»O nein,« antwortete Juchei. »Ich habe schon Abschied von ihm genommen, heute nacht, als wir allein waren ... Lassen Sie den Sarg schließen.«
Das war bald geschehen. Vier Männer luden die Bahre auf die Schultern; die Anwesenden ordneten sich und folgten dem vorangetragenen Sarge. Die Glocken begannen zu läuten. So hatten sie auch geläutet, als Georg einzog in das Dorf; damals hatten sie ihn willkommen geheißen und heute riefen sie ihm die letzten Grüße zu.
Nach einer Stunde war alles vorüber. Georg ruhte im Grabe, unter derselben Scholle, auf der Paula gekniet hatte, als sie das Grab seines Vorgängers betrachtete. Die Wohnung war jetzt nicht mehr leer.
Achtzehntes Kapitel
Der Dekan hatte das Telegramm, Hartecks Ableben meldend, richtig erhalten und war im ersten Augenblick, obschon die Nachricht nicht unerwartet kam, so bestürzt darüber, daß er nicht wußte, was er mit der fatalen Neuigkeit anfangen sollte. Er hatte das Gefühl, als ob er die Kunde solang wie möglich geheim halten müßte, hätte aber nicht recht erklären können, warum er so dachte. Dann drückte ihn das Geheimnis wieder in so hohem Grade, daß er seine Nichte aufsuchte und ihr unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraute, was geschehen war.
Das sonst so erregbare Fräulein nahm die Mitteilung mit großer Fassung entgegen.
»Es war vorauszusehen,« bemerkte sie ruhig, »wir alle sind sterblich, und ich begreife nicht, lieber Onkel, wie diese Nachricht Dich so sehr erschüttern kann ... Bist Du denn für das Leben oder Sterben dieses Herrn verantwortlich?«
»Du hast recht,« sagte der Dekan sichtlich erleichtert, und Aurelie, froh etwas zu wissen, was noch nicht aller Welt bekannt war, und hauptsächlich begierig, daß die Nachricht sobald wie möglich zu den Ohren der ihr antipathischen Paula Reinberg gelange, beeilte sich auf die Straße zu gehen und wartete ungeduldig, bis irgend jemand käme, den sie mit dieser Mission betrauen könnte. Zufällig führte den jungen Schullehrer sein Weg am Pfarrhof vorüber; und Aurelie, die wußte, daß der junge Mann kein Freund des Verstorbenen gewesen, redete den Lehrer an und teilte ihm ohne Einleitung die Todeskunde mit. Ihre Worte erzielten jedoch keineswegs die gewünschte Wirkung. Fritz Stettner erblaßte, starrte sie an und machte sich, ohne die Lippen geöffnet zu haben, eiligst davon. Was half ihm des Mannes Tod? Er war nicht rachesüchtig, nicht schadenfroh, wenigstens nicht bis zu dem Grade, um jemandem ernstlich Übles zu wollen. Und Paula war ja doch für ihn verloren. Wie einstens der Lebende, würde jetzt der Tote zwischen ihr und ihm stehen ... Und selbst wenn Paula den Priester niemals kennen gelernt hätte, ... ihn würde sie trotzdem nicht geliebt haben. Lang bevor Harteck kam, hatte er um ihre Liebe geworben und sein Werben war ein vergebliches gewesen. Während des letzten Jahres hatte er, Hartecks wegen, viel gelitten; in früherer, besserer Zeit hatte er immer noch gehofft, – mit Hartecks Kommen hatte das aufgehört. Er hoffte längst nicht mehr; aber er liebte auch nicht mehr. Das Mädchen, zu dem er aufgeblickt wie zu einem hehren Götterbild, war zu einem recht menschlich schwachen Geschöpf herabgesunken. Er sah sie ganz erfüllt von einem Manne, den zu lieben ihr nicht erlaubt war, sah sie ihre heiligsten Pflichten vernachlässigen und allem, was nicht jener Mann war, kalt, trotzig und teilnahmlos gegenüberstehen. Ihr Haupt beugte sich nicht vor dem richtenden Urteil der Welt, unumwunden zeigte sie, daß ihr an allem blutwenig gelegen war, daß sie die Menschen und ihren Richtspruch verachtete und mit ihnen auch seine treue und reine Liebe, und das brachte den jungen Mann allmählich zur Besinnung. Der Heilung war freilich ein schwerer Kampf vorangegangen; endlich aber war sie doch erfolgt. Was er heute für Paula empfand, hätte er selber nicht recht zu sagen vermocht. Eines jedoch war ihm klar: wenn sie ihn jetzt geliebt hätte, würde er sie verworfen haben. Er wollte nicht vorlieb nehmen mit dem, was ein anderer ihm gnädig zurückließ, wo er so ganz, so tief sich hingegeben hatte. Paula flößte ihm heißes Mitleid ein, obschon es mit der hohen Achtung, die er einstens für sie gehegt hatte, vorüber war. Nur mit Widerstreben würde er ihr weh getan haben, ... da er nicht mehr liebte, konnte er verzeihen. Er seufzte, als er jetzt durch das Dorf schritt und das Haus Paulas erreichte. Unwillkürlich stand er da still. Wußte sie schon ...? Er spähete zu den Fenstern empor und sah die kleine Toni hinter einem derselben stehen. Sein braunköpfiger Liebling von ehemals ... Wie schnöde hatte ihn das Kind stets behandelt! Und er hatte alles ertragen, Paula zuliebe, ... ja, mehr noch, er hatte das undankbare Kind wirklich lieb gehabt ... O dieses Haus, die Fenster, der Garten, ... hier war seine Welt gewesen, all sein Glück und Schmerz. Jetzt lag Schnee auf dem Dach und den Bäumen, und auch in sein Herz war der Winter gezogen. Es ist doch etwas unsagbar Trauriges um eine untergegangene Liebe ...
Noch immer sah er traumverloren zu Toni empor, und da auch sie den Blick auf ihn gerichtet hielt, winkte er ihr mit der Hand, zu ihm herab zu kommen. Die Kleine schüttelte zuerst den Kopf, dann aber mochte die Neugier die Oberhand gewinnen; sie verschwand vom Fenster und nach Ablauf einer Minute stand sie neben dem Lehrer. Sie hatte ein Tuch um Kopf und Hals gewickelt und ihre Händchen steckten in einem Muffe. Ihr rotwangiges Gesicht und ihre großen braunen Augen schauten fragend zu dem Manne empor.
»Prr! Es ist kalt,« sagte sie, hin- und hertrippelnd. »Weshalb haben Sie mich gerufen, ... bei dieser Kälte?«