Der Arzt machte eine abwehrende Bewegung.

»In kurzer Zeit ist alles vorbei,« sprach Harteck weiter. »Ich gehe und damit ist das Spiel zu Ende. Nur zu gut fühle ich, daß es in diesem Fall keinen Mittelweg gibt: es heißt entweder alles wagen oder auf alles verzichten. Ich wähle das zweite. Niemals werde ich Ihrer Tochter schreiben, und wenn sie, in ihrer Güte, sich einfallen lassen sollte, einen Brief an mich zu richten ...«

Der Arzt unterbrach ihn.

»Ich erlasse Ihnen diese Versprechungen,« sagte er. »Glauben Sie denn, daß ich dieser Sache nicht längst schon ein Ende gesetzt haben würde, wenn ich nicht wüßte, daß in solchen Fällen Gewalt und Zwang das Übel nur vergrößern, anstatt es auszurotten?« Ein fürchterlich ernster Blick war es, den er bei diesen Worten auf den Priester heftete, ein Blick, vor dem Harteck die Augen senken mußte. »Glauben Sie, daß ich bis jetzt geschwiegen haben würde, wenn ich nicht gefürchtet hätte, in Ihnen auch mein Kind zu treffen? Paula würde alles, was ich Ihnen gesagt hätte, als eine persönliche Kränkung empfunden und ich würde dadurch meine Tochter ganz verloren haben. Nein; versprechen Sie mir nichts. Paula mag tun, was ihr gefällt; wenn sie nicht freiwillig entsagt, helfen alle Gewaltmittel nichts. Sie gehe ihren eigenen Weg; mag sie das, was sie an mir und sich selbst verübt, mit ihrem Gewissen ausmachen. Über das Herz eines Kindes gebietet der Vater nicht, und wenn dieses Herz durchaus unrecht tun will, dann verlohnt es sich auch nicht der Mühe, es zurückhalten zu wollen.«

Hochaufgerichtet stand er da, als er so sprach. Harteck war zumute, als ob der ernste, hagere Mann zu riesiger Größe emporwüchse, zu einer Größe, neben der er zwerghaft klein erschien. Er kam sich neben dem schwer gekränkten Vater so elend, armselig und verächtlich vor, daß er es für eine Wohltat angesehen haben würde, wenn der Fußboden sich aufgetan und ihn verschlungen hätte. Vorwürfe, Schmähungen, ja Mißhandlungen sogar würde er leichter ertragen haben, als dieses kalte und stolze: Tut, was Ihr wollt.

Der Arzt mochte erraten, was im Innern des Mannes vorging, der in der scheuen Haltung eines Verbrechers vor ihm stand, und in seiner Brust regte sich eine Empfindung, die an Mitleid streifte.

»Wir haben ausgesprochen, denke ich,« sagte er und trat zum Tisch hin.

»Ja,« murmelte Harteck, verneigte sich ungeschickt und verließ das Zimmer. Er kam sich vor wie ein Dieb, dem der Bestohlene die Strafe erläßt.

Vierzehntes Kapitel

Noch zwei Tage. Er wünschte, sie wären vorüber. Paula hatte er glauben gemacht, daß er noch drei Tage hier bleiben würde, um ihr und sich selbst die Bitternis des Abschiedes zu ersparen. Den vorletzten Tag seines Hierseins verwendete er dazu, daß er von Haus zu Haus ging und allen Leuten Ade sagte, und er gewann bei dieser Wanderung durch das Dorf aufs neue die Überzeugung, daß die Leute ihn lieb gewonnen hatten und ungern scheiden sahen. Freilich trat dabei auch zu Tage, daß er, wie es ihm überall erging, die Menschen durch allzu große Güte und Nachsicht verwöhnt hatte und daß manche dies benutzten, um dreist zu werden. Mehr als einer hatte die Unverfrorenheit, mit schlauem Augenwinken zu ihm zu sagen: »Es ist ja besser für Sie, daß Sie gehen,« und wenn er nach dem Warum fragte, erfolgte abermaliges Blinzeln und Nicken und ein gutmütiges: »Ich meine halt so, ... Sie verstehen mich schon ...« Sich den nötigen Respekt zu verschaffen, hatte er nicht gewußt, und seine aller Welt bekannte Neigung zu einem Mädchen zerstörte den Nimbus, der sonst den Seelsorger in einem Dorf zu umgeben pflegt, vollends. Das war ihm nicht gleichgültig, verdroß ihn sogar, aber er verschluckte es wie so manches andere. Am Hause Paulas glitt er scheu vorüber: er wollte sie weder sehen noch von ihr gesehen werden; und er nahm sich vor, sie auch morgen zu meiden, wenn er Kraft genug besäße, die Sehnsucht seines Herzens so weit zu besiegen.