Am 7. verließen wir Tamasetse und zogen über die Wässer von Tamafopa und Yoruah nach den nördlichsten der Klamaklenjana-Quellen, von welchem sich ein Geleise nach Südost nach dem Makalaka-Lande abzweigt. Hatte ich während unseres Aufenthaltes auf Tamasetse über das Unheil zu klagen, das Z. mit seinem Brantwein angerichtet, so war dies auf der Weiterreise nur noch mehr der Fall. Westbeechs Wagenlenker (an dem Wagen, in dem ich fuhr) war und blieb betrunken, was zur Folge hatte, daß das Gefährt mehrmals daran war, umzuschlagen, zuweilen sah ich mich gezwungen, selbst die Peitsche in die Hand zu nehmen, was meinen Zustand wieder verschlimmerte.
Am 8. gelangten wir zu dem Yoruah-Weiher. Da Bradshaw hier einen Rückfall erlitt, auch zwei andere Wagenlenker, namentlich Diamond, krank wurden, blieben wir hier 1½ Tage, die ich so gut es anging zur Vermehrung meiner Bälgesammlung benützte. Z. erkrankte an Dysenterie, mein Diener Elephant unter ähnlichen Umständen und zwei andere Diener Westbeechs am Fieber. Am 12. gelangten wir zu den Klamaklenjana-Quellen und fuhren von da noch am Abend ab. Ich fand diesmal das Lachenplateau auffallend wildarm und erkannte auch bald den Grund dieser Erscheinung. Die zahllosen weitab im Walde liegenden Lachen hatten sich mit Regenwasser gefüllt, und so war das Wild nicht an die wenigen Quellenweiher gebunden, sondern konnte sich beliebig weit vom Geleise zurückziehen. Am Nachmittage wurde ich vom Fieberschauer niedergeworfen und hatte noch in der Nacht eine arge Beschädigung meiner Sammlungen zu erfahren. Der betrunkene Wagenlenker war einem vorragenden Aste nicht ausgewichen, der die senkrechten Stützsäulen der linken Dachseite rasirte, dabei in den Wagen drang und hier die in den letzten fünf Tagen gesammelten Coleoptera sowie einige ethnographische Objecte theils arg beschädigte, theils vollkommen unbrauchbar machte.
Am 13. gelangten wir nach einer sehr beschwerlichen Tour durch einen tiefsandigen, dichten Niederwald, und nachdem in der Nacht ein Trupp von Nashorne und Elephanten unsere Route gekreuzt hatte, nach einer mit Wassertümpeln versehenen Lichtung, Tamasanka genannt. Die Weiher von Tamasanka trocknen nie aus, ihr Wasser ist rein und beginnt, zwei bis drei Tage im Gefäß ruhig belassen, sich zu verdicken. Westbeech hatte dies erprobt, während mir leider die nöthige Zeit dazu fehlte, denn wir verließen den Ort schon am folgenden Tage. Auf der Nachmittagsfahrt beobachtete ich zum ersten Mal eine Finkenart, die Paradieswitte (Vidua Paradisea), die an der Westküste häufig anzutreffen ist. Auch fand ich auf der Strecke vom Tamasetse Fliegenschnapper, Pirole, kleine grünlich-gescheckte Spechte und die Vidua regia. Im Allgemeinen zeigten sich im sandigen Pool-Plateau alle die Strecken, welche größere Lichtungen enthielten, reicher an Vertretern der Vogelwelt, als die dicht bewaldeten Partien, in welchen man nur kleine, von Regenlachen ausgefüllte Lichtungen antrifft.
Die Weiterfahrt am 15. und 16. wurde etwas mühevoll, da die Wagenspur von Gras vollkommen überwachsen war und wir uns den Weg erst suchen mußten. Unsere Diener fanden am ersten Tage den halb abgenagten Cadaver einer Giraffe, die wohl von Löwen getödtet sein mußte und delectirten sich nicht wenig an der so leicht gewonnenen Beute. Am 16. betraten wir eine von Mapanibäumen bewachsene Ebene, ein Seitenstück zu jener von Maque, welche von schönen und sehr fischreichen Weihern bedeckt war und von den Eingebornen Sibanani-Lichtung genannt wird. Sie bildet den südöstlichen Theil des sandigen Lacheplateaus und gehört den östlichen Bamangwato und den Matabele an. Der Landstrich war unter Moselikatze bis in die Fünfziger Jahre im ausschließlichen Besitz der Matabele, es war ihr westlichster Punkt nach dieser Richtung hin. Die Wachposten wurden jedoch seither eingezogen, da sie steten Löwen-Anfällen ausgesetzt waren und die ihrer Obsorge anvertrauten Viehheerden nicht mehr schützen konnten. Der Wald in der Sibanani-Lichtung ist nur am Rande der Weiher dicht, welche mir in dem ursprünglichen Bette eines Flusses, dessen Wasser schon vor mehreren Jahrhunderten versiegt sein mögen, zu liegen schienen.
Der geringeren Dichte des Waldes halber ist die Sibanani-Lichtung für die Jäger von besonderem Interesse; alle Wildarten, von der Deukergazelle bis zum Elephanten, sind hier anzutreffen. Der Ornithologe findet die Vögel des sandigen Lachenplateaus mit interessanten Formen von Sumpf- und Schwimmvögeln in Menge vor. In Folge dessen sind auch Tag- wie Nacht-Raubvögel in vielen Species vertreten, an den zahlreichen feuchten Partien erstreckt sich ein wahrer Blumenteppich, der Tummelplatz der zahlreichen Colibris und Bienenfänger, während man an den das Wasser überhängenden Aesten bald den kleinen, oben azurblauen und durch einen Schopf ausgezeichneten Alcedo Cristata, bald eine zweite Art, den Halcyon Swansonii, doch auch den weißschwarz-gescheckten Ceryle Rudis erspäht. Ich will noch des Riesenreihers (Ardea Goliath), und des schönsten aller Gänschen, der Nettapus Madagascariensis gedenken, blos zwölf bis vierzehn Zoll lang erscheint das Thierchen, oben glänzend schwarzgrün, unten weißlich mit Ausnahme der Brust und Seiten, welche sich rostfärbig präsentiren, die Wangen, Stirn und die Kehle sind weiß, der Kopf dunkelschwarzgrün, welche Farbe sich bis nach dem Halse hinzieht und hier beiderseits einen hellgrünen Fleck umsäumt.
Zwei Umstände machen indeß den Aufenthalt an dem Sibanani-Weiher weniger angenehm, als ihn der Forscher sonst unter den obgenannten Umständen finden würde. Es ist erstlich gegen das Ende des Sommers die ungesunde Ausdünstung einiger der seichteren Weiher und zweitens die gelbe Mambaschlange, von der ich schon berichtete, daß sie in der Regel in dem dichten Geäste zweier, einen Wildpfad überhängenden Bäume auf der Lauer liegt. Westbeech berichtete mir, daß in trockenen Wintern die fischreichen Weiher so wasserarm werden, daß man die Fische, unter denen ein Glanis am häufigsten vorkommt, mit den Händen fangen könne. Hier hörte ich auch zum ersten Mal wieder nach vielen Monaten den Silberschakal (Canis mesomelas) und ich fand meine Vermuthung, daß die Sibanani-Lichtung eine der tiefsten Partien des sandigen Lachenplateaus sei, auch dadurch bestätigt, daß ich zahlreiche Pflanzenspecies mit denen des Salzseebeckens identisch fand. Ich konnte erst wieder hier, seitdem ich die Zambesi-Zuflüsse verlassen, schöne Fächerpalmen-Gebüsche beobachten. Die Mitreisenden machten sich, von ihren Dienern begleitet, an die nächst anliegenden Weiher, um unseren Tisch mit Wildgeflügel zu versorgen, leider mit geringem Erfolge. Im Winter soll es hier noch bedeutend mehr Wild geben, allein schon gegenwärtig fand ich zahlreiche frische Wildspuren, welche unseren Weg kreuzten und unter welchen ich auch jene des schwarzen Nashorns bemerkte.
Am 18. brachen wir wieder auf und gelangten nach einem längeren Marsche in das Thal des Nataflusses, zogen das Thal entlang, und überschritten ihn sodann. Der Fluß hat hier den Charakter eines sandigen, nur stellenweise kleine Lachen enthaltenden Spruits. An seinen Ufern, welche mit sechs bis sieben Fuß hohem Grase dicht bewachsen waren, fanden sich stellenweise tiefe, zur Zeit der Ueberschwemmungen gefüllte Lachen, ein Charakteristicon vieler südafrikanischer Flüsse, namentlich aber des Limpopo-Systems. Am Nachmittage ging es weiter nach Südost, dem Makalaka-Lande zu; unser Weg führte durch einen dichten Mapaniwald. Da Westbeech der erste war, der vor vier Jahren diese Route befuhr, die nun vom Makalaka-Lande über den Majtenque und Nata das Matabele-Land mit den Tschobe-Zambesi-Gegenden verbindet, so erlaubte ich mir, das genannte Geleise »The Westbeech Road« zu nennen. Am Abend gelangten wir auf eine mehrseitig von Gehölzen begrenzte Grasebene, in der sich der aus dem Makalaka-Lande fließende Majtenque-River im Boden verlieren soll.
Am 19. hatten wir sehr viele tiefe, wenn auch schmale, trockene Regenmulden zu passiren, welche zu dem genannten Flusse führen, der gegen seine Mündung schmäler und seichter erscheint und dessen Ufer von Fanggruben förmlich durchwühlt sind. Der Majtenque ist ein sandiger Fluß, der hunderte von Bergflüßchen aufnimmt, die jedoch nur äußerst kurze Zeit hindurch fließen, so daß nicht immer dieser Abfluß seine Mündung erreicht, sondern sich namentlich in dem letzten Drittel seines breiten Inselbettes verliert. Der größte Theil seines Gebietes liegt in dem schönen Gebirgslande, welches von den westlichen (Menons) Makalaka’s bewohnt wird. Da sich der Zustand Westbeechs nicht besserte, übernahm ich ihn in meine Behandlung. Am 20. erkrankte auch Dr. Bradshaw an Dysenterie. Wir zogen den ganzen Tag das Thal aufwärts am rechten Ufer des Flusses dahin. Seitdem wir das Panda ma Tenka-Thal verlassen hatten, gab es sehr warme Tage, namentlich die Spät-Nachmittage waren ungemein schwül, dagegen waren die Nächte kalt. Am Vormittage des 21. überschritten wir den Majtenque. Kurz zuvor zeigte man mir einen hohen Mapanibaum, unter welchem einer der Makalaka-Häuptlinge begraben liegt. Der Baum war hohl und genoß noch aus einem zweiten Grunde einen gewissen Grad von Verehrung. Die Makalaka’s glaubten, daß in ihm, doch weniger oft wie in einer der Felsenhöhlen in ihrem Gebirge, ihr Morimo oder der unsichtbare Gott wohne und während sie alljährig in die Felsenhöhle Geschenke brachten, warfen Vorübergehende als Zeichen der Hochachtung ihre Armspangen etc. in die Höhlung des genannten Baumes.
Je weiter wir zogen, desto merklicher erhob sich das Land. Kleine Granithügel erhoben sich vor uns, ohne uns indeß die Aussicht auf die Kuppen der eigentlichen Makalaka-Höhen im Hintergrunde zu benehmen. Bei dem ersten namhafteren Hügel trennte sich Westbeech, um mit Bradshaw, Menon, den Makalaka-Häuptling aufzusuchen und von diesem einige Begleiter nach dem Matabele-Lande zu erhalten, in dessen westlichster Provinz wir uns eben befanden. Westbeech ging seinen in der Residenz des Matabele-Königs wohnenden Compagnon Philips aufsuchen, um ihn, der gemeinschaftlichen Abrechnung halber, zur Reise nach Schoschong zu bewegen. Da Westbeech wegen seiner Gunst beim Könige unter den Makalaka’s geachtet war, entsprach man seinem Ansuchen sofort. Abends erschien auch Menon, um den Elfenbeinhändler mit seinem Gegenbesuche zu beehren. Seitdem wir im Majtenque-Thal nach aufwärts zu reisen begannen, zeigte Z. eine auffallende Unruhe, sowohl während der Fahrt als auch während der Raststunden war er stets wie auf der Wache, er lugte nach allen Seiten aus und glaubte stets Makalaka’s zu sehen. Oft stand er neben mir mit verstörten Zügen am Bocke. »Haben Sie den Schrei gehört, der eben durch den Wald drang? Sahen Sie nicht eben einen Makalaka hinter jenen Dornenbäumen verschwinden?« Da ihm Westbeech seine betrügerische Handlungsweise vorhielt, und man ihm überhaupt von Seite meiner Reisegefährten nicht freundlich entgegenkam, flüchtete er sich zu mir. Saßen wir in der Nacht am Feuer, so war er in der Regel an meiner Seite. Doch litt es ihn nicht lange an einer Stelle, wiederholt stand er auf, und suchte mit seinem unsteten Blick das Dunkel zu durchdringen. Der Zug in das Makalaka-Land schien Z. mit wahrer Furcht zu erfüllen, dies veranlaßte mich, nach dem Grunde seines Betragens zu fahnden. »Ja,« meinte er, nachdem er mir lange genug, ausweichend geantwortet, »so ein kleiner Zufall hat sich während meines Besuches im Innern ereignet; als wir von einer Elephantenjagd heimkehrten und auf einen Pfad im Walde entlang gingen, einer hinter dem Andern folgend, entlud sich ganz zufällig das Gewehr eines meiner Diener, und einer der Leute Menon’s wurde dabei getödtet; es kann nun leicht geschehen, daß Menon denkt, ich habe den Makalaka erschossen.«
Als er nun hörte, daß wir uns nahe an Menon’s Dorfe befanden, erreichte seine Unruhe den höchsten Grad. Er folgte den Wägen und war nicht eher zu sehen, als bis Menon von seinem abendlichen Besuche wieder heimgekehrt war. Menon ist von Mittelgröße, etwa fünfzig Jahre alt, hager, ein Tartüffe ohne Gleichen, mit ihm fanden sich zugleich einige Makalaka’s ein, von denen keiner ein ehrliches Gesicht hatte. Diese von mir — um sie von den nördlich vom Zambesi wohnenden Bruderstämmen zu unterscheiden — die Süd-Zambesi und westlichen, nach ihrem Häuptlinge Menon’s genannten Makalaka sind mit ihren südlichen Brüdern seit dem Jahre 1837 Unterthanen der Matabele-Zulu geworden. Sie waren friedliche Ackerbauer und Viehzüchter, sind gegenwärtig das erstere nur mehr in einem geringen Grade geblieben und nebstbei die unzuverlässigsten Leute und die größten Diebe in Südafrika. All’ dies haben ihre Herren, die Zulu-Matabele auf ihrem Gewissen.