Am folgenden Tag war ihre erste Sorge, in die Kirche zu gehen und die Messe zu zelebrieren. Die ganze Gemeinde hatte sich eingefunden und wohnte mit großer Andacht der heiligen Messe bei, und als der Gottesdienst vorüber war, kamen viele Leute in die Sakristei und begehrten mit dem neuen Vikar zu sprechen; ein jeder hatte ein anderes Anliegen und alle wollten gehört sein. Harteck ersuchte die Leute, nach Ablauf einer Stunde in den Pfarrhof zu kommen, dort werde er alle Wünsche entgegennehmen, und kehrte mit Juchei in den Pfarrhof zurück. Da nahmen sie das Frühstück ein und plauderten eine Weile; dann stand Juchei auf und sagte, daß es Zeit für ihn wäre, die Heimfahrt anzutreten. Harteck schloß ihn in die Arme und Juchei hing lang an seinem Halse.

»Laß es Dir gut gehen,« sagte Juchei endlich mit schwankender Stimme, »und schreib mir oft ...«

Er riß sich aus seinen Armen und ging rasch davon. Harteck stellte sich ans Fenster. Er sah Juchei aus dem Hause treten und in den Wagen steigen.

»Besuche mich bald!« rief er hinunter.

»Sobald ich kann,« antwortete Juchei und erhob grüßend die Hand. Ein stechender Schmerz durchzuckte Hartecks Brust, als jetzt der Wagen sich in Bewegung setzte. War ihm doch, als ob die Pferde sein Einziges, das Letzte, was das Schicksal ihm gelassen hatte, entführten. Jetzt erst fühlte er, wie teuer und notwendig der Freund ihm war und wie einsam, wie freudlos das neue Leben. Er trat vom Fenster zurück. Er konnte den Freund nicht fortfahren sehen. Und drunten auf der Straße fuhr Joachim, drückte sich in eine Ecke und zog den Hut bis auf die Augen herab, – damit niemand die Tränen sehe, die der Abschied vom Freunde ihm erpreßte.

Sechzehntes Kapitel

Die Abwesenden sind bald vergessen. Nach kurzer Zeit schon sprachen die Bewohner St. Jakobs nicht mehr von ihrem alten Kooperator und gewöhnten sich an den neuen, und der Dekan, dessen flüchtiges Reuegefühl längst wieder verflogen war, fand sein Vorgehen wider Harteck nunmehr ganz in der Ordnung und zerbrach sich nicht weiter den Kopf über ihn und sein Schicksal. Im Hause des Arztes wurde der Name Hartecks niemals genannt und, äußerlich wenigstens, schien es, als ob in diesen Räumen mit dem Scheiden des Priesters der alte Friede wieder eingekehrt wäre. Den Vater freilich täuschte die scheinbare Ruhe seines Kindes nicht. Er kannte Paula zu gut, um nicht zu wissen, daß sie nicht zu denjenigen gehörte, die vergessen, weil sie stumm bleiben. Aber wozu an die Wunde rühren? Mochte sie im stillen ausbluten; die alles mildernde Zeit wird auch diese Wunde schließen.

Paula lebte still dahin, beschäftigte sich viel mit dem Hauswesen, der Schwester, dem Vater, und war sanft und geduldig gegen jedermann. Wenn manchmal Leute, teils aus Mitgefühl, teils aus Neugier und nicht selten aus Bosheit, von dem Geistlichen zu sprechen anhoben und dabei dem Mädchen mit dummdreistem Blick ins Gesicht starrten, antwortete Paula ruhig und gelassen, und nichts in ihren Zügen tat kund, daß sie sehr gut wußte, weshalb die Menschen gerade so oft mit ihr von dem Geschiedenen redeten. Die Kirche besuchte sie nur zu Stunden, wo sie das Gotteshaus fast leer wußte; dann kniete sie an einem der Seitenaltäre nieder, legte Stirn und Hände auf die Umfriedung und dachte nach ... Beten konnte sie selten; doch wenn es geschah, war es ein Gebet für ihn, ... daß Gott ihn sie vergessen lassen möchte ... Für sich erbat sie nicht das gleiche. Sie wußte, daß diese Bitte nicht erfüllt werden konnte.

Im Anfang ertrug sie seinen Verlust mit großer Fassung. Ihr war zumute, als ob er gar nicht gegangen wäre, als ob er wieder kommen müßte. Als aber Tag um Tag, Woche um Woche verstrich und keine Kunde von ihm zu ihr gelangte; als sie immer umsonst auf ihn wartete oder auf ein Zeichen von ihm, – da begann sie eine ungeheure Leere in der Brust zu fühlen; da wurde ihr allmählich klar, daß sie ihn ganz und auf immer verloren, daß ihr Warten ein vergebliches, ... und es kam ihr vor, als ob alles um sie herum und in ihr abgestorben wäre. Was tut er? Wie lebt er? Sie zermarterte sich das Gehirn über diese Fragen. Oft sprang sie mitten in einer Arbeit vom Stuhle auf und stand, die Hand an die Lippen gepreßt, ängstlich horchend da ... »Er sehnt sich nach mir, ruft mich, kann mich nicht vergessen,« dachte sie dann. »Ich fühle es, und das ist es, was mich so emporreißt und hinzieht zu ihm ...«

»Warum bist Du so traurig, Paula?« fragte die kleine Toni zu wiederholten Malen. Was sollte sie dem Schwesterchen antworten? »Wenn Du einmal groß sein wirst, will ich's Dir sagen,« versetzte sie einmal. »Heute würdest Du es noch nicht verstehen.«