Willkommen hatte der Dekan ihn nicht geheißen und erwies sich auch in der Folge nicht als freundlich gesinnt wider ihn. Aber Georg Harteck hatte von seinen Vorgesetzten schon allerlei Übles erfahren und manches ertragen gelernt. Die Schule des Lebens hatte ihn gestählt und sein Grundsatz war, kein Bedauern mit sich selbst aufkommen zu lassen, denn er hatte das dunkle Gefühl, daß der Mensch, wenn er einmal anfängt, sich selbst zu bemitleiden, nicht wieder damit aufhören kann. Er bemühte sich denn, den Dekan, soweit es in seinen Kräften stand, zufrieden zu stellen, und wenn der Prinzipal ihn wegen irgend etwas tadelte, schwieg er, oder er versprach, die Sache in Zukunft anders zu machen. Die Dekanei war eine ergiebige Pfründe, verursachte aber auch viel Arbeit: nicht hinsichtlich der Seelsorge allein, sondern auch in wirtschaftlicher Beziehung; sie besaß reichliche Äcker, Wiesen und Vieh, über deren Erträgnisse genaue Rechnung geführt und die möglichst vorteilhaft verwendet werden mußten. Der Dekan hatte sich zum tüchtigen Landwirt herangebildet, wachte über alles, verstand alles und trieb allerlei Art von Handel. Er feilschte mit den Bauern um jede Kanne Milch, um jedes Kalb, um jeden Halm, wie ein echter Krämer. Dem jungen Kooperator mißfiel diese Habsucht in hohem Grade und er fing an zu begreifen, weshalb die Bauern ihren Seelenhirten nicht leiden mochten. Auch das Gesinde hatte keine guten Tage bei ihm; er forderte von den Leuten eisernen Fleiß und zahlte karge Löhnung dafür; niemals zufrieden mit dem, was die Knechte und Mägde taten, jammerte er beständig über die Trägheit, Gottlosigkeit und den Eigennutz der Menschen, und von den Bauern sprach er stets mit verbissener Unversöhnlichkeit. Seit Menschengedenken war in dem Dorfe niemand gestorben, der nicht der Kirche etwas vermacht hätte, und jeden Tag mußten sogenannte »gestiftete Seelenmessen« gelesen werden, für die ein kleines Kapital ausgesetzt worden war, von dessen Zinsen die Messe für die Seelenruhe des Verstorbenen, von dem die Stiftung ausging, bezahlt wurde. Aber auch darin erblickte der Dekan kein Zeichen von Frömmigkeit. »Ihr ganzes Leben verbringen diese Kerle in der Sünde,« sagte er, »vernachlässigen den Herrgott und seine Gebote, und auf dem Sterbebette packt sie die Furcht und sie meinen den lieben Gott dadurch zu versöhnen, wenn sie nach ihrem Tode Messen lesen lassen. Selbstsucht, Angst vor dem göttlichen Zorn ist's, ... nichts weiter.« Was aber würde der Herr Dekan erst gesagt haben, wenn ein reicher Bauer gestorben wäre, ohne der Kirche etwas zu hinterlassen? Aber das kommt in Tirol niemals oder doch sehr selten vor.

Weil der Dekan es so haben wollte, vermied Harteck einstweilen, mit den Leuten im Dorfe zu verkehren. Das kostete ihm auch kein schweres Opfer, denn er war es nachgerade müde geworden, immer wieder von vorne anzufangen. Kaum hatte er sich an einen Ort und dessen Bewohner gewöhnt, hieß es wieder wandern, alle lieb gewordenen Menschen und die vertraute Gegend verlassen und an fremdem Orte, unter fremden Menschen, ein neues Leben beginnen. Dreimal schon hatte er die Wehmut des Scheidens auskosten müssen, und er sagte sich, daß es für einen Priester vielleicht am besten wäre, sich niemandem anzuschließen, weil er niemals wissen könne, wie lange seines Bleibens an einem Orte sein würde. In seinen freien Stunden streifte er, von seinem Hunde begleitet, in Wald und Feld umher und freute sich der schönen Natur; oder er saß daheim, las, schrieb Briefe an seinen einzigen Freund, den jungen Geistlichen, dessen Krankenwärter er gewesen war und den er zärtlich liebte, oder er spielte Klavier, – oft bis spät in die Nacht hinein. Dieses Vergnügen war jedoch von keiner Dauer. Der Dekan beklagte sich eines Morgens darüber und sagte, daß ihn das Klavierspiel am Einschlafen hindere, und so mußte Harteck das Musizieren notgedrungen auf den Tag verlegen. Da war es freilich nicht so still wie in der Nacht, wo alles schlief; oft ließ der Geistliche es sein, weil im Hause gesägt, Holz gehackt und anderer Lärm verursacht wurde, was sein Spiel übertäubte.

Seine Wohnstube hatte er sich mehr nach seinem Geschmacke eingerichtet. Er hatte unnötige Schränke daraus entfernen lassen, und an deren Platz standen jetzt sein geliebtes Klavier, das Notenpult, sein Schreibtisch und Bücherschrank. Gleich Freunden schauten diese vertrauten Gegenstände ihn an; wie viele schöne, ruhige Stunden verdankte er dem Klavier und seinen Büchern! Aus seinen eigenen kargen Mitteln hatte er sich größtenteils klassische Dichterwerke angeschafft; die Bücher theologischen und religiösen Inhaltes waren Geschenke seiner Lehrer und Kollegen und seiner Mutter; von dieser stammten auch alle Gebet- und Erbauungsbücher her, die jetzt auf dem Betschemel lagen und in denen der junge Priester niemals las. Doch davon wußte die Geberin nichts und sollte auch niemals davon erfahren.

Die häßlichen Heiligenbilder hatte er ebenfalls von den Wänden genommen und sie durch andere, bessere ersetzt. Ein Christus am Kreuz von van Dyck, Delaroches Karfreitag, das auf dem Kreuze schlafende Jesukind von Reni, die sixtinische Madonna hingen, in guten Kupferstichen ausgeführt, nunmehr an den Wänden. Der Herr Dekan hatte zwar darüber gemurrt und gemeint, daß ein Heiligenbild niemals häßlich sein könne, weil die Idee, die es verkörpere, schön sei; der junge Priester aber hatte dieses Mal nicht nachgegeben und auf der Entfernung der Bilder beharrt, und weil die Kupferstiche ebenfalls nur religiöse Motive darstellten, hatte der Dekan sich beruhigt und den jungen Mann gewähren lassen. In seiner Wohnung fühlte Harteck sich wohl und er würde viel darum gegeben haben, wenn er die Mahlzeiten auch in seiner Stube hätte einnehmen dürfen. Der Dekan tat bei dieser Gelegenheit entweder den Mund nicht auf und las während des Essens, oder er ergoß sich in bitteren Ausfällen wider die Menschen und spielte immer wieder auf seine verunglückte Landtagskandidatur an. Fräulein Aurelie ihrerseits war sehr veränderlich: beim Frühstück so freundlich und geschwätzig, daß einem ordentlich bange wurde, beim Mittagessen reserviert, beim Abendessen schmachtend und sentimental, und am nächsten Tage war die Reihenfolge ihrer Stimmungen wieder umgekehrt; und wenn man sich am Abend im besten Einvernehmen von ihr trennte, konnte man beinahe sicher sein, daß sie am folgenden Morgen tödliche Kälte zur Schau tragen würde. »Sie ist unausstehlich!« dachte Harteck oft; doch wenn er ihr den Rücken kehrte, vergaß er sie wieder.

Großes Vergnügen gewährte ihm der Religionsunterricht in der Schule. Er war ein Kinderfreund und die kleinen Buben und Mädchen merkten das bald. Während sie vor dem Herrn Dekan zitterten und bebten, hatten sie zu dem jungen Kooperator unbedingtes Zutrauen und hingen bald mit jener Zärtlichkeit an ihm, die Kinderherzen für alle jene hegen, die gut und freundlich gegen sie sind. Der Geistliche bemerkte, daß die Kleinen ihren Katechismus mit großer Geläufigkeit hersagen konnten, doch wenn er sie um die Bedeutung des Gesagten befragte, verstummten sie und schauten ihn verlegen an. Nur ein einziges Kind machte davon eine Ausnahme. Das etwa zehnjährige Mädchen war ihm gleich im Anfang aufgefallen. Es trug ein bloß über die Knie reichendes Kleidchen, das rückwärts von einer breiten Masche zusammengehalten wurde, und das dunkle Haar nach altdeutscher Art verschnitten, anstatt wie die anderen kleinen Mädchen in dünnen Zöpflein um den Kopf gewunden. Ein hübsches Ding war sie auch, diese Kleine mit ihrem rundlichen Apfelgesicht und den klugen, großen, wißbegierigen Augen; weder scheu noch dreist dabei, wohl aber lebhaft und ehrgeizig. Sie war die beste Schülerin und tat sich darauf ein weniges zugute. Ihre Religionskenntnisse, die verrieten, daß die Kleine nicht bloß wie ein Starmatz plappern konnte, sondern auch über alles, was sie auswendig lernte, nachdachte, setzten den jungen Priester in großes Erstaunen. Einmal redete er die Kleine nach der Schule auf der Straße an.

»Du heißt Toni Reinberg, nicht wahr?«

»Ja, Herr Katechet.«

»Sag' mir, Toni, wer erklärt Dir denn alles so gut und richtig?«

»Meine Schwester,« antwortete das Kind mit großem Stolze. »Wenn ich etwas nicht verstehe, brauche ich nur meine Schwester zu fragen. Die kann und weiß alles. Sie macht auch meine Kleider und unterrichtet mich im Zitherspiel. Kennen Sie meine Schwester Paula noch nicht, Herr Katechet?«

»Nein,« versetzte er lächelnd.