Außerdem, daß sie jedes Unheil bösen Geistern zuschreiben, glauben sie auch viele Unglücksfälle dem Uebelwollen, dem Zürnen eines verstorbenen Chefs zuschreiben zu müssen, die durch gewisse am Grabe vorgenommene Ceremonien besänftigt werden können. Erkrankt ein Mitglied der königlichen Familie, oder ein weiser Besucher in der Umgebung von königlichen Beerdigungsstätten, so wird der Erkrankte, wenn er sich der Gunst des königlichen Hauptes erfreut, an das Grab des Angesehensten gebracht, und hier verrichtet der Herrscher eine gebetartige Ceremonie in flehender und beschwörender Form, damit sich der Verstorbene des armen Dulders erbarme und ihn durch seine Fürsprache bei Njambe gesund mache.

Die Lebensweise der Stämme des vereinigten Marutse-Mabunda-Reiches ist im Allgemeinen nicht so einfach wie die ihrer südlich vom Zambesi wohnenden Bruderstämme. Der Boden lohnt die Mühe des Ackerbaues so reichlich, die Viehzucht gedeiht in zwei Dritttheilen des Reiches so vortrefflich, und das von der Tsetse inficirte Dritttheil ist derart von Wild überschwemmt, die Flüsse und ihre Lagunen fischreich und die Wälder, Büsche und Wiesen so reich an eßbaren Früchten, Samen und Wurzeln, daß die Eingebornen nicht, wie manche Betschuana-Stämme durch das Ausbleiben der Sommerregen von Hungersnoth heimgesucht werden. Die reichliche Wassermenge, der gute Boden und das warme Klima unterstützen Ackerbau und Viehzucht in der kräftigsten Weise.

Die Felder werden von den Frauen durch fleißiges Ausjäten rein gehalten, auf den meisten lange Furchen zum Wasserabfluß gezogen. Zur Zeit der herannahenden Reife errichtet man Wächterhütten, in denen Junge wie Erwachsene zuweilen Tag und Nacht die Felder bewachen. Beim Ausdreschen schüttet man die Aehren und Kolben auf große Carossen und Häute, auch auf Stroh- und Rohrmatten und schlägt mit Knütteln auf dieselben los. Ein bestimmter Theil der Ernte gehört den Frauen, welche darüber nach Gutdünken verfügen können. Dabei wissen sie ihr Eigenthum in Wort und That zu wahren und ihren Theil gut zu verkaufen; ich beobachtete sowohl bei meinen Unterhandlungen als bei dem Tauschgeschäft der Händler, daß wir nicht so leicht die gesuchte Waare von dem schönen Geschlechte erstehen konnten; selbst wenn Männer an Stelle ihrer Frauen die Waaren feilboten, forderten sie stets einen höheren Preis und sagten: »Die Frau fordert es, sonst muß ich das Korn wiederbringen.« Für ihren eigentlichen Bedarf, abgesehen von den Abgaben an den Chef und den König, baut sich eine Familie von etwa fünf Personen ein bis drei Grundstücke von je 2800 bis 3000 Quadratmeter Fläche. Da dieselben zu zwei Dritttheilen in den bewaldeten Theilen des Landes liegen, wird zuerst von den Männern und Jungen das Unterholz abgehauen, und die großen Bäume ihrer Aeste beraubt. Mir dem gewonnenen Holze wird das Feld umzäunt. Das Unterholz und das ausgejätete Unkraut wird hierauf in Brand gesteckt und mit der Asche das Feld gedüngt und nun die Saat gepflanzt. Diese Aussaatzeit begreift die Monate September und October in sich; zur Saat der Kürbisse, bohnenartigen Früchte, des Tabaks etc. wählt man die Zeit von Ende October bis Anfang December. Die zuletzt erwähnten Feldfrüchte werden zuerst und bei einem auffallend raschen Wachsthum oft schon im Jänner reif, die Kafirkornarten und der Mais im Februar, die Bohnen in beiden Monaten. Am häufigsten wird das gewöhnliche Kafirkorn angebaut, von dem ich zwei Arten, das rothe und das weiße unterscheide. Es gedeiht vorzüglich und liefert das Hauptcontingent der vegetabilischen Abgaben, sowie für den nach außen hin mit Feldfrüchten getriebenen Handel. Die beiden Arten stimmen vollkommen mit denen Süd-Afrikas überein.

Die dritte Kornart, die wir auch hie und da, doch selten in Süd-Afrika vorfinden, wird von den holländischen Jägern »Kleen-Korn«, von den Marutse »Rosa« genannt. Diese Art zeigt kleine, dem Vogelsamen (Hanfsamen) ähnliche Samen, welche fein gestoßen, ein schwarzes, zur Brodbereitung durch größere Bindekraft tauglicheres Mehl als die beiden sorghumartigen liefern. Es wird von den Marutse als feinere Mehlgattung angesehen und hat den zweifachen Werth der beiden anderen Gattungen.

Gleich häufig wird der Mais gepflanzt und gedeiht vortrefflich. Noch häufiger als Mais werden im Marutse-Reiche die kürbißartigen Früchte angebaut, darunter mehrere Arten Wassermelonen, eßbare Kürbisse und eine Unzahl Flaschen- etc. Kürbisse, die nur der äußeren Schalen halber gepflanzt werden. Ebenso häufig werden zwei Bohnengewächse, das eine mit kleineren farblosen, das andere mit etwas größeren, meist carminrothen oder violetten Bohnen gepflanzt. Sie bilden wie das Mabele (gewöhnliches Korn), die Rosa und der Imboni (Mais) einen Theil der Abgaben. Mit Nilpferdspeck oder Fleisch gekocht, bietet die Li-tu- und die Di-nau-a-Bohne ein Gericht, welches unsere heimische Art an gutem Geschmack übertrifft. Zu diesen Feldfrüchten müssen wir noch drei hinzufügen, von welchen die Manza und die Masoschwani (Arachis hypogaea, M’pinda der centralen Westküste) im Gesammtreiche, Baumwolle in den östlichen Landestheilen allein angebaut werden. Die drei letzteren verbürgen, daß auch Reiscultur mit Erfolg betrieben werden könnte. Die Arachis bildet einen Theil der Steuern und des Tributs, die Manza ist Krongut und wird im Gesammtertrage dem Hofe abgeliefert, während die Baumwolle von den östlichen Stämmen für den eigenen Bedarf gebaut und verwendet wird. Die Arachis wird in der Asche und in Schalen geröstet genossen, von den Europäern, welche den Zambesi besuchen, im Nothfalle geröstet und als Kaffeesurrogat verwendet. Die Manza wird zu feinem Mehl gestoßen und ohne Zuthat von Salz als Mehlbrei genossen.

Bezüglich der Baumwolle erwähne ich, daß sie zu guten starken Geweben verarbeitet wird. Weniger als Nahrungsmittel denn als durststillendes Mittel pflanzt man häufig um die Hütten und zerstreut zwischen Korn und Mais das gleich üppig und hoch aufwachsende Zuckerrohr (Imphi). Es ist dieselbe Art, welche man in ganz Süd-Afrika vorfindet und erreicht am centralen Zambesi ihre Süßreife im December bis Februar.

Der Preis der Feldfrüchte stellt sich wie folgt:

Am Südufer des Tschobe, Impalera gegenüber, oder am Südufer des Zambesi an denVictoria-Katarakten, sowie der Stadt Wanke's gegenüber In Schescheke (in der Barotse sind die Preise um ein Drittel niedriger) In den nördlichen und centralen Landstrichen
kleine Glasperlen PfundKattun Meterkl. Glasperlen PfundKattun Meterkl. Glasperlen PfundMeter Kattun
Mabele, etwa 20 Pfund½4½3¼
Imboñi, 8 bis 12 Kolben½3½2¼1
Litu, Di-nau 20 Pfund14—5¾31½—2
Rosa, 20 Pfund¾—16—6½¾3¾
Masoschwani, 20 Pfund13¼—4½¾—13—3½2
Manza, 20 Pfund½—¾3½3
Stanga, eine große Wassermelone oder ein eßbarer Kürbis¼1¼1¼
Flaschenkürbisse1¼1¼¼
Matschuku-Tabak, etwa 2 Pfund schwer1—1½ od. 1 Baumwolldecke6—8½31—1½
Allerlei Wildfrüchte, 20 Pfund22gratisgratis
Butschnala, etwa 6 Liter½3—4½3¼2
Morulabier (im Makalaka-Land billiger)½3—4½3¼2
Imphy, ein Bündel von 12 Stück¼¼2½

Zur Anpflanzung des Tabaks wählt man meist kleine, etwa 10—20 Quadratmeter umfassende Vertiefungen. Der Tabak wird getrocknet, zerkleinert, etwas befeuchtet und dann in den Kornstampfblöcken zu kegelförmigen und brodförmigen Ballen festgestoßen. Im Allgemeinen ist der Tabak, wie ihn die Unterthanen des Marutse-Herrschers anbauen, dichter gearbeitet, hält sich länger und ist bedeutend nicotinreicher als jener, den wir bei den südafrikanischen Eingebornenstämmen finden. Mit Rücksicht auf Boden, Klima und Bewässerungs-Möglichkeit bin ich der Meinung, daß nicht allein unsere Getreidearten, namentlich Weizen, sondern auch Reis, Baumwolle, in den östlichen Theilen auch Kaffee, nicht minder Wein und unsere sowohl als auch Südfrüchte ausgezeichnet gedeihen könnten.

Ziehen wir die Menge der consumirten Nahrungsmittel in Betracht, so finden wir, daß nebst Wildfleisch gewöhnliches Kafirkorn, Kleinkorn und Mais sowie Kürbisse in erster Linie stehen. Nach den Fischen folgt im Verhältniß der consumirten Mengen: saure Milch, süße Milch, Rind-, Ziegen- und Schaffleisch, etwa fünfundvierzig wilde Fruchtarten, zwei Bohnenarten, Erdnüsse, Hühner, Wildgeflügel, Manza, Honig etc. Das Fleisch wird meist in gut geschlossenen, irdenen Töpfen gekocht, oder auf Kohlen am und ohne Bratspieß geröstet. In der Fleischzubereitung übertreffen die Stämme jene südlich vom Zambesi, ich glaube, daß kein Einziger derselben so wohlschmeckende Fleischgerichte bereiten könnte, wie man sie in den besseren Häusern des Marutse-Reiches zu bereiten pflegt. Es wird den Reisenden um so mehr überraschen, wenn er bedenkt, wie sehr das Reich den Betschuana-Reichen gegenüber »verschlossen« genannt werden muß. Wildgeflügel wird gekocht oder gebraten, und mit den Kopffedern oder der Krone auf schön durchbrochenen Holzschüsseln servirt. Aus Aberglauben verschmähen manche Stämme gewisse Wildarten, bei einigen wurde z. B. die Pallah nicht beachtet, bei anderen die Eland-Antilope, bei manchen das Fleisch des Nilpferdes, während wieder manche Fleisch genossen, welches, wie das der Raubthiere, von den meisten südafrikanischen Eingebornen als ungenießbar betrachtet wird. Fleisch und Fische werden auch getrocknet und ohne jeden Einsalzungsproceß auf längere Zeit aufbewahrt. Die Kornarten werden gekocht oder in hölzernen Stampfblöcken zu Mehl gestoßen und aus demselben mit Milch oder Wasser ein Brei bereitet, Mais wird in grünem und trockenem Zustande gekocht und geröstet. Von Bohnen kochen die Stämme die genannten Arten und rösten die Erdnuß (Arachis). Die Kürbisse werden zerschnitten und gekocht, die Wassermelonen roh genossen oder gekocht. Wichtig ist die Zubereitung der Manza, deren Wurzel im grünen Zustande giftige Eigenschaften besitzt, im trockenen, fein pulverisirt, einen schmackhaften arrowrootartigen Brei liefert, der namentlich zu Fleischspeisen als eine passende Zuspeise gelten kann. Wilde Baum- und Buschfrüchte werden im frischen und getrockneten Zustande geröstet (am Feuer sowohl als an der Sonne) oder werden in Milch gekocht oder auch zerstoßen und in breiartigem Zustande genossen. Da die einzelnen Wildfrüchte zu verschiedenen Jahreszeiten reifen, so kann man füglich sagen, daß die Eingebornen im Marutse Reiche sich von diesem Nahrungsmittel allein das ganze Jahr hindurch nähren könnten.