Betschuana’s haben sie den Pubertätstanz gemein, den die Mädchen feiern, wenn sie ihre Reife erlangt haben. Er wird Wochen lang und stets bis gegen Mitternacht ausgeführt, und dient auch dazu, um das Freundschaftsband unter den im Alter ziemlich gleichstehenden, in einer Ortschaft geborenen Mädchen inniger zu knüpfen. Der Tanz wird von Gesang und Castagnetten-Musik begleitet.