Hartecks Ministrant zog an einer Glocke, die neben der Tür hing, der junge Geistliche ergriff die Meßgerätschaften und trat, ihm voran der Ministrant, in die Kirche. Während er die Messe zelebrierte, beschäftigte sein Geist sich mit dem Dekan, der – das konnte er sich nicht verhehlen – einen ungünstigen Eindruck auf ihn gemacht hatte. Die große, beleibte, muskulöse Gestalt, das fast dreieckige Gesicht mit den hängenden Lippen und Wangen, die von zahllosen Fältchen umgebenen kleinen, hartblickenden Augen, die starke Nase und spitzige Stirn, in die ein Büschel der noch dunklen und spröden Haare hing, was dem Gesichte einen eigentümlich finsteren und trotzigen Ausdruck verlieh, ... nichts war an der Erscheinung des Dekans, das Vertrauen oder Sympathie hätte erwecken können. Und die Worte, die er gesprochen, und mehr noch der Ton, ... freundlich hatten die nicht geklungen! Indessen suchte Harteck sich darüber zu trösten. Vielleicht tat der Dekan nur in der Kirche so streng und abgemessen: manche Priester glauben, daß sie anders nicht sein dürfen. Dann aber fielen ihm wieder die Mitteilungen des jungen Mönches ein. Ein Seelsorger, der mit seiner Gemeinde in Groll und Hader lebte, ... stand von solchem Manne viel Erfreuliches zu erwarten? Hatte Harteck nicht schon erfahren, in welchen Zorn der Dekan eines fehlgeschlagenen Wunsches wegen geraten konnte? Ließ dieser Umstand allein nicht auf eine verbissene Reizbarkeit und einen schwer zu behandelnden Charakter schließen? Selten noch hatte Harteck die heilige Messe mit geringerer Aufmerksamkeit gelesen als dieses Mal. Als er am Ende den Anwesenden den Segen erteilte und alle sich so fromm und ehrfurchtsvoll erhoben und bekreuzigten, durchzuckte seine Brust ein Gefühl wehmütiger Scham.
»Was für ein Priester ich bin!« dachte er und schüttelte das Haupt über sich selbst.
Er atmete gleichsam auf, als er wieder außerhalb der Kirche stand und mit seinem Cäsar, der vor der Tür auf ihn gewartet hatte, in den Pfarrhof zurückkehrte.
Drittes Kapitel
Von Uschei hörte Harteck, daß das Frühstück bereits aufgetragen wäre. Hastig vertauschte er den langen Priestertalar mit einem schwarzen Rocke, bürstete sorgfältig sein unglücklicherweise natürlich gelocktes Haar und trat also gerüstet in das Speisezimmer.
Der Dekan saß am Tische und las in einer Zeitung. Den Platz ihm gegenüber nahm der junge Mönch ein und in dessen Nähe stand eine Dame, die sich gerade anschickte, den Kaffee in die Tassen zu gießen. Sie verrichtete das häusliche Geschäft mit zimperlicher Geziertheit, ihr blasses Gesicht sah ziemlich verschlafen aus und ihre Toilette verriet, daß sie erst vor kurzem aus den Federn geschlüpft war. Sie trug einen hellen Schlafrock und ihr ungekämmtes Haar war nachlässig aufgesteckt.
Die drei Personen blickten nach der Tür, als Harteck eintrat, und erwiderten seine Verbeugung auf verschiedene Art. Der Dekan nickte bloß mit dem Kopfe und vertiefte sich allsogleich wieder in seine Zeitung. Der Mönch erhob sich halb von seinem Sitze und verneigte sich, die Dame ließ einen durchdringenden Blick über den Ankömmling gleiten, verwirrte sich, wurde rot und goß eine der Tassen mit so großer Eile voll, daß sie überfloß.
»Ach! Wie ungeschickt ich bin!« rief das Fräulein kichernd.
»Was ist denn geschehen?« fragte der Dekan, legte die Zeitung auf den Tisch und blickte das Fräulein streng an. »Gib doch acht, Aurelie! Du wirst wieder etwas zerbrechen. – Und Sie, Herr Kooperator, nehmen gefälligst Platz; Sie sitzen neben dem Pater. Doch zuerst will ich Sie mit meiner Nichte bekannt machen. Fräulein von Gerstenbeck, Herr Kooperator Harteck.«
Der Genannte verbeugte sich abermals und setzte sich dann neben den jungen Mönch. Die Dame im Schlafrock, die Harteck mit einem lautlosen Gegengruß und einem schmachtenden Blick beglückt hatte, reichte zuerst ihm, dann dem Pater eine Tasse hin, nahm dann an der Seite ihres Onkels Platz und begann gleich den anderen ihr Frühstück zu verzehren. Nach einer Weile sagte der Dekan: »Du bist heute abermals nicht in der Messe gewesen, Aurelie.«