Sie gestand ihm, daß sie in Keßten gewesen war; von den Mühen und Plagen der Wanderung sagte sie nichts, und seine Frage, welchen Eindruck der Ort auf sie gemacht hätte, beantwortete sie ausweichend. Sie erzählte ihm nur, was sie in seinem neuen Hause getan hatte, zog ihr Notizbuch hervor und nannte ihm alle jene Hausgegenstände, die noch angeschafft werden mußten; und der Gedanke, wie ganz anders, wie schön und traulich es wäre, wenn sie ihm als seine Hausfrau folgen könnte in das neue Heim, lag bei diesem Wirtschaftsgespräch so nahe, daß er beiden zur gleichen Zeit kam. Sie fühlte, daß sein Auge auf ihr ruhte, und senkte das Gesicht. »Ich hoffe immer noch, daß nichts daraus wird,« sagte sie und blätterte in dem Notizbuch. »Ich meine aus Ihrer Versetzung nach Keßten ... Die Luft dort ist sehr rauh und ich fürchte, daß sie Ihnen nicht gut tun wird ... Sie würden mich sehr beruhigen, wenn Sie sich von meinem Vater untersuchen ließen. Er wird Ihnen ehrlich sagen, was er von Ihrer Gesundheit hält; und wenn er den Ausspruch täte, daß eine rauhe Luft Ihnen nicht zuträglich sei, könnten Sie vielleicht doch noch den Versuch machen, zu erwirken, daß Ihnen ein anderer, milderer Ort zugewiesen werde.«

Er schüttelte das Haupt. »Dazu ist es zu spät. Auch würde es nichts helfen. Weshalb aber beunruhigen Sie sich? Ich bin ja leidlich gesund.«

»Leidlich! Sie müssen also selbst zugeben, daß Sie nicht ganz gesund sind. Schlagen Sie mir diese Bitte nicht ab! Sprechen Sie mit meinem Vater!« sagte sie drängend.

»Wenn Sie es durchaus wünschen, Paula, will ich Ihnen den Gefallen tun, ... obschon es ein wenig lächerlich ist, wenn ein gesunder Mensch aus Furcht, daß er vielleicht krank sein könnte, einen Arzt konsultiert.«

»Nehmen Sie das, wie Sie wollen, ... ich bin es zufrieden, wenn Sie es überhaupt tun.« Sie fragte ihn hierauf nach seiner Familie und ob er in Kufstein angenehme Tage verlebt hätte, und er erzählte ihr, was er zu berichten für passend fand, zeigte ihr die neueste Photographie seines kleinen Neffen, die die Schwester ihm geschenkt hatte, sprach sanft und nachsichtig von den Seinen, ohne irgendwelche Bitterkeit, und hob nur ihre guten Eigenschaften hervor.

»Meine Mutter war ganz glücklich, mich wieder einmal die Messe lesen zu hören,« sagte er, »und ich habe sie wiederholt gebeten, mich bald in Keßten zu besuchen; dann kann sie dieses Vergnügen täglich haben.«

Errötend und ohne ihn anzusehen, fragte ihn Paula, ob seine Wäsche und Kleider in gutem Stande wären und ob sie Schadhaftes vielleicht ausbessern dürfte; es würde ihr große Freude bereiten, für seine Bequemlichkeit zu sorgen.

Er lehnte ihr Anerbieten dankend ab. »Das alles kann meine Wirtschafterin in Ordnung bringen,« sagte er.

Paula beschrieb ihm darauf die Frau, die sie im Pfarrhof vorgefunden hatte, und legte ihm ans Herz, sie in seinem Hause zu behalten: sie scheine gut und anhänglich zu sein und er würde sich gewiß bald an sie gewöhnen. »Aber verraten Sie ihr nicht, daß Sie es auf meine Bitte hin tun wollen,« setzte Paula hinzu. »Ich sagte ihr, daß ich Ihnen gleichgültig bin, und Sie müssen sie in diesem Glauben erhalten. Mich kennt sie nicht; was sie von mir denkt, spielt folglich keine Rolle. Aber Sie, der Sie in Keßten leben werden, müssen achtsam sein auf Ihren guten Ruf.«

Er mußte lächeln über ihre Worte, seine Stimme jedoch klang gepreßt, als er jetzt sagte: »Sie sind um meinen Ruf besorgt, – um den Ihrigen aber kümmern Sie sich nicht. Jetzt, wo Sie wissen, daß ich bald gehe, gestatten Sie mir, täglich zu Ihnen zu kommen, weil Sie in Ihrer Selbstlosigkeit folgern, daß es mir nun nichts mehr anhaben könne. Von diesem Standpunkt aus haben Sie freilich recht, – ich gehe, – aber Sie? Sie bleiben zurück und – merken Sie es wohl, Paula: die Menschen werden den Stab über Sie brechen.«