»Nein, heute schon. Wußten Sie's nicht? Das nimmt mich Wunder.«

Hämisch fixierte sie das junge Mädchen, dessen farbloses, bestürztes Gesicht jedem anderen als ihr einiges Mitleid hätte einflößen müssen.

»Er fuhr sehr früh fort,« sagte Aurelie. »Ich habe seinetwegen meinen Schlaf natürlich nicht abbrechen wollen und seine Wegfahrt auch verschlafen. Er ist mir immer höchst gleichgültig gewesen.«

Sie sprach diese Worte affektiert genug, – aber Paula war zu zerstreut, um darauf zu achten. Sie dachte bloß an ihn, der ohne Abschied von ihr gegangen war, ... wahrscheinlich, um sie zu schonen. Darum also war er gestern so blaß gewesen, hatte er sie so lang angesehen, so lang, als ob er ihr Bild seiner Seele einprägen gewollt ... Er hatte ihr im Geiste Lebewohl gesagt und sie hatte nichts geahnt.

Und aus diesem höhnischen Munde hören müssen, daß er fort! Das war unerträglich. Sie nickte dem lächelnden Fräulein einen Gruß zu und ließ sie stehen. Schadenfroh blickte Aurelie ihr nach. Sie wußte und verstand nicht, was in diesem armen jungen Herzen vorging: sonst hätte sie erröten müssen darüber, daß sie bei so tiefem, wortlosem Weh nichts anderes empfand als hämische Schadenfreude.


In Keßten war man von dem Eintreffen des neuen Seelsorgers bereits unterrichtet. Um die siebente Abendstunde langten ein paar kleine Buben atemlos im Dorfe an, mit der Meldung, daß der Herr Vikar angefahren komme.

Wirklich tauchte auf der Heerstraße ein Wagen auf, der sich im Schritt dem Dorfe näherte. Alles, was Beine hatte, voran die Alten, hinterher die Jungen, eilte dem neuen Seelsorger entgegen.

»Das ist Keßten,« rief Juchei, sich von seinem Sitz erhebend; doch als er die Leute kommen sah, setzte er sich wieder und drückte sich in die Ecke. Die Leute sollten wissen, daß nicht er, sondern der Priester an seiner Seite der Erwartete wäre.

»Es ist für unsereinen doch viel besser, auf dem Lande als in einer Stadt zu leben,« sagt er zu Harteck. »Hier gelten wir doch etwas ... Nimm den Hut ab, Georg, ... Deine Gemeinde ist schon ganz nahe.«