»Ich habe Dir etwas zu sagen,« antwortete er ernst.

Sie begann zu fühlen, daß es mit ihrer Macht über ihn zu Ende war; so fremd und kühl hatte er sonst nicht gesprochen. Ihr Köpfchen beugte sich und, ohne ihn anzusehen, fragte sie mit leiser Stimme: »Was denn?«

»Sag Deinen Leuten, daß der Vikar Harteck gestorben ist,« versetzte er.

»O!« rief sie und wurde purpurrot. »Das ist nicht wahr!«

»Du ungezogenes Kind!« entgegnete er. »Ich werde doch nicht lügen.«

»Ja, ... aber ...« Sie brach in Tränen aus. »Ich will nicht, daß er tot ist ... Paula! Paula!« rief sie dann sehr laut, kehrte blitzschnell um und rannte in das Haus hinein.

Horchend blieb der Lehrer stehen.

»Paula! Paula!« hörte er die verhallende Stimme der Kleinen rufen. Das Herz wurde ihm plötzlich sehr schwer ... Im Hause herrschte Grabesstille. Kein Seufzer, kein Schluchzen, kein Aufschrei drang an sein lauschendes Ohr. Ein Rest der alten Liebe lebte noch einmal in ihm auf ... Sollte er hineingehen und Paula zu trösten versuchen? Ihm bangte vor dieser Lautlosigkeit ... Schon tat er einen Schritt nach der Schwelle hin. Da aber war ihm, als zöge eine unsichtbare Hand ihn zurück. Paula würde ihn ja doch von sich weisen, wie sie es immer getan hatte ... Nein! Sie wollte nichts von ihm, wollte allein sein, – mochte sie's denn allein tragen. Und rasch entschlossen ging er nach Hause. –

Der Geschäftigkeit Aureliens war es mittlerweile gelungen, das gesamte Hausgesinde von dem Geschehenen in Kenntnis zu setzen; wie ein Lauffeuer ging die Nachricht durch das Dorf; indessen regten sich die indolenten Bauern wenig darüber auf. Einer erzählte es dem anderen und dieser sagte: »So!« und »Ah!« und teilte es einem dritten mit und auf diese Weise ging es fort. Der Dekan, der absichtlich einen Gang durch das Dorf unternahm, um die Stimmung der Leute zu prüfen, fand, daß niemand daran dachte, irgendeinen Vorwurf wider ihn zu erheben und daß sich unter den Bewohnern, außer einer gewissen flauen Teilnahme, die die Todeskunde eines schon halb Vergessenen gewöhnlich hervorzurufen pflegt, nichts bemerkbar machte, und er wunderte sich jetzt über sich selbst, daß er etwas anderes hatte voraussetzen können.

Eine lebhaftere Bewegung hingegen entstand, als die Rückkunft Perkows bekannt wurde. Um Zeit zu sparen, hatte Joachim den mühsamen Weg über den Berg zurückgelegt und langte mittels der Eisenbahn in St. Jakob an. Auf dem Bahnhof hatten sich außer dem Dekan, dem jungen Mönch und Aurelien noch viele andere Leute eingefunden, und als sie den jungen Priester, den Hund Hartecks am Halsbande führend, nach dem Perron schreiten sahen, entblößten alle die Köpfe, und ehrerbietiges Schweigen herrschte ringsum.