»Ja,« sagte Paula. Sie wußte nun, daß Perkow von ihrem traurigen Geheimnisse unterrichtet war, und gab auch ihrerseits jede Verstellung auf. Er überreichte ihr das Schreiben und blickte, während sie las, von ihr weg, die Straße hinab.
»Du teilst mir mit, daß Deine Berufspflichten es Dir einstweilen unmöglich machen, mich zu besuchen,« hieß es in dem Briefe, »und so muß ich denn nolens volens zur armseligen Kritzelei meine Zuflucht nehmen, um mich mit Dir zu unterhalten. Ein recht erbärmliches Auskunftsmittel, lieber Juchei, das mich nur wenig befriedigt. Daß ich es Dir nur bekenne: täglich stehe ich mit der Hoffnung auf, daß Du vielleicht heute kommen wirst, und blicke hundertmal im Tag die Straße hinauf und hinunter, ... aber immer vergeblich. Was ich tue und treibe? Ach Lieber! Was soll, was kann ich tun? Du weißt doch, welches unser Leben ist. In Keßten, so klein das Nest ist, gibt es viel zu schaffen. Die Seelsorge ist recht anstrengend, da ich alles allein besorgen muß und die Kirche von meiner Wohnung weit entfernt liegt. Und dann ist meine Gemeinde auf Wallfahrten sehr erpicht, und die muß ich natürlich immer mitmachen. Den Leuten geht es aber trotzdem ziemlich schlecht, sie sind arm und der Boden wirft, außer Gras, nichts ab. Das junge Volk verdingt sich als Knechte und Mägde in die reicheren Nachbardörfer, die Alten und Verheirateten bleiben daheim und schlagen sich kümmerlich genug durchs Leben. Die Männer betreiben einen kleinen Milch- und Käsehandel, die Weiber spinnen, sticken, flechten Strohhüte. An Kranken und Kretins herrscht hier trauriger Überfluß. Die Kranken sind sehr fromm und sehen es gern, wenn ich sie besuche; ich tue ihnen den Gefallen und tröste sie, so gut ich es vermag, und sie haben mich schon recht lieb gewonnen. Besonders leid tun mir die Kinder. Diese armen Würmer müssen eine Stunde lang in die Schule laufen, und wenn ich nicht fürchtete, daß ich mir dadurch Verdrießlichkeiten zuziehen könnte, würde ich es gern übernehmen, sie zu unterrichten; zum mindesten die kleinsten und schwächlichen. Aber dann würde es wahrscheinlich heißen, daß ich die Kleinen ›verfinstern‹ wolle und mich in Dinge menge, die mich nichts angehen. Du weißt, wie die Herren Lehrer über uns denken. Darum lasse ich es lieber sein.
Hier bietet sich mir auch Gelegenheit zu erfahren, was arm sein heißt. Solang ich unter einem Vorgesetzten stand, wußte ich nicht, wie arm ich war, weil ich mit den Haushaltauslagen nichts zu schaffen hatte. Ich brauchte nur für Kleider, Bücher, Musikalien usw. zu sorgen und dafür reichte meine karge Einnahme immerhin aus. Jetzt aber soll ich alles bestreiten, alles besorgen, und meine Einkünfte sind verzweifelt gering. Ich bin sozusagen in einer höchst peinlichen Lage ... Ich habe doch meine Junggesellenwirtschaft einrichten müssen, vieles fehlt noch darin und meine Haushälterin jammert mir täglich vor, sie brauche das und jenes, ... aber mein Geld ist alle. Ich bitte Dich jedoch mit aufgehobenen Händen, mir nur um des Himmels willen keines zu schicken. Du hast selbst sehr wenig und benötigst es für Dich, und außerdem weiß ich nicht, wann ich es Dir zurückerstatten könnte. Ich werde mich wohl durchschlagen. Die Leute sind so komisch zu glauben, daß ich mich pekuniär ziemlich gut stehe, und haben nicht selten den unglücklichen Einfall, mich um milde Gaben anzusprechen. Wenn diese armen, bedrängten Menschen nicht einen so jammervollen Anblick böten, würde ich über solche Zumutungen lachen. Ich gebe sehr gern, – aber leben muß man doch auch, und ich kann Dir versichern, daß ich schlecht genug lebe. Mein Vorgänger hat eine Art Gemüsehandel getrieben, – das aber bringe ich nicht zuwege. Offen gesagt, ich schäme mich, es zu tun. Lieber esse ich mich an Gemüsen satt, – das Fleisch ist hier ohnehin selten und teuer.
Meine gute Gemeinde benutzt mich überhaupt zu allem möglichen. Die Leute sind, wie alle Bauern, interessiert und habsüchtig, und wenn sie irgend etwas wissen wollen, wenden sie sich an mich, der jede Auskunft gratis verabfolgt. Auch zum Schiedsrichter ernennen sie mich oft – Bauern streiten ja immer untereinander und suchen sich gegenseitig zu übervorteilen –, und ich muß dann entscheiden, wer von den Streitenden recht habe und wer unrecht. Von meiner Unparteilichkeit sind sie überzeugt und dann kostet mein Richtspruch keinen Kreuzer, – das ist die Hauptsache. Aber halsstarrig und eigensinnig sind meine Schäflein, – es gehört eine große Dose Geduld dazu, mit ihnen fertig zu werden. Auch kann man sich nicht auf sie verlassen. Ins Gesicht geben sie mir recht, und kaum drehe ich ihnen den Rücken, tun sie das verkehrte. Vielleicht bin ich ein Narr, daß ich mir ihr Wohl und Wehe so angelegen sein lasse; aber ich möchte, daß sie friedlich nebeneinander lebten, möchte sie vernünftiger machen. Was die Gesundheitpflege anbelangt, so haben sie davon keinen Begriff. Die Kinder leiden am meisten darunter; in den Stuben wird die freie Luft ängstlich abgesperrt, die Fenster bleiben konsequent geschlossen und die Reinlichkeit des Körpers gilt als eine überflüssige Sache; kaum, daß die Leute sich täglich das Gesicht waschen; das Haar kämmen sich die Frauen oft bloß am Sonntag. Könnte man da nicht rasend werden! Aber rede mit diesen Leuten! Sie halten mich für überspannt, wenn ich ihnen irgendeinen Rat erteile, und lachen mich im geheimen wahrscheinlich aus. Die Kinder sind klein und schwach für ihr Alter, die Frauen sehen vor der Zeit welk und verblüht aus, haben dünnes Haar und schlechte Zähne, ... das sind die Folgen der grenzenlosen Beschränktheit. Ich bin oft recht mutlos; vielleicht, daß mit der Zeit – Du lieber Gott! Was alles habe ich nicht schon von der Zeit erhofft! Vielleicht, daß sie dieses Mal sich wirksamer erweisen wird, als sie bisher getan hat.
Ich bin jetzt leidlich gesund, obschon ich mich meistens abgespannt und ermüdet fühle; besonders das Predigen strengt mich an. Auch das Klavierspiel, meine liebste Beschäftigung, darf ich nicht allzu fleißig pflegen. Aber ich gehe viel ins Freie und Cäsar ist dabei mein steter Begleiter. Mein Husten hat sich gebessert, auch bin ich weniger heiser als früher und sehe gesünder aus. Meine brave Wirtschafterin, die mir treu ergeben ist und gewissenhaft für mein leibliches Wohl sorgt, macht mir täglich ein Kompliment über mein Aussehen. Ich schreibe Dir alles das, weil Du es wissen wolltest, und Du darfst mir's auch glauben. Weißt Du, daß nun schon zwei Monate verflossen sind, seit Du bei mir gewesen bist? Mach Dich doch frei und komm Dir Deinen Freund ansehen. Oder schreib mir wenigstens bald und recht ausführlich, hörst Du, Juchei? Ich sehne mich unaussprechlich nach Dir –
Mit tausend Grüßen
Dein getreuer Georg.«
Kein Wort von ihr in dem Schreiben ... Paula faltete es schweigend zusammen und steckte es in den Umschlag. Wahrscheinlich hatte der Geistliche sie den Brief just deshalb lesen lassen ... Georg mußte von ihr gesprochen oder geschrieben haben; wie würde sein Freund sonst auf den Gedanken verfallen sein, zu ihr zu kommen? Dieses Schreiben war wohl das gefaßteste, sollte sie über sein Schicksal beruhigen. Ein ungläubiges und bitteres Lächeln umspielte ihre Lippen. Sie mußte eine Bewegung machen, um die Aufmerksamkeit Perkows, der bis jetzt den Blick absichtlich von ihr abgewendet gehalten, auf sich zu lenken.
»Da haben Sie den Brief wieder,« sagte Paula. Er nahm ihn in Empfang.
»Sind Sie zufrieden?« fragte er.
»O ja ... Wann werden Sie wieder nach Keßten gehen?«