Harteck richtete sich in die Höhe und tat, was der Freund von ihm begehrte hatte. Mit inniger Rührung sah er auf seine neue Gemeinde und sein Herz fing beim Anblick des kleinen, armen Dorfes laut zu schlagen an. Seine neue Heimat, – ach! die wievielte schon!? Aber er schüttelte die schwermütigen Gedanken rasch wieder ab; diese Menschen kamen ihm mit Liebe entgegen, – er wollte die sich ihm entgegenstreckenden Hände mit gleicher Liebe erfassen.
Und näher rückte der kleine Zug, immer näher. »Grüß Gott!« ertönte es aus alten und jungen Kehlen. Einige Mütterchen fingen zu weinen an, – froh vielleicht, einen Anlaß zu haben, ihren Tränen freien Lauf zu lassen. Weiber hoben ihre Kinder in die Höhe: »Siescht[22], Seppei[23], dös ischt der neue Herr Vikar!« Die Burschen und Dirnen grüßten mit lachenden Augen. Der junge Vikar winkte nach allen Seiten und reichte denjenigen, die sich besonders nah an den Wagen herandrängten, die Hand. Im Dorfe läuteten die Glocken, barhaupt gingen Männer und Burschen neben dem Wagen einher, die Weiberleute folgten hinten nach. Am Pfarrhof hielt der Wagen. Harteck öffnete den Schlag und sprang heraus, dankte den Dorfältesten, die um ihn herumstanden, für den liebevollen Empfang, drückte noch viele von schwerer Arbeit rauhe, mit Schwielen bedeckte Hände, schwenkte den Hut gegen das versammelte Landvolk hin und ging in das Haus hinein.
Die Leute zerstreuten sich bald. »Ein feiner Herr und so freundlich,« sagten einige. »Aber gar so viel blaß,« meinten andere. »Der Blonde sieht viel lustiger aus.«
Im großen und ganzen waren sie jedoch seines Lobes voll; er hatte jedermann gefallen.
Im Hausflur trat Harteck die Wirtschafterin des verstorbenen Vikars entgegen. Sie brach in Tränen aus, und als er sie um die Ursache ihres Kummers befragte, sagte sie schluchzend: »Sie erinnern mich halt gar so viel an meinen seligen Herrn ... Gerade so ein leutseliges G'schau[24] wie Sie hat er gehabt.«
Er bat sie, sich zu beruhigen: er werde sich alle Mühe geben, ihr den Verstorbenen zu ersetzen, und sie faßte sich auch und geleitete ihn in das Wohnzimmer, wo der gedeckte Tisch ihn belehrte, daß er erwartet worden war.
»Aber auf zwei Gäste haben Sie nicht gerechnet?« fragte Harteck lächelnd. »Ist genug Essen vorhanden für mich und meinen Freund und können Sie ihm ein Lager bereiten?«
Sie antwortete, daß sich das schon werde machen lassen, nur müßten die Herren eben mit geringem vorlieb nehmen. Ihre Miene blieb eine bekümmerte, in ihren Augen glänzten Tränen und alles, was sie sagte, brachte sie in traurigem Tone vor.
»Der tote Herr will mir halt nicht aus dem Sinn,« sagte sie, sich gleichsam entschuldigend. Harteck betrachtete sie mit Teilnahme; hatte doch Paula von ihr und für sie gesprochen. Er nahm sich vor, gut und geduldig gegen die arme Frau zu sein.
Während diese sich anschickte, das Essen aufzutragen, besichtigten die Geistlichen den Pfarrhof. Das Haus war allerdings armselig, die Zimmerchen niedrig und in schlechtem Stande. Aber Georg ließ sich dadurch nicht verstimmen, sondern sprach die Hoffnung aus, daß es ihm wohl gelingen würde, sein kleines Besitztum wohnlich zu gestalten, und Joachim bestärkte ihn in seiner Zuversicht. Heiterer als sie gedacht hatten, setzten sie sich an den gedeckten Tisch und verzehrten das einfache Mahl.