Westbeech und auch die mich besuchenden Häuptlinge riethen mir meiner Gesundheit halber so bald als möglich Schescheke zu verlassen. So entschloß ich mich zur Rückkehr nach Panda ma Tenka. Jene Tage, an welchen mich mein Zustand ans Lager oder in der Hütte fesselten, benützte ich, um von den mich besuchenden Häuptlingen Erkundigungen über das sociale Leben im Marutse-Reiche einzuziehen. Ich gebe in Folgendem die Berichte derselben in der Hauptsache wieder.

Die wirklichen Unterthanen werden als Sklaven angesehen, wenn sie einem anderen Stamme als den der Marutse und Mabunda angehören und nicht vom Herrscher frei erklärt wurden. Die Marutse sind allgemein frei von Sklavendiensten, allein sie können nach begangenen Missethaten oder wenn sie des Königs Ungunst erregen und deshalb angeklagt und verurtheilt wurden, zu Sklavendiensten verhalten werden. Erhielt oder nahm ein Sklave eines anderen Stammes eine Marutse-Frau zur Gemahlin, so werden die Kinder, wenn der Vater nicht später frei erklärt wurde, als Sklaven angesehen und gehören demjenigen an, in dessen Leibeigenschaft der Vater stand. Der Preis für einen ausgewachsenen Sclaven belief sich in Schescheke auf ein Boot, eine Kuh oder zwei Baumwolldecken; im westlichen Theile des Reiches ist der Preis noch niedriger, in den nördlichen Partien wie am oberen Kaschteja-Flusse sind sie sogar für einige Glasperlenschnüre feil. Im Marutse-Reiche finden keine öffentlichen Sklavenmärkte statt, trotzdem können aber viele Sklaven in einem einzigen Dorfe erstanden werden. Leider sind es meist die Mambari, die so manchen Sklaven kaufen und verkaufen und damit gewiß den unwissenden Schwarzen kein gutes Beispiel geben. Diese Händler, die gleich mit ihren Gebetbüchern zur Hand sind, um sich vor Jeden, den sie als schreib- und lesekundig wähnen, als Christen zu bekennen, haben in Wirklichkeit nichts von christlicher Liebe und tragen nur Verwirrung statt Belehrung und Civilisation in die vom Aberglauben befangenen Gemüther der Völker am oberen und centralen Zambesi.

Ist ein Mann nicht gerade Leibsklave, so kann er, mit Erlaubniß seines Herrn, mehrere Frauen nehmen. Freie Frauen, die nicht wie Sklavinnen einfach als Geschenk gegeben oder verkauft werden, sind in ihrer Wahl frei. Schon die Vorliebe für weibliche Herrscher setzt eine größere Achtung für das weibliche Geschlecht voraus, größer, als wir sie bei den Betschuana’s finden, bei welchen sie Dienerinnen und Arbeiter, bei den Masarwa’s, bei denen sie Lastthiere sind und bei der Zulu-Race, bei welchen sie als Sklaven betrachtet und behandelt werden. Verschenkt der Regent oder ein Angesehener eine Frau, so geschieht dies meist als Gegengeschenk oder als Gunstbezeugung. Am 10. kam von Panda ma Tenka die höchst betrübende Nachricht, daß Westbeech’s Gehilfe Bauren dem Fieber erlegen sei. Am 11. erschien der Kommandant Capella in unserem Höfchen und brachte die Nachricht, daß der König sechs Kähne dem Elfenbeinhändler zur Verfügung gestellt habe, um sein Elfenbein nach Impalera zu schaffen. Der Letztere erklärte jedoch, er brauche zweimal so viel und könne jetzt noch nicht abgehen. Ich jedoch benützte diese Gelegenheit, um meine Sachen zu packen und die Rückreise anzutreten. Westbeech versprach, sich noch am selben Tage von Sepopo mehrere Kähne zu erbitten und mich drei Tage später einzuholen. Ich verließ mich darauf, traf keine Vorsorge, mir Nahrungsmittel zu verschaffen — nicht ahnend, daß durch Sepopo’s Hinterlist aus den drei Tagen fünf Wochen wurden, und ich noch die traurigste Zeit auf dieser dritten Reise erleben sollte. Im folgenden Capitel will ich Handel und Wandel, Sitten und Gebräuche der Stämme des weitläufigen Reiches schildern, hier sei es mir erlaubt, vor dem Scheiden von Schescheke noch einiger Charakterzüge der bedeutendsten das Marutse-Reich bewohnenden Stämme zu gedenken.

Kein Stamm des Marutse-Mabunda-Reiches ist so tapfer und muthig wie die südlich vom Zambesi wohnenden Zulu’s und Amaswazie’s. Von den Matabele findet sich eine Kolonie in der Barotse, während unter den übrigen zahlreichen Stämmen die Mamboë und Masupia zu den muthigsten zu rechnen sind. Mit Rücksicht auf Muth den wilden Thieren gegenüber sind die Masupia-Elephantenjäger unerschrocken, doch keiner der Stämme besitzt so tüchtige Löwenjäger wie es die Matabele sind. Nur in der Jagd des Nilpferdes und des Krokodils werden diese von einem der Zambesi-Stämme, den Mamboë’s übertroffen. Zu Trägern und schweren Arbeiten eignen sich die Mabunda und Mankoè. Die letzteren sind unstreitig der schönste und kräftigste Menschenschlag im vereinigten Königreiche. Als die feigsten werden die Manansa angesehen, ich selbst lernte sie nur als bewährte, keineswegs feige Diener kennen. Stolz ist unter den Eingebornen meist mit Muth gepaart, deshalb erreicht er bei den Matabele einen hohen Grad, während die Stämme des Marutse-Mambunda-Reiches ihn kaum kennen. Zwar lassen die Marutse es den übrigen Völkern deutlich und öfter fühlen, daß sie der herrschende Stamm seien, allein von eigentlichem Stolz und einem auf selbstbewußter Kraft und Machtstellung beruhenden Dünkel, wie ihn die Matabele und Zulu’s zur Schau tragen, bemerkt man hier zu Lande nichts, selbst die in der Barotse angesiedelten Matabele sind durch ihre friedliche Umgebung nach und nach zahme Löwen geworden. Deshalb ist auch das Verhältniß zwischen Herr und Sclave ein ziemlich befreundetes, ein viel freundlicheres, als bei allen südlich vom Zambesi wohnenden, Vasallen und Sklaven haltenden Stämmen. Bescheiden erscheinen namentlich die Mamboë und alle nördlich des Zambesi wohnenden Stämme, welche selten den Marutse-Hof besuchen. Im Allgemeinen ist die Bescheidenheit von Seite der Unterthanen den Kosana’s und Koschi’s und dem königlichen Hofe gegenüber eine an tiefste Unterwürfigkeit grenzende; wenn sich die Bewohner des Tschobe-Striches, ferner die Batoka, Matonga am Zambesi und die in und um Schescheke lebenden Marutse und Mabunda den Weißen gegenüber oft sehr arrogant betragen, so trägt wohl meist das Benehmen der Weißen selbst die Schuld daran. Diese Arroganz kann jedoch nicht als Stolz bezeichnet werden; denn ich beobachtete nur zu oft, daß ein dem anmaßenden Dünkel und der Frechheit entsprechendes scharfes, strenges Auftreten die Eingebornen einschüchterte.

Wie blind und treu die Untertanen gehorchen, zeigt das Verhältniß zu Sepopo. Was die Treue der Sklaven zu ihrem Gebieter betrifft, ist diese meist eine lobenswerthe, dafür kann man weniger von ehelicher Treue und Liebe sprechen. Ich bemerkte wohl, daß oft Zuneigung zur Ehe führte, diese aber in seltenen Fällen als bindend betrachtet wird, wofür schon das Mulekau-Unwesen spricht. Dasselbe ist ein Krebsschaden des ganzen Volkes, es zerstört jedes Eheglück und wirkt schon auf die heranwachsende Jugend so verderblich, daß diese sehr wenig von wirklicher Zuneigung in’s eheliche Leben hinüberbringt. Das Mulekauthum scheint namentlich den südwestlichen und westlichen Stämmen eigen gewesen zu sein, sich aber nach und nach über das ganze Reich ausgebreitet zu haben.

Was die elterliche und kindliche Zuneigung anbelangt, so beobachtete ich in der Regel blos die erstere, ja ich fand die Eltern oft sehr liebevoll und zärtlich schon herangewachsenen Sprossen gegenüber, allein in der Regel wird diese von den Kindern schlecht belohnt, wenn die Eltern altersschwach und gebrechlich werden. So wie ich die Stämme des Marutse-Mabunda-Reiches kennen lernte, würde ich es dem Reisenden nicht rathen, den ihm vom Könige mitgegebenen Dienern blindlings zu vertrauen. Der Reisende muß einen Chef oder einen sonst angesehenen Mann als Führer fordern, einen, der mit dem Kiri den Trägern und Bootsleuten gebietet, wenn sich diese widerspenstig zeigen, er muß schon im Vorhinein die gegenseitigen Pflichten und Rechte vom Könige genau feststellen lassen. Der Reisende darf nicht zu freigebig sein und die verschiedenen Stämme so behandeln, wie es ihre geistige Entwicklung und ihr Charakter erheischt. Güte hilft bei den Manansa und Mamboë, ein gemessenes etwas mehr zurückhaltendes Betragen bei den Marutse, Mankoë; unablässige Vorsicht ist den Masupia, Mabunda und Matonga gegenüber geboten. Ein ernstes, ich möchte sagen jedes Lächeln bannendes Benehmen muß man den Matabele zeigen, und vor den Makalaka’s Alles nagelfest halten. Den Herrscher behandle man mit großer Freundlichkeit und suche es geheim zu halten, wenn man sich mit ihm entzweit. Hilft Güte allein nicht und stellt der Regent immer unverschämtere Forderungen, so muß man sich ernst, gemessen und furchtlos zeigen und sich nicht zu übereilten, gewaltthätigen Schritten hinreißen lassen. Tapferkeit und Muth sind, wie schon erwähnt, nicht die Zierden der obgenannten Stämme, und darum ist ein entschlossenes, furchtloses Auftreten das beste Mittel, sich den Rückzug zu sichern, wenn man an weiteres Vordringen oder an die Verwirklichung anderweitiger Pläne nicht mehr denken kann.

Die Menschenopfer zu Zauberzwecken, die Art und Weise des Tödtens der Hausthiere, der Gebrauch der mit Widerhaken versehenen Wildassagaie etc. zeigen deutlich, daß der thierische Raub- und Vernichtungssinn eine der größten Schwächen der obgenannten Völker bilden. Haß und Falschheit sind äußerst selten, ich möchte nur die Makalaka’s der letzteren Untugend beschuldigen. Dankbarkeit den Weißen gegenüber ist unstreitig allen Stämmen eigen und in um so höheren Grade, je einfacher ihre Lebensweise und je weiter nach Norden, Nordosten oder Nordwesten dieselben von den Victoria-Katarakten und der Tschobe-Mündung wohnen. Eitelkeit besitzen alle wilden Stämme; derselben zu fröhnen, haben im Allgemeinen die Völker des Marutse-Mabunda-Reiches mehr Geschick und Sinn, als die meisten der südlich vom Zambesi wohnenden eingebornen Stämme. In moralischer Beziehung stehen sämmtliche Stämme des Reiches tief, doch ist diese Schattenseite ein Produkt des Urzustandes und nicht erworben, wie bei einigen Stämmen der Hottentotten-Race. Ich glaube, daß ein gutes Beispiel, Bekehrung, ein von den Weißen auf den Herrscher sanft ausgeübter Druck schon nach zwei Jahren eine äußerst befriedigende Umgestaltung bezwecken könnte. Es gehört jedoch dazu ein ernsteres Auftreten von Seite der Weißen und ein Mann als Herrscher, der mehr Ehrenhaftigkeit besitzen müßte, als ich es an Sepopo beobachtet habe. Erstlich müßten die Fremden das Anerbieten der Mulekau-Ehre zurückweisen. Sie gewinnen nicht allein mehr Achtung, sondern zeigen auch dadurch, daß solche Sitte in dem Lande der Weißen nicht allein ungebräuchlich, sondern auch verdammt ist.

Das System, nach welchen sich der König seine Gemahlinnen nimmt, indem er sie in der Regel gegen ihren Willen raubt, und deren sich dann viele, trotz aller Androhungen des Todes, der Untreue schuldig machen, muß auch erst gebrochen werden, bevor eine merkliche Besserung der Sitten im Gesammtreiche erzielt werden könnte. Die Frauen betrachten ohnehin die ehelichen Bande als sehr lose, selbst da, wo sie sich den Mann frei gewählt haben. Das Beispiel der Königinnen, die sich der Untreue schuldig gemacht, trägt sicherlich nicht dazu bei, der allgemeinen Unsittlichkeit zu steuern, und dies umsoweniger, als Sepopo selbst jeden ihm zu Gehör gekommenen Fall der Oeffentlichkeit preisgab.

Daß die wenigen Weißen und Eingebornen, die von Süden her das Marutse-Mabunda-Reich besuchen, schon einen gewissen indirekten Einfluß auf die Stämme des Zambesi ausgeübt haben, erhellt daraus, daß sich die Stämme schon, wenn auch noch sehr primitiv, bekleiden, während die nördlichen Nachbarn des Reiches, die Maschukulumbe, vollkommen nackt einhergehen.