Am Morgen des 1. December 1875 besuchte mich ein Marutse-Unterhäuptling und lud mich ein ihm zu folgen. Am Ufer des Zambesi angelangt, fand ich drei für mich bestimmte königliche Kähne, die indeß kaum für den Transport meines Gepäcks hinreichten, weshalb ich um einen vierten ersuchte, wobei meine Diener noch immer zu Lande am Ufer folgen mußten. Gegen Mittag verließen wir Schescheke und kamen ziemlich rasch vorwärts. Ich fand so zahlreiche Inseln und Buchten, daß ich es bedauern mußte, in Folge der herannahenden Fieberzeit rasch reisen zu müssen und nicht die nöthige Zeit zur Verfügung hatte, das Bett des Zambesi in seiner ganzen Breite mit seinen Inseln, Lagunen etc. in allen Details kartographisch aufnehmen zu können. Der Uferabhang, in dessem Sande sich eine 12 bis 24 Zoll starke, mit Thon untermischte Torfschichte bemerkbar machte, zeigte mir schon auf der ersten Strecke unserer Fahrt einige sammelnswerthe Pflanzen; doch konnte ich nicht daran denken, die Fahrt zu unterbrechen, da mir viel daran lag die Flottille der Königinnen, welche bereits Morgens Schescheke verlassen hatten, einzuholen. Gegen Abend kamen wir an Stellen, an denen zahlreiche vom Strome herabgeführte und im Grunde festsitzende Baumstämme die größte Vorsicht geboten; bei Sonnenuntergang hatten wir endlich die Landungsstelle der Flottille erreicht. Es war ein nackter, sandiger Uferabhang, doch beiderseits von Schilf und oben von Gebüschen gegen Wind geschützt. Während die weiblichen Dienerinnen zahlreiche Herdfeuer angezündet hatten und ihren Küchenarbeiten oblagen, führten mehrere Kähne das zum Baue der Hütten nöthige Schilfrohr herbei. Ich wollte an diesem gemeinsamen Lagerplatze übernachten, meine Bootsleute jedoch schlugen einen, noch einige Meilen entfernteren vor, und da ich damals ihre Finten nicht kannte, fügte ich mich; erst später erfuhr ich, daß sie sich möglichst bestrebten, nicht an demselben Orte, den sich die königliche Flottille zum Lagerplatze erwählt hatte, zu übernachten, damit mich die Königinnen gegen ihre Belästigungen nicht zu schützen vermochten. Spät am Abend langten wir endlich an der auserkorenen Lagerstelle an, es war eine wenige Hütten zählende Niederlassung von Mamboëfischern und Nilpferdjägern. Einige in den Ufersand eingetriebene Baumäste, auf denen Netze hingen, zahllose aufgesteckte Köpfe kleiner Krokodile und nicht minder zahlreiche herumliegende Welse wiesen deutlich auf ihr Gewerbe hin. Wir logirten uns in einer 2½ Meter hohen, drei Meter breiten und sechsundzwanzig Meter langen Grashütte ein. Während der Fahrt beobachtete ich zahlreiche Wasser- und Sumpfvögel, Staare, Finken, Eisvögel etc.
Als wir am nächsten Morgen eben im Begriffe waren, mit unserem Gepäck die Boote zu beladen, kam die königliche Flottille in Sicht, die wir nun erwarteten. Die Mamboë, die Bootsleiter der Königinnen, übergaben derselben ein Abends vorher geschlachtetes Rind und die Mutter des Landes, Mokena, war so gütig, mir ein Hinterviertel von dem geschlachteten Thiere zu überlassen. Meine Bootsleute mußten sich der königlichen Flottille anschließen und nun ging es rasch vorwärts. Die vielen, bald vor, bald hinter uns fahrenden, einander überholenden, den Fluß kreuzenden, dort wieder zwischen den Inseln rechts oder links einbiegenden stark bemannten Kähne boten, auf dem tiefblauen, von Mimosengebüschen und den Schilfrohrwalde umsäumten Strome ein wechselndes und sehr interessantes Bild, das ich gerne festgehalten hätte, wenn nicht die kartographische Aufnahme des Flusses jede Minute beansprucht haben würde. Einer am rechten Ufer erbauten Marutse-Niederlassung gegenüber hielten wir für eine halbe Stunde auf einer Sandbank, um den Bootsleuten, die sich sehr wacker hielten, einige Augenblicke Ruhe zu gönnen. Während diese gemüthlich ihre Dachapfeifen schmauchten, wurde von den königlichen Frauen ein kleiner Imbiß eingenommen, bei dem sie auch mich nicht vergaßen, indem mir eine der Königinnen, Mamangala, geröstete Fische übersandte. Flußscenerie und die Thierwelt blieben sich auch heute gleich.
Gegen Abend landeten wir an einer Stelle, an der schon früher von vorüberfahrenden Schiffern circa zwanzig Hütten errichtet worden waren. Es war auch die höchste Zeit, denn ein Gewitter war im Anzuge und es fing zu regnen an, bevor ich mein Gepäck an’s Ufer gebracht hatte; hier lag auch bereits das vierte Boot. Der Sturm dauerte bis gegen Mitternacht. Der Regen drang in die Hütten und ich mußte mit meinen Decken mein Gepäck zu sichern suchen. Auf einem Kistchen sitzend, entschlummert, glitt ich im Schlafe auf den Boden nieder und erwachte früh zu meinem Erstaunen in einer in der Hütte entstandenen Regenlache; die Folgen ließen nicht auf sich warten. Am folgenden Morgen gab ich dem Drängen meiner Bootsleute nach und unternahm einen Jagdausflug auf einer mit vier bis fünf Fuß hohem Grase bewachsenen, von zahlreichen Lagunen und beträchtlichen Sümpfen bedeckten Ebene, welche von dem Schescheker Walde umsäumt, sich nach Westen erstreckte und hie und da bewaldet war. Auf niedrigen Bodenerhebungen erblickte ich kleine Marutse-Dörfer, deren bedeutendstes Katonga hieß. Zur Zeit der Zambesi-Ueberschwemmungen steht die ganze Ebene bis zu diesen Dörfern unter Wasser.
Von dem leider erfolglosen Jagdausfluge zurückkehrend, fühlte ich plötzlich eine nie zuvor empfundene Müdigkeit über mich kommen, welche so zunahm, daß ich etwa eine halbe Wegstunde von unserem Lager entfernt außer Stande war, weiter zu gehen, und mich meine Diener dahin tragen mußten. Nach den Symptomen zu schließen, welche diese Müdigkeit begleiteten, hatte mich das Fieber überfallen. Meine Bootsleute waren sehr ungehalten darüber, daß ich ohne Beute zurückgekehrt war und ihnen die Bewohner von Katonga nicht hinreichend Bier und Korn gegeben hatten, ich war deshalb froh, daß sich der mir als Führer mitgegebene Unterhäuptling Sekele meiner annahm und die Leute zur Ruhe verwies. Während der Nacht verschwand eine der Dienerinnen der Fürstin Moquai. Diese ließ die Spur, die zum Wasser führte, verfolgen, und es zeigte sich, daß die Person einige Schritte flußabwärts an’s Land gestiegen war und die Richtung nach Schescheke eingeschlagen hatte; sofort wurden einige der Männer nachgesendet, welche die Flüchtige, die unlängst gegen ihren Willen verheiratete Sclavin, zurückbrachten.
Marutse-Typen.
Wir setzten am nächsten Morgen die Bootfahrt fort und liefen gegen Mittag in einen schmalen Flußraum ein, der von der nördlichsten mehrerer bewaldeter Inseln und dem linken Ufer gebildet wird. Ich erlaubte mir diese Inselgruppe die Rohlfs-Inseln zu benennen. Auf der Festlandseite des Flußarmes lag die westlichste Masupia-Niederlassung Sekhosi, in der schon seit vielen Decennien fleißig Ackerbau getrieben wurde, unter Anderem wurden hier auch Manza und Bohnen cultivirt. Gegenwärtig pflegen die Marutse nur so viel anzubauen, als sie zu ihrem Lebensbedarfe und ihren Abgaben benöthigen, nur die Masupia, Batoka und östlichen Makalaka bauen etwas mehr an und verkaufen den Ueberschuß den Händlern und Jägern aus dem Süden. Dabei cultiviren sie meist nur sandige Abhänge, Waldstellen um Termitenhaufen, während die fruchtbarsten marschigen Theile vollkommen brach liegen. Mit Rücksicht auf diese großen Strecken, die regelmäßige Bewässerung, die man diesen angedeihen lassen kann, das warme Klima etc., hat das Land eine große Zukunft. Die von den Flüssen entfernteren Binnengebiete bestehen aus einem oft meilenlange Wiesenstrecken einschließenden Urwald, so daß auch diese gute Felder abzugeben versprechen. Nöthigenfalls können auch die Flüsse, wie der Zambesi selbst, zur Bewässerung des Landes herangezogen werden. Die Stämme sind strebsam und arbeitsam; hat der Pflug in’s Land Eingang gefunden und ist es einmal vom Süden oder Osten dem allgemeinen Verkehr geöffnet, so wird das Marutse-Reich rasch aufblühen.
In den Manekango-Stromschnellen.
Ungefähr zwölf Meilen von Schescheke tritt ein Vorbote der die südliche Barotse durchziehenden und den Fluß nach abwärts begleitenden Höhenketten, der Wald von Schescheke, unmittelbar an’s Ufer. Schon östlich von Schescheke, etwa halben Weges zwischen den Makumba-Stromschnellen und der Mündung des Kaschteja-Flusses, auf welcher Strecke das Land sich allmälig nach Westen hob, vermißte ich die Saro- und und Fächerpalme, sowie die Papyrusstaude. Westlich von Sekhosi ist das Gefälle des Stromes ein bedeutendes, es beginnen hier auch die Süd-Barotse-Stromschnellen und Katarakte des zentralen Zambesi. Dieselben sind zumeist durch Felsenbänke gebildet, welche quer in einer geraden oder schrägen Richtung über den Fluß ziehen und gleichsam Verbindungsarme zwischen den beiden den Zambesi begleitenden Höhenketten darstellen. Durch diese Felsenriffe sind zahlreiche Inseln gebildet und je weiter ich kam, desto interessanter schien das Flußbett mit seinen vielen nackten, dunkelbraunen, doch auch nicht minder zahlreichen beschilften, oder stellenweise auch hochbewaldeten Inseln zu werden. Auf einer Strecke von vierzehn englischen Meilen zählte ich einen Katarakt und vierundvierzig Stromschnellen, die letzteren waren in der Weise gebildet, daß sich allmälig das aus einer einzigen Felsenplatte gebildete Flußbett neigte, oder daß sich dasselbe plötzlich stufenförmig senkte. Stellenweise waren es wieder Felsenblöcke, welche theils unter dem normalen Wasserstande liegend oder auch über denselben hervorragend die Stromschnellen verursachten, nur einmal beobachtete ich, daß eine Felsenbarrière durch den Fluß lief, welche hie und da Oeffnungen zeigte, durch welche sich das Wasser mit Wucht Bahn zu brechen suchte.