»Es ist erstaunlich, wie gescheit Sie sind für Ihre Jahre,« sagte der Mönch plötzlich und wurde rot. »Sie werden es noch weit bringen.«
»Ach nein! Warum denn?« entgegnete Joachim bescheiden und geschmeichelt zugleich. »Allerdings höre ich das manchmal und es ist mir, zum Beispiel, in Aussicht gestellt worden, Redakteur unseres Salzburger Parteiblattes zu werden ... Ich weiß jedoch nicht, ob ich dieser Stellung gewachsen sein werde. Es mangelt mir doch an Erfahrung. Nicht wahr, Georg?«
»Für einen Kampfhahn wie Du einer bist wäre das gerade das richtige Feld,« erwiderte dieser mit einem Lächeln.
»Du spottest mich immer aus,« murrte der junge Geistliche.
»Keineswegs; ich meine nur ...«
»Daß ich ein intoleranter, streitsüchtiger Pfaff bin? Intolerant, in der Tat!« rief der junge Priester und schlug mit der Hand auf den Tisch. »So nennt man uns, ... aber dieser Vorwurf ist, nach meiner Ansicht, ein ungerechter. Wer, um alles in der Welt, ist tolerant gegen uns? Welche Stellung nehmen die Katholiken in Deutschland, Rußland und Irland ein? Man duldet sie, weil man muß, und sobald sie eine Bewegung machen, schlägt man sie zu Boden. Davon aber spricht niemand, das finden die Menschen ganz in der Ordnung. Narren und Feiglinge wären wir, wenn wir ihnen nicht gleiches mit gleichem vergälten. Was mich jedoch bei alledem am meisten verdrießt, das ist die Lauheit und Flauheit der Katholiken selber. Alles lassen sie sich gefallen, mit Füßen lassen sie sich treten. Ich möchte einmal hören, was die Protestanten oder Juden sagen würden, wenn ihre Pastoren oder Rabbiner nur halb so vielen Angriffen ausgesetzt wären wie wir! Steinigen würden sie die Angreifer, oder doch wenigstens die Hand rühren und den Mund auftun. Unsere Katholiken aber sind die ersten, die ihre Priester herabsetzen und die Nase rümpfen, wenn von den Klerikalen, wie sie uns und unsere Parteigänger nennen, die Rede ist. Darüber habe ich mich oft schon geärgert und dagegen gesprochen und geschrieben. Unsere Bauern gehen noch an, ... aber die Städter, ... die sind es, die der Sache schaden, die geflissentlich zu vergessen scheinen, daß sie katholisch sind und darum Hand in Hand mit uns gehen sollten, anstatt sich zu unseren Widersachern aufzuwerfen, wie sie es in der Tat tun. Was wird aus unserer heiligen Kirche werden, wenn die eigenen Kinder sich gegen dieselbe empören? Und wir, ... sollen vielleicht auch wir die Flinte in das Korn werfen und gleichgültig zusehen, wie an unserer Kirche gemäkelt wird, wie unsere Gegner sich breit machen und uns verhöhnen? Nimmermehr! Krieg bis aufs Messer! Entweder siegen oder fallen, – aber sich feige ergeben, – das niemals!«
Der junge Mönch nickte lebhaft Beifall und seine leuchtenden Augen hingen an dem geröteten, erregten Gesicht des jugendlichen Paladin der Kirche. »Bist Du nicht auch meiner Ansicht?« wendete Perkow sich an Harteck, der sich schweigend verhielt und weder ein Beifalls- noch ein Mißfallenszeichen zu erkennen gegeben hatte.
»Gewiß,« antwortete dieser, also zum Sprechen aufgefordert. »Indessen darfst Du nicht übersehen, daß der katholische Klerus – teilweise wenigstens – nicht danach angetan ist, sich Sympathien zu erwerben. Die Pastoren, zum Beispiel, begnügen sich damit, Diener des Staates zu sein und ordnen sich dem Staate unter; sie wollen keine politische Rolle spielen und machen selten von sich reden. Wir hingegen haben stets nach der Herrschaft gestrebt und streben noch immer danach, wollen einen Staat im Staate bilden, und das verzeiht die Welt uns nicht. Sind wir Patrioten? Bürger? Geht uns der Staat unseren Sonder-Interessen vor? Nein, müssen wir auf diese Fragen antworten. Wir sind nur so lang Patrioten, als wir unsere Kirche nicht gefährdet glauben, ... unsere Blicke sind nach Rom gerichtet und was der Papst sagt, gilt uns mehr als die Wünsche unserer Mitbürger. So muß es natürlich sein, wir dürfen anders nicht denken. Aber Du mußt doch zugeben, daß die Welt einigen Grund habe, uns mit scheelen Augen anzublicken. Ein jeder Stand ringt nach der Weltherrschaft, ... die Aristokratie so gut wie wir; der Bürger so gut wie das Proletariat oder der vierte Stand; wir sind ihnen folglich im Wege und darum mögen sie uns nicht.«
»Aber Sie haben unrecht, wie mir scheint,« warf der junge Pater stockend und errötend ein. »Wenn irgend jemand berufen ist zu herrschen, dann sind es wir, denen die Aufgabe obliegt, die Gewissen rein zu erhalten und die Menschen auf das ewige Leben vorzubereiten, während unsere Gegner sich bloß um das zeitliche Wohl kümmern. Wenn die Menschen mehr den Tod und was darauf folgen wird, im Auge hätten als ihr vergängliches Dasein, würden sie sich den Priestern gern unterwerfen und sich willig ihrer Leitung anvertrauen.«
Die beiden Freunde blickten zuerst dem Sprecher, dann einander in die Augen. Daß der Mönch es ehrlich meinte und das Gesagte wirklich dachte, – darüber konnte niemand im Zweifel sein. Man brauchte nur sein treuherziges Gesicht anzusehen, ... dann mußte man ihm Glauben schenken. Von diesem idealen Standpunkt aus hatte er freilich recht ... »Aber – sind wir auch so?« mußte Joachim sich fragen. »Vielleicht viele, ... alle gewiß nicht. Und ich – ebenfalls nicht.«