»O!« Sie schien es nicht zu fassen, daß jemand im Dorfe ihre Schwester nicht kannte.
»Du hast sie wohl sehr lieb?«
»Sehr lieb. Sie und meinen Vater.«
»Und Deine Mutter?«
»Ist tot. Meine Schwester sagt mir immer, daß der liebe Gott einen Engel gebraucht und deshalb die Mutter zu sich genommen hat, und daß sie oben im Himmel auf uns wartet.«
Wie süß es klang, dieses kindliche Vertrauen in der Schwester Wort, und wie zart und weiblich schön es von der Schwester war, für den frühen Tod der Mutter eine so poetische Erklärung zu ersinnen! Der Priester beugte sich auf das Kind herab und küßte es auf die volle rote Wange.
»Ich bin doch schon seit drei Wochen hier und habe Deine Schwester noch niemals singen gehört,« sagte er dann. »Sie singt doch manchmal auf dem Chor?«
»Jetzt nicht. Aber warum sie es nicht tut, darf ich nicht sagen.«
»Dann behalte Dein Geheimnis, mein Kind, und geh' jetzt nach Hause.«
Sie küßte seine Hand und sprang davon, – hochbeglückt, wie es schien, darüber, daß der geistliche Herr sie eines Gespräches gewürdigt hatte. Dieses Kind wurde Hartecks erklärter Liebling. Gern würde er Toni auf seinen Spaziergängen mitgenommen oder sie aufgefordert haben, zu ihm zu kommen, die Zither mitzubringen und ihm vorzuspielen, nur um das hübsche, aufgeweckte Kind recht oft und lang zu sehen und es plaudern zu hören. Aber Toni war die Tochter des Arztes, eines Mannes, mit dem der Dekan nicht verkehrte: wer weiß, ob der Vater des Kindes damit einverstanden gewesen wäre; vom Dekan gar nicht zu sprechen, der daran gewiß zu tadeln gefunden hätte. Auch das sollte und durfte nicht sein, wie so vieles, vieles andere.