»Hänge dem nicht so nach,« sagte er leise.

»Gott hat es gut mit mir gemeint,« fuhr Harteck mit bewegter Stimme fort. »Ich hätte ein glücklicher Mensch werden können, ... ich bin ehrlich und fleißig und besitze die Gabe Liebe zu erwecken, ... ich hätte eine mir zusagende Beschäftigung erwählen, mir einen Herd gründen können, ... aber meine Mutter, meine eigene Mutter! Sie weiß nicht, was sie an mir getan hat und darum will ich ihr vergeben, ... obwohl ...« Er hielt inne und seufzte schwer. »Am Rande des Grabes ist es wohl erlaubt, die Maske abzuwerfen ... Den ärmsten Knecht habe ich oft um seine harte Arbeit beneidet ... Wenn er sich den ganzen Tag redlich abgemüht hat, sieht er am Abend das Ergebnis seiner Plage, ... er weiß, weshalb er arbeitet, ... aber ich ... Alles, was ich tat, war Grimasse, ... mein Herz wußte nichts davon. Oft erfaßten mich Ekel und Abscheu, wenn ich von weitem die bloße Turmspitze einer Kirche sah ...«

»Georg,« fiel Joachim ihm ins Wort. »Was hat der priesterliche Stand Dir getan, daß Du ihn so sehr herabsetzest?«

»Nichts ... Verstehe mich nicht falsch, lieber Juchei, ... ich achte den Stand, aber ich, ich tauge nicht zum Geistlichen. Gott weiß es, ... ich wäre ein guter Christ und, noch mehr, ein eifriger Katholik geblieben, ... aber der Welt hätten sie mich lassen sollen; mein ganzes Herz drängte zurück nach der Welt und ihren Freuden, ... nach dem Familienleben, nach Gatten- und Vaterglück, das dem katholischen Priester so grausam verwehrt ist ...«

»Da rüttelst Du an einer der Grundsäulen unserer Kirche,« sagte Joachim. »Das Gesetz, das der große Gregor angestrebt und der noch größere Innocenz durchgesetzt hat, ist ja eine der Hauptstützen des katholischen Klerus. Vielen mag es ungeheuerlich erscheinen, viele mögen darunter leiden, ... aber daran darf die Kirche sich nicht kehren. Familienidyllen kann sie nicht brauchen. Der Mann, der für Frau und Kinder zu sorgen hat, wird immer in erster Linie an die Seinen denken, und die Kirche duldet keinen Rivalen neben sich. Einsam muß der Priester im Leben dastehen, wenn er der Kirche mit allen seinen Kräften dienen will, – die Kirche muß sein erstes, sein letztes sein, und darum darf der Zölibat erst mit der Kirche selber fallen, was Gott verhüten wird.«

»Du hast ja recht, tausendmal recht, Juchei, Du sprichst als katholischer Priester, ... aber ein solcher bin ich niemals gewesen, trotzdem ich die Tonsur trage. Ich verlange nicht, daß meiner nichtigen Persönlichkeit halber der Zölibat hätte aufgehoben werden sollen, ... ich wiederhole bloß, daß ich nicht zu Euch gehörte. Das war mein Unglück. Der Stand hat nicht mich, – ich habe den Stand belogen, indem ich mich einschlich ins Priestertum, ohne daß mein Herz mir dazu riet. Ich bin auch stets ein Eindringling geblieben, ... habe unsicher umhergetappt, ohne das Richtige zu finden, ... habe weder zu tadeln noch eine Meinung zu fassen gewagt, ... und wenn ich unter eine Schar von Schurken geraten wäre, ich hätte geschwiegen zu allem und jedem: der Betrüger war ja ich, ... ich hatte kein Recht mich zu beschweren; dies Recht steht nur dem Betrogenen zu. Teilweise aus diesem Grund habe ich auch ausgeharrt: ich durfte nicht austreten und einen Skandal wachrufen, der dem ganzen Stand geschadet hätte, ... ich hatte mich genug versündigt an dem Kleide, das ich trug, ohne ein Recht darauf zu haben. Das habe ich auch stets wie eine Kette mit mir herumgeschleppt, ... welche Mühe ich mir auch gab, meine Pflichten zu erfüllen, ... ich strauchelte immer wieder über die Kette und nannte mich selbst einen Heuchler, ... und alle haben stets gemerkt, wie es um mich stand. Und darum gehe ich auch zugrunde. Ein vortrefflicher Priester bin ich gewesen,« schloß er mit einem halb bitteren, halb wehmütigen Lächeln. »Anstatt vor dem Altar Kniebeugungen zu machen, wäre ich immer lieber zu den Füßen eines schönen Weibes gelegen ... Doch jetzt ist alles vorüber, – so oder so. Nun heißt es hinuntersteigen in das kalte Grab, – und damit ist die Komödie zu Ende.«

Seit manchem Tag schon hatte er nicht so viel auf einmal gesprochen. Joachim, der ihn verloren wußte, hatte es aufgegeben, ihn mit jenen allen Kranken lästigen Einwürfen wie: »Sprich nicht so viel! Tu das nicht, schone Dich!« zu quälen, mit jenen Ermahnungen, die den armen Kranken, der sein Leiden vielleicht augenblicklich halb und halb vergaß, rücksichtslos daran erinnern. Er stand neben dem Freunde und dieser streichelte sanft die Hand des jungen Geistlichen.

»Mein braver, wackerer Priester!« sagte Georg leise; seine Stimme klang überhaupt wie zerrissen. »Wirst Du es mir nicht nachtragen, Juchei, daß Du mit mir so wenig Ehre eingelegt hast?«

»Wie kannst Du so sprechen, Lieber! Beklagen muß ich es um Deinetwegen, ... mir warst Du ein treuer Freund und mehr verlange ich nicht.«

»Ich bin stolz auf Dich, ... Du wirst es weit bringen, wirst Deinem Stande Ehre machen, ... nicht so wie ich ...« Er brach mit einem Seufzer ab. Nach einer Weile fragte er: »Hast Du nichts vergessen von dem, was zu besorgen ich Dir aufgetragen habe, falls ich ...«