»Ist keine Hoffnung da, daß er Keßten verlassen wird?« fragte Paula.
»Bis jetzt keine ... Er hat schon einige Male nach Salzburg geschrieben, ... aber die Herren dort scheinen an seine Krankheit nicht recht zu glauben, denn sie geben ihm einfach keine Antwort. Wenn ihm nur wenigstens ein Hilfsgeistlicher zugeteilt würde! Auch darum hat er gebeten, ... aber bei der herrschenden Seelsorgernot hält es wahrscheinlich schwer, sein Ansuchen zu erfüllen. Er ist ganz verändert, ... so reizbar, erbittert und ungeduldig, ... ein ganz anderer Mensch, als er war.«
»Er war so gut, so weich,« sagte Paula und Tränen stürzten aus ihren Augen. »Gott! mein Gott! Und wir stehen müßig da und können nichts tun für ihn ...«
Sie lehnte sich an die Wand und weinte bitterlich, hilf- und trostlos.
Perkow schien gerührt.
»Beruhigen Sie sich,« sagte er, »und verzeihen Sie mir, wenn ich Sie hart anließ ... Ich hatte unrecht.«
»Was liegt an mir!« rief sie unter Tränen. »Helfen Sie ihm, ... alles andere ist gleichgültig.«
»Was kann ich tun?« entgegnete Perkow. »Ich habe alles versucht, ... habe mit dem Dekan gesprochen und ihn gebeten, sich für Georg zu verwenden, ... habe selbst nach Salzburg geschrieben, ... wer aber bin ich? Meine Stimme verhallt ungehört. Ich will noch ein Letztes wagen und, wenn die Feiertage vorüber sind, nach Salzburg reisen, ... vielleicht, daß es etwas nützen wird.«
»Ja, reisen Sie hin,« sprach Paula hastig. »Gott segne Sie!« Und das Taschentuch an die zuckenden Lippen und nassen Augen pressend, enteilte sie mit raschen Schritten. In Gedanken versunken blieb der junge Priester stehen. Es war doch etwas Erhabenes um eine so tiefe, hingebungsvolle Liebe, trotz allem Schmerz und aller Pein. Sogar er mußte das zugeben. Dieses Mädchen hatte nichts zu hoffen, die Welt und vor allen er nannte ihre Liebe eine sündige, ... und dennoch, ... wie frei trug Paula das Haupt, verachtend jeden Spott und Hohn, alles vergessend, alles ertragend bis auf das Leid, das der geliebte Mann zu erdulden hatte. »Ich will ihr nie wieder hart begegnen,« gelobte sich Perkow. »Sie ist, trotz allem, treu und brav.«
Weihnachten kam und ging, – Silvester, – das alte Jahr sank ins Grab. Trübe genug waren die hohen Festtage für den jungen Geistlichen verstrichen; die Sorge um den kranken Freund verdrängte jeden anderen Gedanken, verfolgte ihn bis ins Gotteshaus, bis in die Ausübung seiner teuersten Berufspflichten. Am heiligen Christtag hatte er sanfter als sonst gepredigt; und als er von der Liebe und den Leiden des Gottessohnes sprach und seine Gläubigen daran erinnerte, sie möchten dem Heiland zuliebe gut gegen ihre Nebenmenschen sein, möchten sein Gebot: ›Liebet Euch untereinander‹ treu befolgen, denn die Menschen stürben, und wenn wir jemand Teuren verloren und ihn, solange er lebte, gekränkt hätten, käme alle Reue zu spät, und wir möchten die Erde aufscharren, um den Dahingeschiedenen nur noch einmal zu sehen, ihm ein Liebeswort, ein Wort der Reue zu sagen, ... da zitterte die Stimme des jungen Predigers und in seinen Augen schimmerte ein feuchter Glanz. Er dachte an den Freund.