Am nächsten Tage beehrte mich Marancian mit seinem Besuche und wir sprachen mit W. über die Barotse, das Mutterland der Marutse. Marancian meinte, ich würde, da ich Alles unter den Leuten in Schescheke so beobachte und Häuser und all’ die Dinge in mein lungalo (Buch) eintrage, weit schönere Bauten und Dinge in den Städten der Barotse sehen und er machte mich namentlich auf die Denkmäler der Könige aufmerksam. Mich freute diese neue Aufmunterung zur Reise nach dem schon von Westbeech, dann eingehend vom Könige, von den Häuptlingen Rattau, Ramakocan, den Königinnen, Moquai und den Portugiesen besprochenen Lande. So kamen wir auch auf des Königs verstorbenen Thronfolger Maritella zu sprechen. Nach seinem Tode ließ der König das zur Stadt und ihrer Umgebung gehörende Vieh auf dem Grabe zusammentreiben und hier mehrere Stunden stehen, bis die Thiere durstig und hungrig geworden, Ihren Unmuth durch Gebrülle kundgaben. »Seht,« sprach der Herrscher, »auch die Thiere trauern um Maritella, mein Kind.«
An diesem Tage kehrte der König mit seinen Leuten von der großen Elephantenjagd zurück. Er war höchst unmuthig und mit dem Erfolge derselben in jeder Beziehung unzufrieden. Am 2. hatte man in den Sümpfen in der Nähe von Impalera über hundert Elephanten getroffen, jedoch nur vier davon erlegt. Nicht weniger als zehntausend Schüsse waren gegen die Thiere abgefeuert worden. Am Abend sah ich bei dem König die erbeuteten Hauer. Zwei à 60, sechs zwischen 25 und 30 Pfund Gewicht, vier kleine Kuhhauer und vier werthlose Zähne junger Thiere. Dabei waren die zwei größten durch die Kugeln arg beschädigt worden.
In der letzten Zeit war es in Schescheke recht empfindlich warm geworden, so daß man durchaus nicht mehr eine Jacke am Körper ertragen konnte. Um so schwüler war es in meiner fensterlosen Grashütte und wahrhaft unerträglich, wenn die über einen Fuß starke, nasse Graslage, die auf dem Schilfrohrgerippe lag, auszudünsten begann.
Am 7. machte ich einen abermaligen Ausflug, diesmal nach Nordost, es war die längste Fußreise, die ich je zu Stande gebracht, etwa 52 englische Meilen. Schon etwa um zwei Uhr hatte ich Schescheke verlassen, durchschritt den westlichen Theil von Blockley’s Kraal bis an den Kaschteja hin und verfolgte dann den Fluß aufwärts, indem ich vergeblich eine passende Uebergangsstelle suchte. Das Thal am unteren Laufe des eben genannten und schon mehrmals erwähnten linken Zambesi-Zuflusses ist flach, wiesig, von Niederwald umsäumt. Bis zum Kaschteja trafen wir Zebras, gestreifte Gnu’s, Letschwe- und Puku-Antilopen, Rietbock- und Steinbock-Gazellen, im Thale des Kaschteja den Orbecky und Rietbock in Heerden, eine Erscheinung, die weder ich noch ein anderer Jäger zuvor beobachtet hatte.
Die englischen Offiziere wollten am 8., höchst unzufrieden mit dem Aufenthalte in Schescheke, die Stadt verlassen, doch sie waren nicht im Stande, Kähne von Sepopo zu erhalten, um nach dem Tschobethal und Panda ma Tenka zurückkehren zu können. Auch am 9. schlug Sepopo ihre abermalige Bitte ab. Heute kehrte auch Blockley von Panda ma Tenka mit einer größeren Anzahl von Gewehren zurück; ich war froh, den freundlichen Mann, der mir so viele Dienstleistungen erwiesen, wiederzusehen, und machte mit ihm einen Besuch beim Könige, der mich wahrhaft beglückte, denn nunmehr sollte mein längst gehegter Wunsch in Erfüllung gehen. Der König war gesonnen, das mir gegebene Versprechen baldigst zu erfüllen. Er theilte uns mit, daß in nächster Zeit die von der Barotse zu Besuche gekommenen Königinnen sowie Moquai nach dem letzteren Lande zurückkehren würden, und daß ich in ihrer Gesellschaft reisen solle; ich konnte keine einflußreicheren Begleiter als jene von den Völkern so hochgeehrten Frauen haben.
Als ich gegen Mittag Sepopo zum zweiten Male besuchte, fand ich sein Gehöft mit Menschen gefüllt und als ich in das Haus eintrat, fragte mich der König, ob ich schon Maschukulumbe gesehen hätte, da ich es verneinte, nahm er mich bei der Hand, führte mich vor sechs auf der Erde hockende Menschen, die mir fremd und einer eingehenderen Betrachtung werth schienen. Sie waren von schwärzlicher Hautfarbe und hatten alle einen weiblichen Zug in ihrem Gesichte, die meisten eine Adlernase. Jener Zug rührte von der Bartlosigkeit der Gesichter, sowie davon her, daß ihre Oberlippe stark eingefallen war. Eine weitere Eigentümlichkeit der fremden Besucher war, daß sie mit Ausnahme ihres Scheitels alle behaarten Theile an ihrem Körper rasirt hatten, besonders auffallend war aber die Haarfrisur, welche sich auf ihrem Scheitel auftürmte. Sepopo berichtete mir, daß es Maschukulumbe seien, welche nach Osten und Norden die Grenznachbarn seines Reiches bilden. Vom Könige und mehreren Häuptlingen befragt, berichteten sie, daß die Stämme der Maschukulumbe unter folgenden Fürsten leben. Sialoba, Mokobela, Kajila, Wuengwa, Kasenga, Kaingo, Musanana, Similindi, Kasamo, Kanjambo und Nadschindu. Die Anwesenden waren Abgesandte, welche alljährlich mit Geschenken zur Begrüßung des Herrschers an den Marutse-Hof kommen und nach einigen Wochen mit Gegengeschenken heimkehren. In ihrem Lande gehen sie vollkommen nackt einher, nur die Frauen pflegen sich Eisenglöckchen an einem Riemen um den Leib zu hängen. Der Stolz der Maschukulumbe ist ihr Haar, es ist auch in der That sehenswerth. Auf der Höhe des Scheitels, fest mit dem Kopfe zusammenhängend, ruht ein kegel- oder kegelstutzförmiger, aus mehreren Lagen aufgebauter Chignon. Die einen Lagen sind aus horizontalen, die anderen aus verticalen, bei einem zweiten aus sich kreuzenden, bei dem anderen wiederum aus parallel laufenden, kunstvoll geflochtenen Zöpfchen gebildet und mit einer Gummilösung durchtränkt, so daß das Ganze als ein aus dem Haare des Trägers allein bereiteter Bau angesehen werden könnte; doch dem ist nicht so. Periodisch schabt der Maschukulumbe bis auf eine kreisrunde, bis fünfunddreißig Zentimeter im Umfange messende Cranium-Fläche das wollige Haar von seinem Körper ab. Auf die am Scheitel stehenbleibende Wolle wird nun der thurmartige Chignon aufgebaut; das durch das periodische Abschaben gewonnene Haar wird aufbewahrt, bis eine hinreichende Menge zur Verfügung steht; um diese jedoch in möglichst kurzer Zeit zu erlangen, erlaubt sich der Gemahl auch den Kopf etc. seiner Frauen, seiner Sklaven und die Köpfe aller der im Kriege erschlagenen Feinde abzuschaben, und das so gewonnene, für den Maschukulumbe unschätzbare Material mit Hilfe von Gummi mit seinem Eigenen zu verbinden, und dann in kleine Zöpfchen zu flechten. Die längste dieser Frisuren endete in einen 1.03 Meter langen Schweif. Sie war nach rechts geneigt, beugte sich der Mann nach vorne, so senkte sich auch der ganze Haarthurm. Diese Frisur hatte einen Umfang von sechsunddreißig Zentimeter, die anderen waren zwanzig bis dreißig Zentimeter hoch. Die Temporalmuskeln waren zu fingerdicken Strängen entwickelt, nur dadurch konnte der Kopf auch die große Last auf dem Cranium tragen. Die eingesunkenen Oberlippen waren durch das Aussprengen der oberen Schneidezähne bedingt, welcher Proceß bei den Maschukulumbe ähnlich wie die Boguera bei den Betschuana’s zur Zeit ihrer Mannbarkeit oder vor derselben, also in der Abhärtungsperiode des Knaben vorgenommen wird. In ähnlicher Weise brechen sich ein nördlich vom Zambesi wohnender Makalakastamm und die an seinen beiden Ufern wohnenden Matonga’s die oberen mittleren Schneidezähne und thun dies aus einem Motiv der Eitelkeit. Die Matonga-Frauen sind der Ansicht, daß nur Pferde mit allen Zähnen fressen, die Männer jedoch sollen kein Pferdegebiß haben.
Der König war an diesem Tage mit den Seinen beschäftigt, aus den Blattrippen der Saropalme ein Musikinstrument zu schneiden, die concave Fläche desselben wurde mit Ausnahme der Enden tief ausgefurcht und an der convexen, rückwärtigen Außenfläche zahlreiche zwei bis drei Millimeter breite seichte Furchen eingeschnitten, das Instrument wurde dann beim Elephantentanze mit einem Stäbchen gestrichen.
Westbeech, Dorehill und Cowley verließen am 10. Schescheke, um nach Panda ma Tenka zu gehen, während sich Sepopo noch immer weigerte, den beiden englischen Officieren, welche sehnlichst abzureisen wünschten, Kähne zur Verfügung zu stellen. Am 11. zog der König, von einem Haufen seiner Unterthanen begleitet, durch die Stadt und führte laut singend den Mokoro- oder Bootstanz auf. Unter den Klängen der Schiffermelodie wurde eine Bootfahrt versinnlicht. Der Vortänzer, hier der König, machte die Gesten des Bugruderers, der ihm folgende Schwarm, etwa siebzig seiner Unterthanen ahmten die Backbordmänner nach. Da ich die Hoffnung nicht aufgab, Sepopo werde die englischen Offiziere ziehen lassen, arbeitete ich neue Feuilletons für englische und heimische Blätter aus und übergab ihnen dieselben sowie meine Correspondenz zur freundlichen Weiterbeförderung. Sie waren schon im Begriffe in die Boote zu steigen, als sie abermals von Sepopo zurückgehalten wurden; endlich gab er nach. Da waren es aber die von den Engländern gemieteten Diener, welche sich die unfreundliche Behandlungsweise ihres Königs zum Muster nehmend, nicht minder unverschämt betrugen. Durch meine Intervention gelang es indeß, auch diese zur Vernunft zu bringen und den Officieren die Abreise zu ermöglichen. In den letzten Tagen hatte sich eine der Sommerplagen von Schescheke, die Mosquito’s, recht bemerkbar gemacht und ließen mich kaum zur Ruhe kommen.
Am 16. wurde abermals von den Marutse des notwendigen Köders halber eine Hetzjagd auf einen Hund unternommen, da eine Frau beim Baden wieder von den Krokodilen getödtet wurde. Auf meinem Rundgange durch die Stadt kam ich eben dazu, als ein Menschenschwarm nach dem Flusse hinstürzte; demselben folgend kam ich zu den zwei Mimosen, in deren Nähe eben zwei riesige Krokodile an’s Land gezogen wurden.
Seit einigen Tagen fiel jeden Nachmittag Regen und am frühen Morgen so reichlicher Thau, daß ein Ausgang vor zehn Uhr ein Morgenbad genannt werden konnte. In den meisten Partien war das Gras drei Fuß hoch.