»Um wieviel Uhr wird die erste Messe gelesen?« fragte Harteck, dem dieses Schweigen, in dem ein verhaltener Tadel zu liegen schien, unbehaglich war.

»Um halb sieben Uhr; um sieben Uhr kommt die Reihe an Sie. Die erste Messe liest immer der Herr Dekan. Jetzt aber muß ich Sie verlassen. Es ist Zeit, unsere Gebete vorzunehmen. Auf Wiedersehen!«

»Auf Wiedersehen!« sprach Harteck nach, und der Mönch entfernte sich. Harteck setzte sich auf eine Bank, die unter einem breitästigen Kastanienbaum stand, und zog sein Brevier aus der Tasche. Zerstreut wendete er die Blätter um.

Ein abgeschlossener, ruhiger, mit sich selbst einiger Mensch, dieser junge Mönch. Er fragt nicht, er ist nicht neugierig, er antwortet bloß; alles, was außerhalb seines Berufes liegt, scheint ihm gleichgültig zu sein; aber alles, was zu seinem Berufe gehört, ist ihm heilig.

»Hätte ich doch nach der Kirche gefragt!« dachte Harteck. »Es lag so nahe, ... aber weiß der Himmel, wie es kam, ... ich vergaß sie ganz und gar.«

Mittlerweile war es sechs Uhr geworden; die Stunde des Gebetes. Um die Unterlassungssünde halbwegs gut zu machen, beschloß Harteck, jetzt, bevor die Messe begann, in die Kirche zu gehen und schlug mit seinem Hunde den Weg nach dem Gotteshause ein. Er hieß Cäsar draußen warten und trat, das geöffnete Brevier in den Händen, in die Kirche.

Das Innere derselben war, wie es bei vielen Dorfkirchen der Fall ist, überreich an Vergoldungen, kleinen Engeln und Heiligenbildern. Über dem Altar, mittels eines Drahtes an der Decke befestigt, schwebte eine große, weiße, aus Holz geschnitzte Taube, den heiligen Geist vorstellend. Neben dem Altar stand ein vergoldeter Armstuhl, auf dem eine blaugekleidete hölzerne Figur saß, die ein Kind in den Armen hielt. Mutter und Kind, die Jungfrau mit dem Jesuknaben, trugen goldene Krönlein auf den Häuptern. An den Wänden hingen die in allen katholischen Kirchen üblichen vierzehn Leidensstationen Jesu Christi. Das Altarblatt stellte die heiligste Dreifaltigkeit dar, und über den Seitenaltären rechts und links waren Bilder eines Christus am Kreuze und einer schmerzhaften Maria angebracht. Die Landesheilige, die fromme Notburg, war ebenfalls vertreten, und der Maler hatte sie in dem Augenblicke festgehalten, wo sie die Sichel in die Luft geworfen hat und diese in der Luft hängen bleibt, zum Zeichen, daß Gott Vater es vorziehe, wenn Menschen am Feierabend beten, anstatt zu arbeiten, was die heilige Notburg, der Überlieferung gemäß, auch getan hat.

Der junge Priester machte einen Rundgang durch die Kirche, betrachtete alles mit gleichgültigem Blick und ging dann wieder ins Freie. Bemerkenswertes bot die Kirche nicht; er hatte schon viele gesehen, die dieser auf ein Haar glichen.

Aber er stellte sich in der Nähe des Kirchleins auf, denn er sah von allen Seiten Leute nahen, die der Glocke Geläut zur Frühmesse rief, und er wollte diese Menschen, zu deren Seelenheil er bestellt war, von Angesicht kennen lernen. Zuerst kamen die Klosterfrauen aus dem Spital, gefolgt von alten Pfründnern beiderlei Geschlechtes und den weiblichen Schulkindern. Der Geistliche zog vor den Schwestern den Hut ab, und sie dankten seinem Gruß, indem sie demütig das Haupt neigten, und die Kinder, die Greise und Greisinnen grüßten ihn und alle schauten ihn neugierig an. Dann kamen auch die Schulknaben, hübsche, fröhliche Jungen mit hellen Augen, und Bäuerinnen in der Landestracht, darunter manche bildhübsche Dirne, und er mußte jedem einzelnen danken, denn alle riefen oder nickten ihm einen Gruß zu, und wenn sie an ihm vorbei waren, steckten sie die Köpfe zusammen und flüsterten sich ein paar Worte ins Ohr. Endlich wurde es still, niemand mehr kam, die Glocke schwieg; die Messe hatte begonnen. Langsamen Schrittes schlenderte der Geistliche die Kirche entlang und trat durch ein Hinterpförtchen in die Sakristei, um sich für die Messe anzukleiden. Der Meßner, ein etwas schiefgewachsener, grauköpfiger Mensch, bewillkommnete ihn mit einem tiefen Bückling und zeigte ihm nicht ohne Stolz die geistlichen Ornate, die in den Schränken aufbewahrt lagen. Dann half er ihm beim Ankleiden und stellte ihm einen kleinen Buben, der sich einstweilen eingefunden hatte und dem Priester die Hand küßte, als seinen Ministranten vor. Harteck richtete an den Jungen einige Fragen; da jedoch aus diesem nichts anderes als Ja oder Nein herauszubringen war, verstummte das Gespräch sehr bald. Übrigens war dazu auch keine Zeit mehr. Die Tür, die nach der Kirche führte, wurde aufgestoßen und herein trat ein anderer Ministrant, gefolgt vom Herrn Dekan. So also sah sein neuer Gebieter aus! Der junge Priester erhob sich rasch und machte eine tiefe Verbeugung. Ohne ihm die Hand zu reichen und ohne zu lächeln, schaute der Dekan ihn an, nickte mit dem Kopfe und ließ sich von dem Meßner das Meßgewand vom Leibe ziehen.

»Zum Begrüßen ist jetzt keine Zeit,« sagte er. »He! Kleiner! Gib das Glockenzeichen zur zweiten Messe.«