Mit Perkow traf sie selten zusammen. Sie vermied es, ihm zu begegnen und er – suchte sie nicht auf. Sie hörte viel Gutes über ihn, – wie eifrig er wäre, wie sittenstreng und brav und welch' große Stücke der Dekan auf ihn halte, ... aber alles dieses Lob stimmte sie nicht freundlicher wider ihn. Im Gegenteil! Lag darin nicht eine indirekte Herabsetzung des anderen? Den hatte niemand gelobt, obschon alle ihm gut gewesen waren. Aber sie sprachen nach, was sie vom Dekan gehört hatten: daß Harteck kein echter Priester gewesen wäre, daß er zu viel weltlichen Gedanken nachgehangen hätte ... Der neue Kooperator hingegen, – ja der, das wäre ein Mann! Vielleicht ein wenig streng, aber das müsse ein Priester sein, vor einem solchen habe man doch Respekt, während der andere, ... dem seien eben immer die Weiber im Sinn gelegen, der hätte nicht Geistlich werden sollen. Paula nährte einen geheimen Groll gegen den jungen blonden Priester, und daß er Hartecks Freund war, erbitterte sie noch mehr wider ihn. Der durfte ihm Liebesdienste erweisen, mit ihm verkehren, brauchte seine Freundschaft nicht scheu zu verbergen, während sie alle ihre Liebe in ihr Herz verschließen und schweigend zusehen mußte, wie diese Liebesfülle nutzlos und einsam verdorrte.
Eines Tages ging sie im Garten spazieren und sah den jungen Kooperator vor demselben auf und ab wandeln. Von Zeit zu Zeit stand er still, schaute um sich, schien auf jemanden zu warten ... Sie näherte sich ihm. Perkow erblickte sie, fuhr grüßend an den Hut und trat an das Geländer heran.
»Wünschen Sie etwas von mir?« redete Paula ihn an.
»Nichts Besonderes,« gab er zur Antwort. »Ich wollte Sie nur fragen, ob Sie das Singen in der Kirche gänzlich aufgegeben haben. Der Herr Dekan hat neulich davon gesprochen ...«
Um ihr das zu sagen, war er sicherlich nicht gekommen. Aber Paula hatte keine Lust, ihm zu helfen.
»Ich bin heiser und kann nicht singen:« das war alles, was sie erwiderte.
»Mein Freund Harteck –,« er, nicht sie, errötete, als er diesen Namen aussprach, – »schwärmt heute noch von Ihrem Gesang. Die Leute in Keßten haben erbärmliche, schlecht geschulte Stimmen.«
Paula war bei diesen Worten, als ob die Schranke zwischen ihr und ihm plötzlich fiele; er war gekommen, um ihr von Georg zu erzählen ... Konnte sie da noch zögern? Ihr ganzes Herz verlangte ja danach, von ihm zu hören.
»Wie geht es Ihrem Freunde?« fragte sie mit bebender Stimme.
»Danke, recht gut,« antwortete er, durch die entgegenkommende Frage sichtlich erleichtert. »Ich habe vor kurzem einen Brief von ihm erhalten. Vielleicht wollen Sie diesen lesen ...?«