Nachdem wir das mir für die Dauer meines Lebens denkwürdige Mutschila-Aumsinga passirt hatten, landeten wir eine Stunde später am rechten Zambesi-Ufer unterhalb eines Mabunda-Dorfes mit Namen Sioma; die uns längs des linken Ufers folgenden Diener wurden herübergeholt, um so rasch wie möglich vor einbrechender Nacht ein Lager errichten zu können. Wir wurden jedoch von den Mabunda’s mit der Nachricht überrascht, daß die Gegend von Löwen nur wimmle und ihr Dorf sozusagen allnächtlich von diesen Raubthieren belagert sei. Mir schien diese Mittheilung nur ein Vorwand zu sein, uns zur Fortsetzung der Reise zu bewegen. Ich erstand von ihnen für Glasperlen Kafirkornbier, das ich meinen Bootsleuten als Gratification für die vielen Mühen, die sie an diesem Tage meinethalben hatten, verabreichte. Da ich mich durch die Mittheilung der Mabunda’s nicht abschrecken ließ und sie mit den Glasperlen günstiger gestimmt hatte, riethen sie uns, die Dächer einiger verlassenen am Flusse erbauten Hütten ab- und zusammenzutragen und diese kegelförmigen Grasbauten in Hufeisenform derart neben einander aufzustellen, daß ein Theil des Dachrandes (nach Außen) auf die Erde zu liegen komme, der andere dagegen auf kurzen Pfählen nach innen zu gestützt sei, so daß unser Lager sieben riesigen kegelförmigen Grasfallen nicht unähnlich war. Vor den Hütteneingängen ließ ich mehrere große Feuer anzünden.

Sioma von Löwen angegriffen.

Während der unglückseligen Fahrt des heutigen Tages waren mir am Ufer des Stromes zwanzig bis vierzig Fuß hohe Bäume mit weißlicher Rinde aufgefallen, von deren Stamme zahllose Wurzeln, einem dichten Barte gleich und von den über das Wasser wuchernden Aesten in drei bis sechs Fuß langen, röthlich braunen Zotten herabhingen.

Am 5. regnete es den ganzen Tag hindurch, der Wind war am Nachmittage eisig kalt geworden und obgleich die Diener das offene, fallenartig niedergelegte Dach mit Matten zu verhängen suchten, so wurden diese vom Winde immer weggeblasen und ich unzählige Male in meiner heißen Fieberhitze von dem kalten Regenschauer plötzlich abgekühlt. Während ich fast regungslos auf dem aus Kisten errichteten Lager gebannt war — meine Krankheit hatte sich nur noch verschlimmert und ich konnte nur mit Hilfe der Diener meine Lage ändern — wurde ich Ohrenzeuge eines Gesprächs, welches von den letzteren, die mich schlafend wähnten, außerhalb der Hütte geführt wurde. Borili, einer der beiden Matonga’s gab seiner Schadenfreude lebhaften Ausdruck, daß der Njaka (Zauberer, Doctor) schwer erkrankt sei und suchte seine Genossen dazu zu verleiten, mit meinen Vorräthen das Weite zu suchen und auf das südliche Tschobe-Ufer zu flüchten. Da die anderen drei Diener sich ziemlich passiv verhielten, beschloß ich das Complot im Keime zu ersticken. Ich rief die Diener und während ich die anderen mit Glasperlen beschenkte, frug ich Borili, ob er noch immer ein Tlobolo (Gewehr) als Lohn zu erhalten gedenke. Auf seine rasche bejahende Antwort erwiderte ich mit Nein und hielt ihm vor, daß er kein guter Diener, sondern ein Dieb sei und drohte ihm im Wiederholungsfalle eines ähnlichen verrätherischen Versuches nach Schescheke zur Bestrafung zurückzusenden.

Abends ließ die Fieberhitze etwas nach, so daß ich mich von den Dienern von meinem Schmerzenslager herabheben und mich auf die Erde setzen ließ; mit dem Rücken gegen mein Lager gestützt, empfing ich einige Mabunda’s und erhandelte von ihnen einige Handarbeiten, schrieb an meinem Tagebuche und bereitete aus den noch geretteten, wenigen Medicamenten für einen der Bootsleute ein Brechmittel, der durch den zu reichen Genuß der Frucht eines Busches Ki-Mokononga bedenklich erkrankt war. Nach den Symptomen, unter denen derselbe erkrankte, sowie nach dem penetranten Geruche konnte ich schließen, daß das Fleisch dieser Frucht die Eigenschaften des Amigdalin und Dulceïn (Blausäure) vereinigt. Die Früchte waren 2½ bis 3½ Zentimeter lang, 1½ bis zwei Zentimeter dick, hatten einen länglichen Kern, ein gelbliches Fruchtfleisch und eine zähe Epidermis, sie schmeckten süßlich und nach bitteren Mandeln. Nachdem sich der Mann mehrmals erbrochen, fühlte er sich bedeutend besser und am nächsten Tage wieder ganz wohl.

Da das Fieber etwas nachgelassen, benützte ich die freien Augenblicke, um den von Sioma herabgekommenen Mabunda-Häuptling und meine Bootsleute sowie die beiden Führer über Land und Leute im Marutse-Reiche zu befragen. Den Hauptgegenstand unseres Gespräches bildeten die zwischen dem Zambesi und Tschobe wohnenden Stämme Livaga, Libele und Lujana, sowie die am zentralen Tschobe, welcher den Namen Lujana führt, wohnenden unabhängigen Bamaschi unter den drei Fürsten Kukonganena, Kukalelwa und Molombe.

In der folgenden Nacht wurden wir von der Wahrheit der Mittheilung der Mabunda’s überzeugt. Schon nach Sonnenuntergang fingen etwa 150 Schritte vor uns Löwen ein mehrstimmiges Concert an und ließen nicht ab, als bis der Tag zu grauen begann; oben im Dorfe aber schrieen die Leute die ganze Nacht hindurch und schlugen auch eine Trommel dazu, sie hatten mehrere Feuer innerhalb der ihr kleines Dörfchen umschließenden Umzäunung angezündet und trachteten auf alle mögliche Weise die Raubthiere abzuhalten. Meine Bootsleute saßen aber die ganze Nacht mit ihren langen Speeren vor ihren Hütten, auf deren Wände sich ihre Schatten abzeichneten. Glücklicherweise verging die Nacht, ohne daß es die Löwen gewagt hätten, uns einen Besuch abzustatten.

Am 6. fühlte ich mich wieder schlechter, so daß ich den ganzen Tag über liegen bleiben mußte und mich nur meinem Tage- und meinem Skizzenbuche widmen konnte. Die regnerische und kalte Witterung der nächsten Tage verschlechterte meinen Zustand immer mehr; obwohl glühend vor Fieberhitze, fröstelte ich unter dem Hauche des kalten Nordostwindes. Mit genauer Noth konnte ich schreiben. Ich suchte mir Muth einzuflößen, allein es scheiterte an der nackten Wirklichkeit. Der Kopf brannte wie Feuer, die Zeilen flimmerten mir vor den Augen und doch war das meine einzige Zuflucht.

Am 8. fuhren wir weiter, ich weigerte mich, die Rückfahrt nach Schescheke anzutreten, während der Fahrt jedoch verschlimmerte sich mein Zustand so sehr, daß ich Abends aus dem Boote an’s Land getragen werden mußte. Kaum in einer der von vorüberfahrenden Schiffern errichteten Grashütten untergebracht, stellte sich heftiges Erbrechen und ein ruhrartiger Anfall ein, welche mich so schwächten, daß ich den Morgen nicht mehr zu erleben fürchten mußte. Und doch hatten wir an diesem Tage die interessanteste Partie des Zambesi, die ich mit Ausnahme der Victoriafälle kennen gelernt habe, durchreist. Wir hatten nicht weniger als zweiundvierzig Stromschnellen zu passiren und waren bis zum südlichsten der Barotse-Katarakte gelangt.