Im Laufe des Tages fand ich Gelegenheit, mir von Sepopo Aufklärungen über die Verwaltung des Landes und die Beamten-Hierarchie des Reiches geben zu lassen. Die letztere läßt sich in vier Kategorien scheiden, welche erstens am Hofe, zweitens in den verschiedenen Gebieten der einzelnen Stämme als Statthalter des Herrschers, Koschi, amtiren, drittens in Unterhäuptlinge, die diesen untergestellt als Kosana und Makosana das Amt eines Statthalters versehen, und viertens in Beamte, die sich nur mit der Person des Königs zu beschäftigen haben und im Range zwischen den beiden letztgenannten Classen stehen.

Zu den ersterwähnten Rangstellen gehören: a) der Höchst-Commandirende, zu Sepopo’s Zeiten war es ein Ehrenmann, mit Namen Kapella, ein dem König verwandter Marutse, der später von dem Letzteren zum Tode verurtheilt wurde; b) der Arsenal-Gouverneur, welcher das königliche Waffen- und Munitionslager unter sich hat, und im Auge behalten muß, wie viel und an wen die Gewehre vom Könige vertheilt werden. Unter Sepopo bekleideten zwei Masupia’s, Massangu und Ramakocan, diese Stelle; c) der Commandant der Leibgarde, der jedoch blos im Kriegsfalle seine Functionen ausübt; zu Sepopo’s Zeit war es dessen Cousin Monalula; d) der Commandant der jungen Krieger, die zur Kriegszeit eine besondere Heeresabtheilung bilden; unter Sepopo war es Sibendi.

In die zweite Rangklasse gehören die Statthalter, welche über die einzelnen von den verschiedenen bedeutenderen Stämmen bewohnten Provinzen gestellt sind und Civil- und militärische Gewalt in sich vereinigen. In Gebieten, wie in der Barotse, im Masupia-Mabunda-Lande, also in den umfangreicheren Provinzen, sind mehrere Chefs installirt und dann einem im Hauptorte der Provinz Residirenden unterstellt. Alle diese bisher genannten Würdenträger sind dem jedesmaligen Ober-Gouverneur der Barotse untergeordnet. Dieser Mann wird nach dem Regenten als die höchstgestellte Person betrachtet, unter Sepopo und auch nach seinem Tode bekleidete Ikambella diesen Posten.

In die dritte Rangclasse gehören die Unter-Häuptlinge, Vice-Statthalter, höhere und niedere Beamte über größere oder kleinere Städte und Dörfer, kleinere Landstriche und über Kolonien, welche ausschließlich für den König Viehzucht, Ackerbau, Jagd und Fischerei betreiben. Die Beaufsichtigung der regelmäßigen Ablieferung der dem Könige schuldigen Abgaben ist übrigens auch in allen anderen Provinzen eine hervorragende Amtspflicht der Beamten. Der größte Theil des Erträgnisses an Getreide wird an den Statthalter abgegeben, dieser sendet wieder den für den König bestimmten Theil dem Letzteren zu. Erlegen die Unterthanen ein Stück Wild oder schlachten Freie oder Sklaven, welche Vieh besitzen dürfen ein Stück davon, so wird das Bruststück an den Kosana, ist jedoch der Koschi im Orte oder auf der Jagd anwesend, an denselben, geschah es in des Königs Residenz oder in deren Nähe, an denselben als Königsstück abgegeben. Dies ist Gesetz. Die Unterhäuptlinge haben auch alle wichtigen Begebenheiten ihrem Koschi und dieser dem Regenten unverzüglich zu hinterbringen.

Die Würdenträger der letztgenannten Rangclasse bilden zum größeren Theile den »engen Rath des Königs« und stehen nach landläufigen Begriffen höher als die der dritten Rangclasse, thatsächlich aber sogar in des Herrschers Gunst höher als die Statthalter. In diese Kategorie gehören der Scharfrichter, zur Zeit Sepopo’s der bereits erwähnte Maschoku, fünf bis sechs Leibärzte, unter denen der alte Liva und sein Bruder besonders berüchtigt war, ferner des Königs Mundschenk, ein bis zwei Detective, der Aufseher, der in der Residenz stationirte Fischer und der oberste Kahnaufseher. Obgleich Sepopo die Verwaltung des Mabunda-Reiches seiner Tochter Moquai aus den Händen nahm, hatte sie doch, vom Volke als die eigentliche Herrscherin angesehen und geehrt, ihren eigenen Hofstaat, in welchem ihr Gemahl Manengo die höchste Stelle bekleidete, auch hatten sie einen Kanzler, einen Garde-Commandanten, die Statthalter ihres Reiches waren jedoch von Sepopo installirt worden. Außer den genannten Würdenträgern lernte ich noch die Häuptlinge Sambe, Premier der Königin Moquai, Nubiana, einen Marutse, ebenso Moquele und Mokoro, auch die beiden Masupia-Chefs Monamari und Simalumba kennen.

Sepopo umgab ein engerer und großer Rath. Der erstere war das »Werkzeug des Herrschers«, ein Haufe nicht minder grausamer Creaturen als der König es selbst war (unter Regentinnen ist er nicht vorhanden), der große Rath aber, der zum Theile aus Ehrenmännern besteht, war ziemlich machtlos und fristete unter Sepopo eine bloße Scheinexistenz, da die milden Urtheile der Mitglieder desselben, sowie sie dem Herrscher nicht zusagten, einfach ignorirt wurden, oder der engere Rath, der stets dem Könige gehorcht, zu den Berathungen zugezogen, wodurch der große Rath stets überstimmt wurde. Der große Rath bestand aus den Hof-Würdenträgern, aus Häuptlingen und Unterhäuptlingen, die zufällig die nächste Umgebung des Königs bewohnten. Obgleich Sepopo seinen Wohnsitz mehrmals wechselte, machte er doch die Erfahrung, daß ihm zwar anfangs die Mitglieder des großen Rathes zu Willen waren, später sich jedoch seinen Grausamkeiten, namentlich den zahlreichen Hinrichtungen der von ihm ob des geringsten Verdachtes schon des Hochverrates Angeklagten, widersetzten. Um den Widerstand des großen Rathes zu brechen, verfiel Sepopo auf den Gedanken, den großen Rath im Masupia-Lande, sowie die Häupter jenes der Barotse zum Tode zu verurtheilen, es war dies eine Gewaltmaßregel, welche nicht wenig seinen Sturz beschleunigte. Bei den Stämmen im Marutse-Reiche stand der große Rath in bedeutendem Ansehen, während man mit sklavischer Demuth zu dem engeren emporblickte.

Unter Sepopo’s Regierung führten zwei mumienartig aussehende Zauberdoctoren, der eben genannte Liva und sein Bruder, das Wort. Sie, welche schon mehreren Herrschern gedient hatten und eine mehr denn sechs Decennien dauernde Praxis hinter sich hatten, wußten dem mißtrauischen und äußerst abergläubischen Sinne Sepopo’s zu schmeicheln und ihn in seinem Aberglauben zu bestärken. So hatten sie sich in der Gunst der Stämme vom Vater auf den Sohn zu erhalten gewußt und waren weniger gehaßt denn gefürchtet, wenn sie auch oft die schrecklichsten Grausamkeiten anriethen. Wenn sich die Stämme nicht früher schon gegen Sepopo, diesen ungewöhnlichen Despoten erhoben, so beruht diese Schonung in dem Ansehen, das er als das Haupt des engen Rathes genoß und darin, daß er als ein Mann betrachtet wurde, der mit seinen Zaubermitteln leicht die gegen ihn ersonnenen Pläne entdecken und vereiteln konnte. Seine Grausamkeiten nahmen indeß an Häufigkeit zu. Die höchsten Beamten des Reiches waren vor ihm nicht mehr sicher, und doch wagte es Niemand, gegen ihn einen Assagai zu erheben. Da traf es sich, daß er öffentlich Zaubermittel ausstellte und dem Volke die Wirkung derselben erklärte, die jedoch ausblieb. Nun fielen den Leuten die Schuppen von den Augen, sie erkannten, daß die ganze Zaubermacht des Tyrannen Humbug sei, verloren die Furcht vor derselben und vertrieben ihn endlich.

Als ich am 26. mit Westbeech und einem Koschi über die Würdenträger des Marutse-Reiches sprach, theilte mir der erstere eine Episode aus dem Leben eines portugiesischen Händlers mit, welcher periodisch das Marutse-Reich zu besuchen pflegte. Ein nebenan stehender Häuptling warnte mich jedoch, vor dem Könige Anspielungen auf diese Episode zu machen, da es diesen immer in furchtbare Wuth versetze. Der genannte Händler, von den Eingebornen Intschau genannt, kam in der Regel mit hundert bis hundertzwanzig männlichen und zwanzig weiblichen Trägern nach der Barotse, er hielt einen förmlichen Hofstaat und trug seinen Reichthum an Prätiosen zur Schau, beschenkte auch den damals in der Barotse geladenen W., der ihm als Gegengeschenk ein Doppelgewehr übergab. Als nun Westbeech im Jahre 1874 Senhor Intschau in der Barotse traf, ordnete der König eine der großen Jagden an, wie sie jährlich während der Zambesi-Ueberschwemmungen abgehalten zu werden pflegen. Während derselben flüchten sich die Wasser-Antilopen des Zambesi-Thales (der Letschwe und Puku) in die überschwemmten, dem Flusse anliegenden Partien, was ihnen aber zum Verderben gereicht, da auf manchen Jagden bis zu vierzig Stück gespeert werden. Sie werden mit Kähnen gejagt und diese Jagden gestalten sich zu einem wahren Festtage der Marutse. Der König Sepopo hatte für seinen Gebrauch ein eigenes großes Boot, das eine Hütte trug, in welcher in den freien Augenblicken während der Jagd Bier getrunken wurde, welches die Städte und Dörfer, an denen man vorüberfuhr, liefern mußten. Jenes floßartige Riesenboot wurde von vierzig Bootsleuten gesteuert.[13]

Als sich nun Sepopo auf jene Jagd begab, lud er Westbeech ein, an derselben theilzunehmen, nicht aber den Portugiesen, worüber der letztere so erbittert war, daß er sich an dem Könige zu rächen beschloß. Wie schon erwähnt, standen in dem vom Könige allein bewohnten Gehöfte drei Häuser, jene in der Stadt Sola, die Sepopo damals bewohnte, waren namentlich solid ausgeführt. In Abwesenheit des Königs nahm sich nun Intschau die Freiheit, von dem königlichen Gehöfte Besitz zu ergreifen, wobei er dessen Schlafgemach in einen Düngerhaufen verwandelte. Die Bewohner von Sola hielten den Portugiesen im Besitze der königlichen Erlaubniß und berichteten dem Könige nicht eher die Invasion seines Gehöftes, als bis sie durch das Vorgehen des Fremden die königlichen Gebäude entehrt sahen. Als sie hörten, daß der König auf der Rückfahrt begriffen sei, reisten ihm die Solaner entgegen und berichteten ihm, was geschehen war. Der König wollte den Leuten nicht Glauben schenken und schickte einige Männer seiner Begleitung voraus, welche sich von der ihm angethanen Schmach überzeugen sollten. Die Abgesandten konnten nur die Aussagen der Solaner bestätigen, worauf der König Intschau auffordern ließ, Sola und sein Reich überhaupt sofort zu verlassen, welchem Befehle der Elfenbeinhändler auch wohlweislich nachkam.

Darauf berief der König den kleinen Rath. Seine Lieblinge, die vom Aberglauben umnachteten Rathgeber, hielten eine geheime Sitzung und kamen zu folgendem Beschlusse, den sie dem Könige und später auch dem Volke kundgaben. Sie sagten: »Intschau hätte nie eine solche Beleidigung gewagt, wenn er nicht im Besitze von sehr starken und ganz wundersamen Medicinen gewesen wäre. Der König dürfe daher nie mehr Sola und um so weniger seine Wohnung aufsuchen, es würde ihm, sowie auch seinen Unterthanen und dem ganzen Lande sehr großen Schaden bringen. Um all’ dies abzuwenden, hielten sie es für das Beste, daß die Einwohner Sola verlassen, daß sie wie der König all’ ihr Hab und Gut mit sich nehmen sollten und daß dann die Stadt dem Boden gleichgemacht, d. h. an allen Seiten angezündet, damit auf diese Weise die Gewalt der von den Portugiesen schon angewendeten oder noch hie und da verborgenen Medicinen und Zaubermittel vernichtet werde.« So geschah es auch.