»Plage!« wiederholte Perkow mit so markiertem Hohn, daß Anna nicht umhin konnte zu fühlen, sie hätte abermals ein falsches Wort gewählt. Ein leises Rot färbte ihre Wangen.

»Wo liegt der Bruder?« fragte sie und zog ihr Taschentuch hervor.

»Nebenan,« antwortete Juchei und wies auf die Tür.

Anna führte das Taschentuch an den Mund und begab sich, also vorbereitet, in das Totenzimmer. Mit Verachtung blickte Perkow ihr nach ...

Beim Anblick des Toten fing Anna zu weinen an. Der Knabe, noch zu jung, um zu verstehen, was der Tod bedeute, starrte die Leiche und die umstehenden fremden Menschen mit halb erschrockenen Augen an. Dem Beispiel der Mutter folgend, hatte auch er sein kleines Taschentuch hervorgeholt und an die Lippen gebracht. Er bemühte sich auch redlich zu weinen wie sie, doch das wollte ihm nicht gelingen. Er flüsterte bloß: »Wie schlecht es hier riecht, Mutter!«

»Schweig,« herrschte diese ihn mit unterdrückter Stimme an, trat an den Sarg heran und blickte in das Gesicht des Toten. Ihn zu küssen, vermochte sie nicht. Nicht jener Scheu wegen, die Leichen einflößen, ... etwas anderes war es, das sie davor zurückhielt; etwas Geheimes, Uneingestandenes, das sie quälte, seit ihr die Kunde seines Todes zugekommen. Jetzt sprach es laut und lauter, und wie sehr sie sich auch bemühte, die lästige Stimme zum Schweigen zu bringen; wie eindringlich sie sich auch vorsagte, daß es nun doch zu spät wäre, daß Vorwürfe nichts mehr nützten, ... die Stimme redete fort und flüsterte ihr zu, daß sie nicht schwesterlich an dem Toten gehandelt, daß sie und die Mutter sein weiches Herz mißbraucht hätten, daß er glücklicher hätte werden können, wenn sie und die Mutter nicht eingegriffen hätten in sein Schicksal. Diese Selbstvorwürfe waren ihr unangenehm; sie verabscheute alles, was ihre heitere Ruhe störte. Ihre Tränen versiegten und kalten Blickes starrte sie in das Antlitz des Toten, auf den schwarzen Talar, in den Juchei ihn gekleidet, auf das Kreuz in seinen Händen, auf das schwarze Barett, das ihm zu Häupten lag ... Warum hatte er nachgegeben? Sie würde sich, der Mutter zuliebe, nicht geopfert haben ...

Perkow trat in das Zimmer und gebot den Leuten in gedämpftem Tone hinauszugehen. Sie grüßten schweigend und entfernten sich.

Der junge Geistliche näherte sich dem Sarge und sah den Toten an.

»Er ist arg verändert,« sagte Anna leise.

»Ja. So hart und fremd sieht er aus, wie mein Georg niemals gewesen ist.« Seine Stimme bebte, und mit sanfter Hand richtete er an den Kleidern des Toten, glättete das Kissen unter seinem Haupt und streichelte sein Haar. Der Blick des jungen Priesters hing dabei so liebevoll an dem starren Gesicht des Freundes, wie etwa eine Mutter ihr totes Kind betrachten würde. »Und doch,« fuhr er fort, »sieht man selbst jetzt noch, wie schön er war, ... das Profil wie rein und edel ... O Georg!« Er neigte sich auf ihn herab und legte die Stirn auf die kalten Hände.