»Dann erlaube, daß ich Dir die Kleider ablegen helfe.«
»Du hast das schon einmal getan,« sagte Harteck, während Joachim ihm die Kleider vom Leibe zog. »Weißt Du es noch? In der Nacht war es, die meinem Scheiden von hier voranging ... Du mußt viel Geduld mit mir haben.«
»Du Narr!« sagte Juchei mit erzwungener Heiterkeit. »Hast Du die Zeit vergessen, wo ich krank war und Du mich pflegtest? Jetzt ist die Reihe an mir, ... ich vergelte nur gleiches mit gleichem.«
»Gute Nacht,« sagte Harteck und drückte seine Hand. Joachim machte das Zeichen des Kreuzes über ihn und schlich dann auf den Fußspitzen hinaus, um Auftrag zu geben, daß Eis geholt werden möchte.
Siebzehntes Kapitel
Der Dekan fühlte sich von einer schweren Last befreit, als er bei seiner Rückkunft von Salzburg vernahm, daß die beiden Priester St. Jakob schon verlassen hätten. Er schrieb unverzüglich an Harteck, daß dessen Wunsch nach Versetzung entsprochen worden wäre, und bezeichnete ihm den Ort, den man zu seinem künftigen Aufenthalt bestimmt hatte. Er könne, teilte er dem Priester ferner mit, die Reise in vierzehn Tagen schon antreten; der Ort wäre seines südlich milden Klimas wegen bekannt und berühmt und er, der Dekan, hoffe zuversichtlich, daß Harteck dort genesen würde. Schließlich ersuchte er ihn noch, ihm dann und wann über sein Befinden Nachricht zu geben und sendete ihm herzliche Grüße und Wünsche für sein Wohlergehen. Die Antwort auf diesen Brief langte umgehend ein. Joachim hatte sie geschrieben. Im Namen des Freundes dankte er dem Dekan für dessen erfolgreiche Bemühungen, doch müsse er ihm zu seinem großen Schmerze mitteilen, daß Hartecks Zustand sich derartig verschlimmert hätte, daß an eine Abreise vorläufig nicht gedacht werden könne. Sobald eine Wendung zum Besseren eingetreten sein würde, wolle er den Dekan davon in Kenntnis setzen. – Aber die Tage verstrichen und die Nachricht von der »Wendung zum Besseren« traf nicht ein. Der Dekan entschloß sich endlich, noch einmal zu schreiben und anzufragen, was es denn gebe, ob die Abreise nicht bald stattfinden werde? Der Brief blieb unbeantwortet. »In Gottes Namen!« dachte der Dekan. »Ich habe getan, was in meiner Macht lag, ... alles andere geht mich nichts an.« Trotzdem vermochte er eine gewisse nervöse Unruhe nicht abzuschütteln. »Ich würde viel darum geben, wenn wir diesen Mann hier gelassen hätten,« sagte er einmal zu dem jungen Pater. »Er verfolgt mich Tag und Nacht ... Wenn er nur von dem verwünschten Keßten fortkommen könnte!«
Der Mönch nickte stumm.
»Weiß man in St. Jakob, daß er so krank ist?« fragte der Dekan.
»Ja,« sprach der Mönch, das Gesicht abwendend. »Unsere Leute haben es erzählt ...«
Er dachte dabei an eine, der er heute auf der Straße begegnet war. Warum konnte er dieses Bild nicht loswerden? Ein Jahr war es her, ... damals traf er zwei Menschen ins Herz, – nicht aus Böswilligkeit, sondern aus schlecht verstandenem Eifer. Warum ließ ihm das jetzt keine Ruhe? Wie sie an ihm vorüberging, gleich einer Nachtwandlerin, die großen Augen starr ins Leere geheftet, im abgemagerten Antlitz namenlose Pein ... O! wie dies Bild ihn verfolgte! Er hatte sie gegrüßt, sie aber war an ihm vorbeigeglitten mit scheuem, hastigem Gang, ohne ihn, ohne irgend etwas zu sehen ... Wie quälte ihn in der Erinnerung das harte Wort, das er damals über sie gesprochen, in jener unglückseligen Neujahrsnacht: »Jetzt ist sie nicht mehr unbescholten ...« Ein hartes, hartes Wort, das ihm jetzt auf der Seele brannte. »Wer ohne Sünde, der werfe den ersten Stein auf sie!« Er aber hatte den ersten Stein geworfen, rasch, unbesonnen und mitleidlos ... O! hätte er es nicht getan!