»Seit zwei Jahren. Als ich ihn bekam, war er erst sechs Wochen alt und nicht größer als ein Schoßhündchen.«

»Ach, wie lieb muß er damals gewesen sein!« sagte Fräulein Aurelie mit mehr Rührung in der Miene, als die Situation erheischte. »Ist er brav und folgsam?«

»Er hat alle guten Eigenschaften, die man von einem Hunde fordern darf.«

»Wenn er sich nur an mich gewöhnte! Dann könnte er mich manchmal auf meinen einsamen Spaziergängen begleiten. Es ist so traurig, ja, man möchte sagen, ängstlich für eine junge Dame, allein spazieren zu gehen.«

Harteck blickte sie an. Sollte das eine Aufforderung sein? Erwartete das Fräulein, daß er sich zu ihrem Begleiter auf ihren »einsamen Spaziergängen« anbieten würde?

»Hier in Tirol können Sie sich wohl vollkommen sicher fühlen,« sagte er. »In Wien und dessen Umgebungen mag es wohl vorkommen, daß Damen Belästigungen aller Art ausgesetzt sind, ... aber bei uns ist das nicht der Fall. Doch wenn Sie meinem Hunde die Ehre erweisen wollen, sich mit ihm abzugeben, steht er natürlich jederzeit zu Ihrer Verfügung.«

Sie schien von dieser Antwort nicht befriedigt, denn sie schwieg und ihr Gesicht nahm einen geschraubten Ausdruck an; der junge Priester benützte die Pause, um sich zurückzuziehen und ging nach einem im höflichsten Tone gesprochenen: »Auf baldiges Wiedersehen, gnädiges Fräulein!« aus dem Zimmer.

Aurelie setzte sich mit verdrießlicher und enttäuschter Miene an den Speisetisch. Sie gefiel jenem Herrn nicht und er – hatte ihr gefallen. (Jetzt war das natürlich vorbei.) Es war doch recht langweilig in diesem Neste! Nichts als Bauern und – Geistliche, ... denn mit den übrigen Honoratioren des Ortes durfte sie nicht verkehren. Sie langweilte sich bereits und war doch erst seit drei Wochen hier und sollte den ganzen Sommer und Herbst über hier bleiben ... Eine verlockende Aussicht. Daheim war es freilich auch just nicht zum Besten bestellt. Der Herr Hofrat nahm zwar eine geachtete Stellung in der Gesellschaft ein, aber der Herr Hofrat hatte kein Vermögen und eine zahlreiche Familie. Wenn ihre Mama, die Schwester des Dekans, am Leben geblieben wäre, würde sie, Aurelie von Gerstenbeck, anders dastehen. Aber die Mama war seit fünfzehn Jahren tot, der Herr Hofrat hatte sich zum zweiten Male verheiratet und seine Frau Gemahlin hatte ihn – Gott sei es geklagt! – mit fünf Kindern beschert. Ach, die Rangen! was für einen Lärm die machten und wieviel Geld sie kosteten! Alles ging für die Kinder auf, zu Mittag gab es immer nur Suppe, gesottenes Fleisch und Gemüse, ... kein Wunder, daß Aurelie stets so mager blieb! Auf das Land zu ziehen im Sommer, daran konnte ebenfalls nicht gedacht werden: man mußte sparen für die Kinder ... Papa war nicht mehr jung. Die Luft in Wien ist zur Sommerzeit sehr ungesund, und um ihrem schädlichen Einflusse zu entgehen, war Aurelie der Einladung des hochwürdigen Onkels gefolgt und hierher gekommen. Es gefiel ihr nicht übel im Dorfe, sie hatte sich auch schon zusehends erholt und sah viel besser aus, als bei ihrer Ankunft; kein Mensch würde glauben, daß sie bereits – dreißig Jahre zählte; höchstens fünfundzwanzig würde man ihr geben, ... mehr gewiß nicht. Und dieser neue Kooperator! Sie hatte sich auf sein Kommen gefreut, ... ein neuer Mensch ist immer eine Abwechslung. Seine Erscheinung hatte sie im ersten Momente beinahe aus der Fassung gebracht, ... so elegant und gentlemanlike hatte sie sich einen Dorfgeistlichen nun und nimmer vorgestellt. Sie fand nichts Strafwürdiges darin, wenn ein Priester sich sorgfältig kleidete und sich das lockige Haar nicht verschnitt, ... aber sie verlangte für diese Nachsicht auch, daß derjenige, dem sie zu teil wurde, sie gebührend zu schätzen wisse. Harteck jedoch hatte sie, Aurelie von Gerstenbeck, kaum angesehen, nicht einmal das Wort an sie gerichtet und es sehr eilig gehabt, fortzukommen, ... und sie hatte doch sehr freundlich mit ihm gesprochen, aus purer Höflichkeit von seinem Hunde geredet, wo sie in Wirklichkeit die Hunde nicht ausstehen konnte; wie ihresgleichen hatte sie den jungen Mann behandelt, sie, eine Hofratstochter, eine Wienerin, und obendrein die Nichte seines Vorgesetzten! »Es ist mir unbegreiflich!« dachte Aurelie, legte den Zeigefinger an den Mund und sog daran. »Ich sehe doch so interessant aus!«

Interessant? Das war Ansichtssache; hübsch einmal gewiß nicht. Fräulein Aurelie machte einen farblosen Eindruck; alles an ihr war so verblaßt, wie ein ausgewaschener Kleiderstoff. Die graubraunen glanzlosen Haare, die lichten Augen, das fahle spitze Gesichtchen, ... nichts stach ab, nichts hatte eine kräftige Farbe. Dazu kam noch die kleine magere Gestalt, die in dem dünnen Schlafrock schlotterte, die hastigen, nervösen Bewegungen, des Mädchens geziertes Wesen und eine eigentümliche gesuchte Unbeholfenheit in allem, was sie sagte oder tat ... Interessant? Armes Geschöpf! Sie wußte nicht, daß des Dekans Gesinde heimlich über sie lachte, wenn sie, das Gesicht mit poudre de riz überstäubt, in ihren Hakenschuhen und städtischen Kleidern, in Haus, Hof und Garten umherstolzte, die Leute bei der Arbeit störte, unnütze Fragen stellte, über Dinge urteilte, von denen sie nichts verstand, und die Mägde und Knechte glücklich zu machen glaubte, wenn sie ihnen im Vorübergehen ein paar herablassende Worte zurief, sie ihres Fleißes wegen belobte oder mit gnädigem, affektiertem Gruß auf ihren hohen Stiefelchen an ihnen vorbeitrippelte.

Viertes Kapitel