Joachim war es, der zuerst erwachte. Rasch machte er Toilette, suchte Uschei auf und bat sie, in einer halben Stunde das Frühstück zu bringen und anspannen zu lassen. Dann erst weckte er den Freund. Georg sah sehr schlecht aus, war jedoch leidlich heiter oder stellte sich wenigstens so, und die zwei Freunde verfügten sich in die Kirche, um dort eine heilige Messe zu lesen. Dann kehrten sie in den Pfarrhof zurück und setzten sich zum Frühstück nieder. Während sie damit beschäftigt waren und mehrere Knechte das Gepäck hinaustrugen, um es hinten an dem Wagen festzubinden, trat der Dekan in das Zimmer.
»Lassen Sie sich nicht stören,« sagte er, mit der Hand winkend, da die jungen Männer sich erhoben. Harteck bot ihm einen Stuhl an. Der Dekan setzte sich. Man mag einem Menschen noch so unhold gesinnt sein: im Moment des Scheidens sieht man ihn immer mit milderen Augen an. Der Dekan betrachtete das blasse, hagere Gesicht des jungen Priesters, das im fahlen Frühlicht beinahe grau erschien, und etwas wie Mitleid regte sich in seiner Brust. Hatte er ihn vielleicht nicht doch allzu hart beurteilt und verurteilt? Nun aber waren die Würfel gefallen. Die leisen Selbstvorwürfe kamen zu spät.
»Wie reisen Sie?« fragte der Dekan sich räuspernd. »Wenn ich nicht irre, muß man einen Berg übersetzen, um nach Keßten zu gelangen.«
»Das wäre freilich der kürzeste Weg,« sagte Harteck. »Aber ich habe meiner Bagage wegen beschlossen, um den Berg herumzufahren. Ich muß die Fahrt im Schritt zurücklegen und werde Keßten vor dem Abend schwerlich erreichen.«
»So, so,« sprach der Dekan. Er hätte ihm gern etwas Freundliches gesagt, aber es fiel ihm nichts ein. »Wenn es Ihnen angenehm ist,« fuhr er nach längerer Überlegung fort, »kann Herr Perkow Sie begleiten und morgen mit dem Wagen hierher zurückkehren. Ich gebe ihm gern einen zweitägigen Urlaub.«
Überraschung und Freude malten sich im Gesicht des Priesters; er stand auf und ergriff die Hand des Prinzipals.
»Ich danke Ihnen, Herr Dekan,« sprach er mit Wärme.
»Aber bis morgen abend müssen Sie zurück sein,« sagte der Dekan zu Perkow gewendet. »Übermorgen ist Bittgang und den müssen Sie anführen.«
»Sie dürfen sich auf mich verlassen, gnädiger Herr,« sprach Joachim, der sich gleichfalls erhoben hatte.
Der Dekan nickte und legte die Hand auf Hartecks Schulter.