In der Nacht auf den 11. kam plötzlich Diamond an den Wagen und berichtete, daß zwei Marutse-Männer mit dem Auftrage angekommen wären, Kapella und Moja einzufangen und sie zu tödten, falls sie in unserem Lager sich versteckt halten sollten. Diese Mittheilung brachte mich derart in Aufregung, daß ich den beiden Marutse durch Diamond befehlen ließ, sich sofort zu entfernen. Zu spät erfuhr ich leider den Irrthum Diamonds, welcher der Sirotsesprache nicht besonders mächtig war. Wie hätte ich es auch ahnen können, da ich die Leute nicht sah, daß mir Diamond gerade das Gegentheil von dem berichte, was ihm die Leute mitgetheilt hatten. Statt Sepopo’s Häscher zu sein, waren es Kapella’s Diener, welche von ihrem Herrn abgesandt waren, um Fleisch von mir zu erbitten.
Der 12. war ein geräuschvoller Tag für das Leschumo-Thal. Vor- und Nachmittag kamen mehrere Masupia-Trupps von Impalera mit Elfenbein und ein Diener Westbeechs mit dem Auftrage von Letzterem, nach Panda ma Tenka zu gehen und Zugthiere für die beiden Wägen zu holen. In der Nacht auf den 14. schlief ich etwas besser und hoffte deshalb etwas zeitlicher aufstehen zu können. Nachdem mich mein Diener Narri nothdürftig angekleidet, setzte ich mich auf den Bock, um die frische, wenn auch ungesunde Morgenluft einzuathmen. Der Gedanke, daß mich Westbeech bald erlösen werde, hatte meine Lebensgeister etwas aufgefrischt. Narri, der eben mit dem Kochen des Kafirkornkaffee’s beschäftigt war, trat heran, und machte mich auf den Laut menschlicher Stimmen aufmerksam, welche aus ziemlicher Entfernung thalabwärts hörbar wurden. Ich rief die Diener herbei, ließ sie lauschen und sie erkannten singende Masupia’s, welche von Impalera mit Westbeechs Elfenbein beladen sich uns näherten. Die drei anderen Diener waren schon wieder zum Feuer zurückgetreten, nur Narri stand noch bei mir, als sich plötzlich etwa dreißig Schritte vor uns eine dunkle Mannesgestalt, ein unbewaffneter Schwarzer erhob und auf mich zusprang. »Irre ich mich, trügt mich das geschwächte Gesicht? Ist es möglich? Doch nein, ich täusche mich. Wie käme mein Freund Kapella, der Commandant des Marutse-Heeres, in diesem Zustande hieher? Doch ja, es ist Kapella, nicht mehr der Führer der Marutse-Schaaren, sondern der Flüchtling.« Ich wollte vom Wagen herabspringen und seine Hände fassen, doch ich hatte nicht die Kraft dazu. Inzwischen hatte er mich erreicht und am Arme ergriffen. »Intate (Freund), ich bin hungrig, stehe mir bei, drüben im Gehölze hungert meine Frau und meine Kinder,« dann unterbrach er sich plötzlich und horchte auf den Gesang der herannahenden Masupia’s, welche jeden Augenblick an der nächsten Waldesecke erscheinen mußten. Die gutmüthigen Züge verzerrten sich in diesem Momente zur Unkenntlichkeit, Todesangst sprach aus ihnen. Ich weiß nicht, ob die Aufregung in dem Momente es ermöglichte, oder das Mitgefühl der Angst mich so stark machte, ich ergriff einen etwa zwei Eimer Korn enthaltenden Sack, der hinter mir im Wagen lag und warf ihn dem Manne in die Arme. Kapella winkte mir mit der Hand, beugte sich nieder und schlich, von den Masupia’s ungesehen, durch das hohe Gras nach dem nahen Walde.
Am 15. zog das schwerste Gewitter, das ich bisher in Afrika beobachtet, über das Leschumo-Thal dahin, es kam so plötzlich, daß meine Diener rasch Sand und Erde auf die Feuer werfen mußten, um die Grashütten vor Brand zu schützen. Der darauf folgende, noch immer vom Sturmwind begleitete Regenschauer drang durch die Wagendecke, so daß ich mit meinen Decken und Reserve-Kleidungstücken die Sammlungen vor einer abermaligen Beschädigung schützen mußte. Das Wagendach schwankte hin und her und die Gewalt des Orkans schüttelte den Wagen, als wäre dieses formidable afrikanische Transportgebäude ein Spielzeug gewesen. Die eine der Grashütten war durch den Orkan umgeworfen, und die andere, in welcher sich die Diener geborgen, eingedrückt worden. Dank dem leichten Materiale desselben hatte ihnen dieser Unfall nicht viel Leid zugefügt. Gegen Abend mußten sich die Diener wieder daran machen, zwei neue Hütten zu errichten, eine für sich und eine für mein Gepäck, da ich den Wagen für Westbeechs Elfenbein frei machen mußte.
Am 16. langte Westbeech im Leschumo-Thale an. Er beklagte sich über die ihm von Sepopo nach meiner Abreise widerfahrene Behandlung und entschloß sich, nicht mehr nach Schescheke zu gehen, sondern die Waaren nur in’s Tschobethal zu bringen und sie hier auszutauschen. Er gab mir die gewünschten Aufschlüsse über die letzten Vorgänge in Schescheke und theilte mir mit, daß die Idee eines Aufstandes und der Vertreibung des Königs bei den Marutse-Mabunda-Häuptlingen immer mehr festen Fuß gefaßt hätte; dazu kam noch folgender Umstand, der dem Könige in den Augen der Untergebenen sehr schadete. Als er nämlich am Tage nach der Flucht Kapella’s die Nachricht davon erhielt, gerieth er so in Zorn, daß er, wie in der Regel, mit dem Kiri auf seine Umgebung losschlug, dann aber rief er laut, daß er ein Zaubermittel bereiten wolle, welches unwiderruflich die Flüchtlinge zurückbringen werde, dasselbe müsse auf sie derartig einwirken, daß sie die Sinne verlieren und in diesem Zustande nach Schescheke zurückkehren müßten, um sich von Maschoku tödten zu lassen. Er ließ einen Ochsen schlachten und sich den Talg vom Herzen überbringen, dann wurden etwa drei Fuß lange Stäbchen herbeigeschafft und dieselben einen Fuß tief vor der Hüttenthüre der Entflohenen in den Boden eingeladen. Diese Stäbchen wurden darauf an ihrem oberen Ende etwas gespalten und ein Stückchen Talg aufgelegt. Es war das erste Mal, daß sich Sepopo so offen vor seinem Volke über seine Zaubermittel und deren Wirkung aussprach, so daß sich nun auch zum ersten Male die Bewohner von Schescheke von diesem Humbug zu überzeugen Gelegenheit hatten.
Die Portugiesen waren von Sepopo noch immer nicht für ihre Waaren bezahlt worden, er vertröstete sie von Woche zu Woche. Auch berichtete mir Westbeech, daß der Dolmetsch Sepopo’s, Jan Mahura, und sein Bruder am nächsten Tage im Leschumo-Thal eintreffen würden, da sie ihres Lebens nicht mehr sicher waren, und der erstere von dem Könige für seine fünfjährigen Dolmetscherdienste eben seinen Lohn erhalten hatte. Westbeech war gezwungen, noch Güter in Schescheke zurückzulassen, auch sollte sein Koch Fabi, ein Halbcast aus der Colonie, nicht mit nach dem Süden ziehen, weil die ihm vom Könige geschenkte Frau, Asserat, mitzugehen sich weigerte.
Am 17., als bereits das gesammte Elfenbein (11080 Pfund) von Schescheke nach dem Leschumo-Thal gebracht worden war, erkrankte mein Diener Elephant an einer Entzündung des Schleimbeutels unter dem Knie, einem Uebel, welches unter den Masupia’s und Matonga’s häufig angetroffen, Tschi Kana Mirumbe genannt, und mit warmen aus Bohnenmehl bereiteten Umschlägen geheilt wird.
Als am 19. Masupia-Männer vom Zambesi und Tschobe Korn, Mais und Kürbisse zum Verkaufe brachten, boten sie den erhaltenen Kaufpreis dem Bruder des Jan Mahura an, welcher ihnen dafür Elephanten-Medicin, d. h. eine solche, die sie in den Stand setzen sollte, Elephanten ohne Schwierigkeit zu tödten, verabreichen mußte. Jan Mahura machte ihnen zu diesem Behufe an den Armen und den Schenkeln seichte und lange Längseinschnitte und rieb ihnen in dieselbe ein schwärzliches Pulver ein, welches die gewünschte Wirkung äußern sollte.
In der Nacht vom 19. auf den 20. waren die Wagen gepackt, nach Mitternacht trafen die Zugthiere ein und wir verließen das Leschumo-Thal, um weiter nach Panda ma Tenka zu ziehen.
XIV.
Durch das Makalaka- und Westmatabele-Land.
Aufbruch nach Süden. — Vlakvark’s. — Lager an den Klamaklenjana-Quellen. — Der Händler Z. — Die Weiher von Tamasanka. — Die Sibanani-Lichtung. — Reiches Thierleben. — Die Mambaschlange. — Ein böses Gewissen. — Menon, der Chef der westlichen Makalaka. — Ein Spion. — Menon hält über Z. Gericht. — Langfingerigkeit und Unreinlichkeit der Makalaka. — Morulabäume. — Z. in Lebensgefahr. — Die Ruinen von Rocky-Schascha. — Pittoreske Landschaftscenerie am Rhamakobanflusse. — Tati. — Goldgräber. — Die Familie Lotriet. — Matabele-Vorposten. — Geschichte des Matabele-Reiches. — Afrika als Löwenjäger. — La Bengula’s Schwester. — Der Leopard im Schlafzimmer Pit Jacob’s.