Während seine Begleiter sich an’s Feuer niederhockten, blieb Menon in eine schäbige Gepardcarosse gehüllt, stehen, um uns einen nach dem andern zu mustern. Er schien von dieser Revue nicht befriedigt zu sein und suchte nach Z., denn der Unfall war ihm von den Z. entlaufenen Genossen des Erschossenen berichtet und er zugleich von der Anwesenheit des weißen Mannes, der uns am Nataflusse traf, durch einen seiner Spione unterrichtet worden. Seinem Unmuthe darüber machte er dadurch Luft, daß er von mir und Walsh, die wir zum erstenmale sein Land betraten, einen Durchzugszoll begehrte. Da außer Westbeech Niemand die Makalaka-Sprache verstand, und dieser uns ruhig zu bleiben bedeutete, ohne von Menon Notiz zu nehmen, so ließ dieser auch von seiner Bettelei ab, ja in wenigen Minuten hatte sich das Blatt gewendet. Von Westbeech an die Pflichten der Gastfreundschaft gemahnt, versprach Menon eine Ziege zu senden. Er entschuldigte sich, daß er kein Rind senden könne, da die Matabele seine gesammten Rinder geraubt hätten. Diese Gefälligkeit Menon’s wurde von unserer Seite durch Geschenke an Blei und Schießpulver erwidert, welche auch freundlichst entgegengenommen wurden. Als sich der Häuptling verabschiedet hatte, war nur noch einer seiner Leute zurückgeblieben, anscheinend eine untergeordnete Creatur, die sich am Feuer der Diener niederließ. Mir fiel der Mann durch sein scheues Benehmen auf, und ich beobachtete ihn um so schärfer. Anscheinend sich wärmend, warf der Mann oft den Kopf nach den einzelnen Wägen zurück. Bei einer dieser Bewegungen hielt er den Kopf längere Zeit vom Feuer abgewandt, um darauf das letztere in auffallender Weise zu schüren. Was konnte er gesehen haben? Ich blicke mich um, einige Schritte hinter mir stand Z.; nun war mir auch das ganze Benehmen des als Spion zurückgelassenen Makalaka’s klar. Z.’s Züge waren mehr denn je verstört. Nachdem ich mein Erstaunen über sein Fernbleiben geäußert, entschuldigte er sich damit, daß er sich in einen Busch niedergelegt und dabei eingeschlafen und erst vor Kurzem erwacht sei. »Menon war hier am Wagen, hat wohl nach mir gefragt?« Auf die Anspielung auf den ihm widerfahrenen sogenannten Unfall brauste er auf und schalt Menon einen Lügner.
Der Makalaka am Feuer, der von Z. nicht beachtet worden war, da er für einen unserer Diener gehalten werden konnte, hatte das Gespräch belauscht, erhob sich unauffällig und entfernte sich. »Seht, das war einer von Menon’s Spionen!« sagte ich. Z. sprang auf, ballte die Faust, doch dem Manne nachzusetzen, fehlte ihm der Muth. Wir begaben uns zur Ruhe, jeder in seinen Wagen. Nochmals nahm ich wahr, wie mein Nachbar ängstlich nach dem Feuer auslugte, er mochte wohl einen Ueberfall befürchten.
Während seines Besuches hatte Menon sechs Begleiter bei sich, von welchen zwei mit Assagaien und vier mit Kiris bewaffnet waren, einzelne Makalaka’s trugen auch Musketen; unter den Frauen trugen einige kurze, über und über mit weißen und violetten Glasperlen geschmückte Lederröckchen. Ich erstand von ihnen einige Handarbeiten, welche jedoch weniger gut als die unbedeutenderen Produkte der Betschuana gearbeitet waren. Die bereiste Strecke im Majtenque-Thale, scheint, für die Zukunft ein Eldorado versprechen zu wollen; die bewaldeten Höhen ein vortreffliches Weideland zu liefern. Für einen Botaniker und Ornithologen ist die Reise durch das Makalaka-Land eine wahre Herzensfreude; leider ist sein Forschen in Folge des Charakters des Eingebornenstammes ununterbrochen behindert und in hohem Maße beschränkt.
Am 22. ging es weiter, nachdem Westbeech mit einem berittenen Diener und einigen Makalaka’s zu Fuß die Reise nach Osten nach der Hauptstadt des Landes Gubuluwajo angetreten. Wir anderen legten nur drei Meilen zurück und hielten unter einem Morulabaume Rast, um hier Korn und Melonen zu erhandeln, und womöglich auch die versprochene Ziege von Menon zu erwarten. Wir fanden unter dem Baume schon die Makalaka’s versammelt. Von den Aeltesten in einem Kreise umgeben, harrte bereits Menon unser. Das Ganze sollte den Anstrich einer Feierlichkeit haben, thatsächlich aber war es eine Gerichtssitzung, wobei unserem Begleiter Z. die Rolle des Angeklagten zufiel. Menon hatte Z. mit Mahura als Dolmetsch vorladen lassen, und die Verhandlung wurde in der Setschuana geführt. Das Interessanteste daran war wohl die Begründung des Urtheils von Seite Menon’s. Er sagte: »Ob er von den Weißen erschossen wurde oder nicht, ob Dein Gewehr, da Du hinter ihm schrittest, zufällig losging oder nicht — das ist Alles gleichgiltig, Du mußt seiner Frau und seinen Angehörigen zahlen und mir auch, da ich dadurch einen meiner Arbeiter, d. h. Unterthanen eingebüßt habe.«
Z., dem es im Kreise der Makalaka etwas zu unheimlich wurde — er zitterte, daß er kaum sprechen konnte, und sein Gesicht war glühendroth — betheuerte seine Unschuld in geläufiger Rede, Mahura fand kaum Zeit, ihm zu antworten und sprach endlich, da er nur zu deutlich sah, daß sich sein Client selbst schadete, nach seinem Gutdünken und mit solchem Erfolge, daß Menon trotz des Wehklagens von Seite der Verwandten des Getödteten die Zahlung respective Verabreichung eines färbigen Wollhemdes, einer Wolldecke und sieben Sacktüchern an Stelle der ursprünglich bestimmten Muskete, Schießbedarf und Wolldecken festsetzte. Der erstgenannte Gegenstand fiel ihm als »Schiedsrichter« zu. Nachdem dieser erlauchte Gesetzgeber das Hemd empfangen, verabschiedete er sich, doch kam er bald wieder, denn die Verwandten machten Z. die Hölle heiß, sie beschimpften ihn, nannten ihn Mörder und warfen ihm die Decke und Sacktücher vor die Füße. Menon suchte zu schlichten, da trat jedoch wieder Mahura als rettender Engel dazwischen, indem er Z. zuflüsterte: »Reiche die zurückgewiesenen Artikel dem Häuptling als Geschenk, er nimmt sie an und Du hast Dir einen tüchtigen Bundesgenossen geschaffen.« Z. folgte; Menon nahm die Sachen an, blies sich auf, um den Seinen noch mehr zu imponiren und die Sache war beglichen.
So geschickt im Marutse-Reiche die Masupia als Gaukler sind, so sind es die Makalaka als Langfinger. Mir ist ein Fall von einem Elfenbeinhändler bekannt, der den Leser wohl interessiren könnte. Ein Händler kaufte von Makalaka’s einen Elephantenzahn und legte diesen in seinen Wagen. Es währte nicht lange, und die Makalaka’s brachten einen zweiten, doch konnte der Mann diesen nicht mehr so leicht erstehen, der gefordert Preis war so hoch, daß er ihn nicht nehmen wollte, worauf die Verkäufer den Zahn zur Erde warfen und den Händler einluden, sich von dem großen Gewichte desselben zu überzeugen. Dieser that es und unterdessen wurde ihm der erste Zahn aus dem rückwärtigen Theile des Wagens gestohlen. Endlich gaben die Verkäufer nach und dies um so mehr, weil sie den Weißen auf einen dritten Zahn aufmerksam machten, den eben einige von der Seite herbeitrugen. Sie schienen es eilig zu haben und so kaufte der Händler auch den dritten. Nach dem Kaufe verschwanden die Makalaka’s auffallend rasch im Walde. Unser Mann, der mit dem Gewinne bei dem Kaufe zufrieden war, wollte sich nun die Waare noch einmal besehen. Doch zu seinem Schrecken war der Zahn verschwunden und auch die Makalaka’s — der Händler hatte drei Stück Elfenbein gekauft und nur zwei erhalten.
Der Verkauf von Elfenbein geschieht jedoch nur im Geheimen, da die Makalaka’s alles Erbeutete an den Makalaka-König abliefern müssen. Die Makalaka’s nähern sich dem Reisenden gewöhnlich in Haufen, während die Einen ihn zu beschäftigen suchen, trachten die Andern ihr diebisches Handwerk auszuführen; man kann sagen, daß alles, was nicht mit Ketten und Schrauben an den Wagen befestigt ist, während der Reise durch dieses Territorium von seinen sauberen Insassen gestohlen wird. Sie lernten dies von den Matabele, oder wurden von denselben dazu angestiftet und gezwungen. Es ist nöthig, sich stets diese Langfinger einige Schritte vom Leibe zu halten und auf jeder Wagenseite wenigstens einen Diener als Wache aufzustellen, diesem auch wohl einzuschärfen, sich mit den Makalaka’s in kein Gespräch einzulassen. Wird in dieser Weise den Leuten keine Gelegenheit zum Stehlen gegeben oder sie in flagranti ertappt und zur Rede gestellt, so kann man sich für einige Zeit vor weiteren Angriffen und Belästigungen sicher fühlen, denn die verunglückten Diebe gehen heim und berichten, daß der Weiße eine gute Medicin habe (Beschwörungsmittel mit dem er den Diebstahl wahrnimmt), und daß es nichts nütze, etwas zu nehmen, er sehe Alles, auch wenn er beschäftigt sei.
Nebst dem genannten Laster sind die Südzambesi-Makalaka’s und namentlich die südlichen und westlichen (d. i. die unter dem Matabele-Scepter stehenden), noch durch eine nicht zu beschreibende, beispiellose Unreinlichkeit berüchtigt. Ich glaube, daß sich die meisten Leute im Makalakalande, mit Ausnahme jener die als Diener unter den Weißen gelebt, Jahre lang nicht waschen; ich sah Frauen mit Glasperlensträngen im Gewichte von mehreren Pfunden behangen und belastet und ich mußte annehmen, daß die untersten dieser Rosenkränze am Leibe klebten. Seitdem die Matabele die Herren der Makalaka’s geworden, ist auch das Bauwesen unter dem letztgenannten Stamme so in Verfall gekommen, daß die meisten ihrer kleinen Dörfer ruinenartig aussehen. Die einzige Tugend der Makalaka’s ist neben der Arbeitsamkeit eines guten Theiles dieses mehr denn decimirten Volkes dessen strenge Sittlichkeit, welche unter allen anderen südafrikanischen Stämmen nicht ihres Gleichen findet.
Nachmittags zogen wir weiter durch einen Niederwald, aus dem überall um uns zwanzig bis siebzig Fuß hohe, pyramidenförmige, kegel- und kegelstutzförmige Granithügel, zuweilen aneinander gereiht emporstiegen. Je weiter wir am Ufer des Majtenque nach aufwärts zogen, desto höher, anmuthiger und großartiger gestaltete sich diese Scenerie, hie und da im Walde machten sich die schon mehrmals erwähnten Morulabäume bemerkbar, welche mit einem Zaune, der etwa drei bis vier Meter von dem Stamme abstand, umgeben waren, da sie eben reife Früchte trugen. Diese fielen ab und um zu verhüten, daß sie nicht vom Wilde verzehrt wurden, hatte man die Stämme umzäunt. Jede Familie hatte je nach der Einwohnerzahl des Dorfes einen oder mehrere Bäume als ihr Eigenthum erklärt. Aus dem Fruchtfleische wird ein Bier zubereitet, welches ciderartig schmeckt und auch der in eine harte Schale eingeschlossene Kern wird benützt (ich glaube, daß er zerstoßen und das gewonnene Mehl zu Brei bereitet wird).
Auf unserem Marsche näherten wir uns mehrmals dem Majtenque, oft bot sein Thal eine höchst anmuthige Scenerie. Während der Fahrt am 22. war ich Zeuge eines Beweises rührender Kindesliebe bei einem Schwarzen, der seiner hochbetagten Mutter begegnete. Von Diamond erfuhr ich gleichfalls eine Episode aus seinem bewegten Leben, die mir den Beweis lieferte, daß trotz des sonst verwilderten Zustandes der Eingebornen bessere Regungen in der Brust manches unter ihnen leben und für ihre Empfänglichkeit für Civilisation sprechen.[16] Nachmittags lagerten wir in der Nähe mehrerer Dörfer und hörten hier, daß wenige Tage vor unserer Ankunft eine Truppe von Matabele-Kriegern Menon und die westlichen Dörfer am Majtenque abgesucht hatte, um Knaben als Tribut zu fordern und mit ihnen das jüngste Regiment zu completiren. Menon hatte dies verweigert, und nun glaubte man allgemein, daß ihm diese Verweigerung das Leben kosten werde, denn obgleich die Makalaka’s viele Gewehre besaßen, so reichte doch ein Regiment der Zulu-Matabele hin, die in kleinen Dörfern zerstreut wohnenden Makalaka’s zu vernichten. In dieser Weise war es Moselikatze und seinen vierzig Kriegern möglich, seit dem Jahre 1837 ein Reich zu gründen, das gegenwärtig über 20000 Krieger zählt, doch geschah es zumeist unter Anwendung der rohesten Gewalt, nachdem die Väter getödtet und die Mütter geraubt worden waren.