Am 14., an dem Tage, an welchem Blockley nach Schescheke gehen und ich nach Süden reisen wollte, kamen Masupia-Schiffer von der genannten Stadt und riethen meinen Bootsleuten sowie den Bewohnern von Impalera ab, Blockley nach Schescheke zu bringen, da der König sein Herz gegen Dschorosiana Umutunja verschlossen habe.

Am 15. setzte ich über den Tschobe und hatte das dreifache an Fährgeld zu bezahlen, um das Marutse-Reich verlassen zu dürfen. Da ich um keinen Preis im sumpfigen Tschobe-Thale übernachten wollte, sandte ich meine Diener mit einem Theile des Gepäcks sofort nach dem Leschumo-Thale ab, wo Blockley zwei leere Wagen stehen hatte, um mich in diesen bis zu Westbeech’s Ankunft einzulogiren. Ob meiner Schwäche jedoch konnte ich nicht sofort folgen, und als sich endlich einige Masupia’s von Impalera einfanden, um mich und den Rest meines Gepäckes nach dem genannten Orte zu tragen, brach ein Gewitter über das Thal herein, welches mich die Nacht in der elenden Grashütte zuzubringen nöthigte, in welcher der wenige Tage zuvor in Panda ma Tenka verstorbene Bauren zuerst erkrankt war. Wir machten uns gegen Mittag des nächsten Tages wieder auf den Leidensweg und erreichten das nur drei Stunden entfernte Leschumo-Thal erst nach zwölf für mich qualvollen Stunden. Ich mußte von hundert zu hundert Schritte stets einige Minuten innehalten, dabei triefte der Körper dennoch von Schweiß. Die Anstrengungen dieses Marsches zwangen mich am nächsten Tage zur vollsten Ruhe.

Am 17. fühlte ich mich etwas leidlicher, doch wurde meine Absicht, in der nächsten Nähe des Wagens zu botanisiren, durch ein heftiges, den ganzen Tag hindurch währendes Gewitter vereitelt. Ich hatte schon während der letzten drei Tage auf Westbeech’s Ankunft gehofft, sein Nichterscheinen vermehrte meine Aufregung, da mein kleiner, auf drei Tage berechneter Vorrath an Salz, Zucker und Thee zu Ende war. Zu meiner freudigen Ueberraschung kehrte der Diener Elephant von einem Gange durch den Wald mit reichlichem Honig zurück. Meine Hände und meine Stirne waren seit der am Tschobe-Ufer zugebrachten Nacht von besonders bissigen Mosquito’s zerstochen worden und jede dieser kleinen Verwundungen hatte sich zu einer Eiterpustel verwandelt, deren Spuren ich noch monatelang trug. In all’ diesem Ungemach freute mich die erlangte Ueberzeugung, daß ich zuverlässige und arbeitsame Diener besaß. Ich bedauerte nur, daß ich sie nicht dazu bewegen konnte, sich meines Hinterladers zu bedienen und etwas Wild für mich zu schießen, sie verstanden es nicht und fürchteten sich zugleich, von demselben Gebrauch zu machen. Mit ihren Assagaien war es ihnen nicht möglich, das Wild in dem sandigen Walde, durch den sich das Leschumo-Thal schlängelt, zu erlegen, denn dieses Wild bestand meistens in flüchtigen Gazellen, Büffeln, Nashorn und Elephanten. Zwei Nächte zuvor hatte eine größere Elephantenheerde das Thal einige Schritte unterhalb der Wägen gekreuzt.

Am 19. ließ ich mich in der nächsten Umgebung des Wagens herumführen und sammelte mit Hilfe meiner Diener Pflanzen und Insecten. Meine letzten zwei Bücher, welche ich aus dem Schiffbruche meiner Habe gerettet hatte, wurden nun als Pflanzenpressen benützt. Da sie nur Octavformat hatten, sah ich mich genöthigt, die Pflanzen zu zerlegen, um sie später wieder zusammen zu setzen. Ich widmete den Kindern Flora’s ein eigenes Tagebuch, in welchem ich von den meisten gesammelten Pflanzen nebst anderen Notizen, die Namen, die sie von den Masupia-Dienern oder den Manansa- und Matonga-Gehilfen erhielten, verzeichnete. Pflanzen und Pflanzentheile, die ich nicht pressen oder trocknen konnte, wurden abgezeichnet (dies gilt besonders von Schwämmen und Pilzen, an denen das Leschumo-Thal sehr reich war) und die Skizzen während der schlaflosen Nächte weiter ausgeführt. Die Insecten wurden in eine mir von Westbeech geschenkte weithalsige, mit einigen Papierstreifen gefüllte Picklesflasche gethan und diese mehrmals in das kochende Wasser in meinem Kaffeekessel eingetaucht, wodurch die Thiere getödtet wurden.

Die häufigsten unter den im Leschumo-Thale erworbenen Insecten waren Käfer, Heuschrecken und Wanzen, besonders fielen mir die artenreichen Lepidoptera auf, die ich zweimal zu sammeln versuchte. Leider mißglückte dieses Bestreben, eine Ratte, welche im Wagen zwischen den Gepäcksstücken hinreichende Schlupfwinkel gefunden haben mußte, zerstörte die angelegten Sammlungen, und ich fand jedesmal die Schmetterlinge bis auf die Stecknadeln aufgezehrt. Unter den Käfern waren die häufigsten Laufkäfer (Cicindela, Mantichora granulata, Carabus) Scarabaniden, Blattkäfer, Rüsselkäfer und Klopfkäfer (Psammodes). Die letztere Gattung findet man in zahllosen Varietäten, und fielen sie selbst den für solche Thiere unempfänglichen holländischen Farmern auf. Sie besitzen einen dicken, walzen- und herzförmigen Hinterleib, welchen sie heben, um mit ihm in Zwischenräumen von drei bis zehn Secunden einen leisen Schlag gegen die Erde oder den Zimmerboden, auf dem sie sich zufällig befinden, auszuführen. Sie »klopfen«, wie die Holländer meinen und rufen einer den andern heran. Viel Vergnügen machte mir im Leschumo-Thale die Beobachtung der Mantichorae und Anthiae thoracicae; diese leben paarweise in selbst aufgescharrten, bis einen Fuß tiefen oder in verlassenen Erdlöchern. Die selbst aufgescharrten sind höchstens 2½ Centimeter hoch, dagegen vier bis sechs Centimeter breit, und es wunderte mich oft, wie die Thiere diese Gänge im losen Sande graben konnten. Die Thierchen waren den ganzen Tag auf den Beinchen, sie unterscheiden sich von anderen großen Carabiden in ihrer Bewegung namentlich dadurch, daß sie sehr oft stille und auf ihren hohen Beinen ziemlich hoch stehen, man mochte sagen, förmlich Rundschau halten. Den Holländern sind sie durch eine Eigenschaft, welche sich dem Neuling, wie es auch mir einige Jahre zuvor geschah, schmerzlich fühlbar macht, aufgefallen. Trachtet man, diesen Käfer zu fangen, und ist man im Begriffe, denselben, mit dem Hinterleibe nach sich gekehrt, in die Sammelflasche unterzubringen, so spritzt das Thier eine Ladung ätzenden Saftes aus, welcher, da man beim Fange der Insecten meist gebeugt ist, in der Regel das Gesicht und oft die Augen trifft.

Da ich mich am 6. etwas besser fühlte und ein von der Jagd zurückkehrender Diener Westbeechs, »Diamond«, mit einigen Manansa bei den Wägen eingekehrt war, so unternahm ich, auf einen Diener gestützt einen kleinen auf sechs englische Meilen sich erstreckenden Ausflug. Es war mir namentlich darum zu thun, Vogelbälge zu erbeuten, da ich jedoch den Thieren weder nachlaufen noch sie beschleichen konnte, erbeutete ich nur einen gabelschwänzigen schwarzen Würger; um so reicher war die Ausbeute an Pflanzen und Insecten. Im Ganzen hatte mir mein Aufenthalt im Leschumo-Thale gegen dreitausend der ersteren und etwas über fünfhundert der letzteren eingetragen. Auf dem eben genannten Ausfluge stieß ich auf Eisenschmelzöfen, sie waren bis zu einem Meter breit, zwei Meter lang, niedrig und aus gebrannten Miniaturbacksteinen ausgeführt, und mochten wohl vor vierzig bis sechzig Jahren von einem der den Marutse unterthänigen Völkern gebaut worden sein, die vor der Gründung des Räuberstaates der Zulu-Matabele am südlichen Zambesi-Ufer wohnten.

Am 21. kamen Masupia von Impalera und brachten Korn, welches sie mir zum Kaufe anboten. Nachmittags kehrte der Jäger Diamond von einem Jagdausfluge heim; seine Diener trugen das Fleisch einer Büffelkuh, die er am Morgen erlegt hatte. Auch er klagte über die Unarten der Büffelstiere, welche namentlich im Sommer in Folge der dichtbelaubten Gebüsche des Waldes schwierig zu jagen sind. Der Genuß des Büffelfleisches verschlechterte meine Krankheit, da meine Verdauung durch die lange Entbehrung jeder Fleischnahrung sehr geschwächt war. Um so größer war die Freude der Diener über die erwünschte Abwechslung im täglichen Menu. Diamond erzählte mir bei dieser Gelegenheit die Jagdabenteuer Pit’s (meines früheren Dieners). Derselbe hatte vor einiger Zeit zwei Rhinocerosse erlegt und kehrte nach diesem glücklichen Jagdereignisse zu seinen Genossen (er war mit einer Truppe von Westbeech’s Leuten ausgezogen) zurück, um Träger zu holen; als er jedoch zehn Stunden später wieder an Ort und Stelle anlangte, fand er nichts als Knochen vor. Zufällig im Walde streifende Madenassana hatten die erlegten Thiere aufgefunden, und nachdem sie ein herrliches Mahl gehalten, die besten Stücke mitgenommen, während der Rest von Hyänen und Schakalen verzehrt worden war.

Meine Hoffnung, daß das höher liegende Thal des Leschumo-Flüßchens sich gesünder erweisen werde als das Tschobe-Thal, war eine trügerische. Stundenlang war dasselbe am Morgen von dichtem Nebel erfüllt, die Ausdünstung an manchen Tagen, namentlich nach heftigem Regen, höchst unangenehm; am unwohlsten fühlte ich mich in den frühen Morgenstunden, gegen Mittag besserte sich wohl mein Befinden, doch zitterte ich unter dem Einflusse auch des unbedeutendsten Windhauches, so daß ich auch an den heißesten Tagen in den Monaten Jänner, Februar und März nur mit einem schweren Mentschikoff und einem zweiten Ueberrock angethan, meinem Sammeleifer gerecht werden konnte.

Am 23. fand sich eine Truppe von Marutse-Männern bei mir ein, die zu meiner Verwunderung vom Süden kamen. Es war Moja, ein Häuptling und Bruder des Kommandanten Kapella, der von Sepopo ein Jahr zuvor zum Tode verurtheilt wurde, mit seinen Leuten. Sepopo fand nämlich eines Morgens eine Flüssigkeit vor seiner Thüre ausgegossen; er sah dies als Zauberei an und die Feinde Moja’s beschuldigten diesen der That. Da sich der König zufällig um diese Zeit unwohl fühlte, war er von der Schuld Moja’s überzeugt, und so wurde auch dieser verurtheilt; allein Moja zog es vor, sich durch Flucht dem Giftbecher und dem Feuertode zu entziehen, und flüchtete nach Süden zum Könige der östlichen Bamangwato nach Schoschong. Dieser nahm ihn freundlich auf und begriff auch wohl des armen Mannes Heimweh; da er annahm, daß Sepopo ihm eher glauben würde, sandte er Moja mit einem eigenhändigen Begleitschreiben, in welchem die Unschuld des Marutse-Häuptlings nachgewiesen war, zurück. Ich zweifelte daran, daß Sepopo Moja verzeihen würde, und rieth ihm ab, heimzukehren, doch dieser konnte der Sehnsucht nicht widerstehen, seine Frauen, Kinder und seine Heimat wiederzusehen.

Am 24. sandte ich zwei meiner Diener nach dem Zambesi, um die am jenseitigen Ufer wohnenden Masupia’s herüber rufen zu lassen und diese zu bewegen, womöglich Manza, einen Ziegenbock und Kafirkorn nach Leschumo-Thale zu bringen; leider verfehlten die Ausgesandten den Weg und ich sah mich gezwungen, am folgenden Tage zwei andere Diener senden. In den nächsten Tagen kamen Masupia’s von Impalera mit Korn, wobei es mir gelang, einige interessante ethnographische Objecte und einen riesigen Stoßzahn eines Nilpferdes zu erwerben.