Am Nachmittag vor dem Tage des Begräbnisses, das, wie es auf dem Lande Sitte ist, frühmorgens stattfinden sollte, saß Joachim in der Wohnstube am Tische und ordnete die Briefe und Papiere, die der Verstorbene hinterlassen hatte. Im Nebenzimmer, wo die Leiche aufgebahrt lag, herrschte beständiges Geräusch; Menschen kamen und gingen, flüsterten und beteten, – Joachim warf mehr als einmal einen unruhigen Blick auf die geschlossene Tür. Ihm war, als ob alle diese neugierigen und teilnahmvollen Gaffer den Schlaf des Freundes stören müßten, und er würde es als eine Wohltat empfunden haben, wenn er den Brauch des Leichenanschauens für dieses Mal wenigstens hätte abschaffen können. Am ersten Tag hatte er die Leute ferngehalten. Er selbst war es gewesen, der dem Freunde die letzten Liebesdienste erwiesen, ihn angekleidet und in den Sarg gelegt, ihm ein Kruzifix in die Hände gegeben und die Kerzen um den Sarg herum angezündet hatte ... Entweihung würde es ihm geschienen haben, wenn andere Hände als die seinen den toten Freund berührt hätten. Das Sterbezimmer hatte außer ihm kein Mensch betreten dürfen. Er wollte den Freund ganz allein für sich haben, allein und ungesehen von ihm Abschied nehmen, und die Wirtschafterin hatte strengen Auftrag gehabt, jeden Zudringlichen abzuweisen. Doch heute war das nicht mehr möglich. Er mußte sich dem allgemeinen Brauche fügen, den Freund den Blicken aller, die da kamen, aussetzen lassen und das fiel ihm unsäglich schwer. Auch Teilnehmer an der morgigen Bestattung hatten sich schon eingefunden: Geistliche aus der Nachbarschaft und andere Leute, die Harteck gekannt hatten; ein Mönch war gekommen, der bis zum Eintreffen eines Nachfolgers die Seelsorge bestellen sollte. Alle diese gleichgültigen Menschen empfangen, mit ihnen sprechen, ihre müßigen Fragen: wie der Tote gestorben, ob er viel gelitten, wie lang er krank gewesen, – das alles anhören und beantworten müssen, – das war viel verlangt von einem tödlich verwundeten Herzen, wie es das seine war. Er hatte außerdem allerhand zu tun: Anstalten für das Begräbnis zu treffen, die nötigen Einladungen hierzu ergehen zu lassen, den Dekan und die Familie des Dahingeschiedenen von dem Vorfall in Kenntnis zu setzen, nach Salzburg zu schreiben, daß ein Nachfolger bestimmt werden möchte, die Partezettel drucken zu lassen und zu versenden, – alle diese unerläßlichen Dinge, die in den Stunden des ersten Schmerzes getan werden müssen und dem Trauernden kaum Zeit gönnen, sich auszuweinen: das alles wird besorgt im frischesten Schmerze, in der lebhaften Erinnerung an Krankheit, Todeskampf und die letzten Augenblicke des geliebten Dahingeschiedenen ... »Und dennoch,« hatte Joachim sich dabei sagen müssen, »ist auch diese traurige Notwendigkeit von Nutzen. Betäubt sie doch das erste Weh, lenkt die Gedanken gewaltsam ab von dem einen ... Wenn er in der Erde ruhen wird, können die Tränen ungehindert fließen. Die Zeit zur schrankenlosen Trauer wird früh genug kommen.«
Gewissenhaft hatte Joachim alle diese Pflichten erfüllt; nun schickte er sich an, den letzten Wünschen des Freundes gerecht zu werden. Georg hatte ihn gebeten, alle Briefe, die er vorfinden würde, zu verbrennen, und Juchei warf sie, ohne ihren Inhalt zu prüfen, in den Ofen. Es waren Briefe von der Familie und Bekannten des Verstorbenen, – jetzt wert- und inhaltlos, da derjenige tot, an den sie gerichtet gewesen. Als Joachim auf mehrere Photographien stieß, zögerte er einige Augenblicke ... Sollte er auch diese vernichten? Es waren die Photographien von Georgs Anverwandten; ferner eine Photographie Jucheis, die dieser dem Freunde gegeben, als sie voneinander schieden, und endlich die Photographie der armen Kathei. »Er hat sie lieb gehabt und mein Bild hielt er in Händen,« dachte Juchei. »Mögen diese beiden denn verschont bleiben.« Er verwahrte sie an der Brust, die drei andern aber schleuderte er mit einer fast zornigen Gebärde in das Feuer. »Brennt zu!« murmelte er zwischen den Zähnen. »Ihr seid des Aufbewahrtwerdens nicht wert.« Er blätterte weiter in den Papieren und fand eine Anzahl unvollendeter Briefe vor; sie waren von Georgs Hand geschrieben, ohne Datum. Für wen waren sie bestimmt gewesen? Ohne Mühe erriet er's. Sie enthielten größtenteils nur einige Worte und ihr Inhalt war der gleiche, wenn auch die Worte verschieden lauteten. Aus jedem klang der sehnsuchtsvolle Ruf: »Komm! Komm zu mir!« ... Was mochte in dem Herzen des Mannes vorgegangen sein, als er die Worte schrieb? Die Briefe waren nicht vollendet, nicht abgeschickt worden, ... sie lagen da, das beredte Zeugnis der Schlacht, die Pflicht und Leidenschaft in der Brust des nun Stillen geschlagen hatten. Joachim blickte starr auf sie herab. Wenn er sie dem Mädchen brächte? ... »Würdest Du damit einverstanden sein, Georg? Soll ich diese kostbaren letzten Erinnerungen zerstören oder sie derjenigen geben, der sie zugedacht waren? Sprich nur ein Wort, gib mir ein Zeichen, auf daß ich das Rechte finde!« ... In schwerem Kampfe stand Juchei da; dann aber besann er sich. Der Freund hatte ihm aufgetragen, alle Briefe zu verbrennen; er hatte wohl auch diese Zeugen seiner Schwäche ins Grab mitnehmen wollen. »Sein Wille vor allem!« dachte Juchei. »Ihr aber will ich sagen – Oder nein. Ich werde ihr nichts davon sagen. Er hat darüber geschwiegen, folglich wollte er, daß sie nichts davon höre, ... und was für ein Trost wäre es auch für sie, zu wissen, daß er sich so sehr nach ihr gesehnt und sie doch nicht gerufen hat? Dieser traurige Herzenskampf soll ihr verborgen bleiben. Hat er mich doch in seinen letzten Lebensstunden mit aufgehobenen Händen beschworen, ihr niemals zu sagen, wie sehr er gelitten hat, ... er wollte sie schonen, ... fort mit euch!« Seine Hände zitterten, als er die Briefe in das Feuer steckte; in kauernder Stellung verblieb er vor dem Ofen und starrte in die Flammen, die die Papiere beleckten und verzehrten. Damit war diese Arbeit abgetan. Auf dem Tische lagen noch einige Schriften: Georgs Taufschein, seine Schulzeugnisse und endlich das Dekret, das seine Priesterernennung bestätigte. Diese Papiere band Juchei zusammen und legte sie in die Lade. Dann sank er auf einen Stuhl, stützte den Arm auf den Tisch, die Stirn auf die Hand und verharrte lange Zeit in dieser Stellung. Das Öffnen der Tür erweckte ihn aus seiner Versunkenheit, – er fuhr in die Höhe.
»Was gibt es?« fragte er und strich sich das Haar aus der Stirn. Er sah die Wirtschafterin im Zimmer stehen.
»Die Frau Schwester vom Herrn Vikar ist da,« sagte die Frau und brach in Tränen aus, wie es nun einmal ihre Gewohnheit war.
»So! Schön,« sagte Juchei mechanisch. »Sie soll nur hereinkommen.«
Sie trat nach wenigen Momenten ein, ganz in Schwarz gekleidet, ihren sauber frisierten, ebenfalls in Schwarz gekleideten Knaben an der Hand. Sie sah blaß, aber ruhig aus; ihre Augen zeigten nicht die Spur einer Träne. Wer hier der wahrhaft Trauernde – ob die Schwester oder der Freund –, darüber konnte wohl niemand im Zweifel sein. Joachim bot das jammervolle Bild aller jener, die einen teuren Menschen in seiner letzten Krankheit bis zum Ende gepflegt haben. Die letzten schrecklichen Wochen, Tage und Stunden spiegeln sich wider in den verhärmten Zügen, den verschwollenen Lidern, den geröteten Augen, ... sogar in der vernachlässigten Kleidung. Des jungen Priesters Gesicht und Haltung erzählten von durchwachten Nächten und hinabgewürgten Tränen, und man brauchte ihn bloß anzusehen, um zu erraten, was alles er durchgemacht hatte in der letzten Zeit. Der Schwester sah man nichts an.
Sie begrüßte ihn mit Anstand und reichte ihm die fein gantierte Hand. Die junge Frau war sorgfältig gekleidet und frisiert. Ihr gewöhnlich spöttisch-lächelndes Gesicht hatte einen der Gelegenheit angemessenen ernsten Ausdruck angenommen. Sie hatte ihrem Söhnlein zugeflüstert, den Hut abzunehmen und nun befahl sie dem Knaben, zu grüßen. Der Kleine gehorchte. Sein hübsches, altkluges Gesicht verriet Neugier, er blickte in der Stube umher und fragte leise: »Mutter, wo ist der Onkel?«
»Sei still,« sagte Anna. »Die Mutter hat mich nicht begleitet,« sagte sie zu Perkow gewendet. »Sie ist kränklich und schwerfällig und ich drang darauf, daß sie allen diesen Aufregungen fernbleibe ... Sie ist ohnehin ganz desperat und wird ihren Sohn nicht lang überleben, fürchte ich, ... ihr Geist ist wie gestört ... Wer hätte das auch ahnen können! Als der Bruder uns im Frühjahr besuchte, war er noch ganz gesund.«
Sie machte ein Pause. Die sorgfältig gekleidete junge Dame, die so ruhig und zusammenhängend sprach; der neugierige, wohlerzogene Knabe, – sie waren Blut von Georgs Blut. Juchei konnte es kaum glauben.
Anna, der sein Schweigen unbequem war und die in seinen Mienen las, daß sie keinen günstigen Eindruck auf ihn machte, fuhr mit einiger Hast zu sprechen fort: »Ich wäre früher gekommen, wenn Sie mir nicht geschrieben hätten, daß der Bruder mein Fernbleiben wünsche. Der arme Georg war immer ein wenig eigensinnig. Es tut mir wirklich leid, daß Sie alle die Plage allein gehabt haben.«