Trotzdem er keinen eigentlichen Umgang mit der Gemeinde pflog, hatte er sich doch schon einen ziemlich genauen Einblick in die Verhältnisse der Dorfbewohner zu verschaffen gewußt. Hierbei ging der junge Mönch ihm an die Hand; der Pater nannte ihm die Namen der Leute und sagte ihm, was sie trieben, ob sie reich, ob arm wären und was für ein Familienleben sie führten. Bei diesen Mitteilungen trat Gutes und Schlimmes zutage: im großen und ganzen wären die Leute wohlhabend, lebten gut und ließen die Armen leben, wären nicht übermäßig fleißig und säßen viel im Wirtshause. Jeder Bursche hätte seinen Schatz, mitunter auch zwei, und junge unverheiratete Mütter gebe es nicht wenige im Dorfe. Die betreffenden Väter wären indessen ehrlich genug und auch vom Gesetze dazu angehalten, für ihre unehelichen Kinder zu sorgen, und so litten die armen Würmer wenigstens keinen Mangel; auch treffe diese weder Spott noch Mißachtung und die gefallenen Mädchen heirateten meistens später einen anderen Mann; in Tirol seien ja derlei Verhältnisse gang und gebe, und man nehme es da mit der Sittenreinheit nicht sehr genau. Wohl seufzte der Pater über diese Verhältnisse und sagte, daß er von der Kanzel und im Beichtstuhl den Burschen und Mädchen oft schon ins Gewissen geredet hätte; sie versprächen dann zwar für die Zukunft alles Gute, aber es bleibe beim Versprechen. »Man hat sein Kreuz mit der Jugend,« sagte der Mönch mit altkluger Miene und zählte doch selber nicht mehr als fünfundzwanzig Jahre. Harteck befragte ihn auch um die Familie des Arztes und ob dessen ältere Tochter Paula ein braves Mädchen wäre. Die Antwort lautete über alle Maßen befriedigend. Dem jungen Mädchen lasse sich nichts, auch nicht das geringste nachsagen. Ein junger Kaufmann und ein Bahnbeamter hätten um ihre Hand angehalten, wären jedoch abgewiesen worden. Im Dorfe gelte sie für stolz, doch für brav und gut. Jetzt bewerbe sich der Schullehrer um ihre Gunst: aber man wisse nicht, ob sie seiner Werbung ein geneigtes Ohr leihe. Harteck freute sich, der kleinen Toni wegen, über die gute Nachrede. Es würde ihm leid getan haben, wenn die Schwester seines Lieblings nicht so gewesen wäre, wie ein anständiges junges Mädchen sein soll. Er war oft schon am Hause des Arztes vorbeigegangen, hatte die Sauberkeit des Hauses und den wohlgepflegten kleinen Garten bewundert, – Paula jedoch hatte er noch niemals zu Gesichte bekommen. Das war Zufall. Ihren Vater, den Arzt, hatte er bereits gesehen und im Spital auch einige Male mit ihm gesprochen. Ein hagerer, ernster, wenig zugänglicher Mann: aber die Kranken waren seines Lobes voll und hatten großes Vertrauen zu seiner Geschicklichkeit. Er scheine nur äußerlich so kalt, sagten sie, sein Herz wäre ein vortreffliches. Oft gehe er lange, beschwerliche Wege, um einen armen Kranken zu besuchen, und verlange keine Bezahlung dafür. Er mache wenig Worte, aber das wäre nun einmal seine Art. Er lebe einzig und allein seinem Berufe und seinen Kindern und wäre als Arzt und Vater der beste Mensch, den man sich denken könne. Das alles klang sehr schön und Harteck war froh, daß er die kleine Toni so gut versorgt wußte. Er hätte die ältere Schwester gern gesehen. Sie interessierte ihn. Ob sie dem Vater oder der kleinen Schwester glich? Ohne sie zu kennen, wünschte er ihr jeden Liebreiz und jedes Glück. Sie mußte nach allem, was er über sie gehört hatte, ein ausgezeichnetes Geschöpf sein. Ihretwegen interessierte ihn auch der Lehrer, den der Mönch als ihren Freier bezeichnet hatte und den sie – wer weiß? – vielleicht heiraten würde.
In der Schule machte er die Bekanntschaft des Lehrers. Er hieß Fritz Stettner, war kaum dreißigjährig und sah in seiner verschossenen braunen Sammetjacke, den hellen Beinkleidern, mit seinen langen, blonden, flatternden Haaren und dem breitkrempigen Filzhut fast wie ein Künstler aus. Er gefiel dem Geistlichen nicht übel, denn der junge Mann war ein aufgeweckter Geselle und seinem Fache mit Begeisterung zugetan. Schmächtig von Gestalt, nervös und beweglich, mit einem schmalen, von Blatternarben zerrissenen Gesichte, aus dem ein Paar kleine hellbraune Augen blickten, konnte seine Erscheinung, wenn auch nicht gerade hübsch, so doch recht sympathisch genannt werden.
Im Anfang beobachtete er dem neuen Priester gegenüber strenge Reserve: »Schule und Kirche sind nun getrennt; merke Dir das!« Mit der Zeit jedoch und nachdem er einsehen gelernt hatte, daß es dem Geistlichen sehr fern lag, in Herrn Stettners Unterrichtsmethode hineinreden und etwas daran ändern zu wollen, wurde der Lehrer zutraulicher. »Sie müssen mir meine anfängliche Kälte nicht verargen,« sagte er eines Tages zu Harteck. »Ich kannte Sie nicht und glaubte mit einem Manne zu tun zu haben, dessen Ansichten mit denjenigen des Herrn Dekans übereinstimmen. Mit diesem hochwürdigen Herrn ist's schwer zu leben. Er mengt sich in alles, tadelt alles, forscht die Kinder aus und läßt sich von ihnen berichten, was sie von mir hören und lernen, guckt in die Schulbücher und findet ihren Inhalt nicht genug christkatholisch und setzt alle Mittel in Bewegung, um die Kinder und deren Eltern gegen mich aufzuhetzen. Er hat mir das Leben im Anfang meines Hierseins sehr sauer gemacht. Doch mit der Zeit hat der gesunde Sinn der Bauern gesiegt, sie haben erkannt, daß sie mir ihre Kinder getrost anvertrauen dürfen, und ich bin jetzt überall gern gesehen. Ich weiß, daß mir der Herr Dekan darum übel will, aber ich mache mir nicht so viel daraus,« schloß er seine Rede und schnalzte mit den Fingern.
»Ich hoffe, daß Sie den Kindern gegenüber Ihrer Freimütigkeit mehr Zwang auferlegen,« erwiderte Harteck. »Oder lassen Sie sich am Ende gar einfallen, die Person des Herrn Dekans in den Augen der Kinder herabzusetzen? Dagegen müßte ich energischen Einspruch erheben.«
Der Lehrer beruhigte ihn: so weit gehe sein Groll nicht. Er, für seine Person, würde ja gern Frieden schließen mit dem Herrn Dekan, aber der hochwürdige Herr wolle den Frieden nicht, sondern Krieg, erbitterten, unversöhnlichen Krieg.
Harteck verfolgte dieses Thema nicht weiter und fing von seinem Liebling, der kleinen Toni, zu sprechen an. Die Augen des Lehrers leuchteten. Ja, das wäre ein Kind! So klug und fleißig, so lebhaft und lernbegierig, ein Phänomen, ein Muster für die ganze Klasse. Freilich dürfe man sich darüber nicht allzusehr verwundern: wie könnte es denn anders sein bei der Erziehung, die das Kind daheim genieße?
»Man macht im Ort viel Aufhebens von ihrer Schwester,« bemerkte Harteck.
»Und mit Recht!« rief der Lehrer begeistert und eine hohe Röte überzog seine hageren Wangen. »Fräulein Paula ist ein Geschöpf, wie es auf Erden kein zweites geben kann. Ich mache kein Geheimnis daraus, daß ich sie liebe und verehre, denn es kann einem Manne nur zur Ehre gereichen, wenn er ein Mädchen wie Paula Reinberg liebt.«
Dem jungen Priester gefielen diese Offenherzigkeit und diese enthusiastische Hochachtung für das geliebte Mädchen sehr.
»Sie werden wohl bald Hochzeit halten?« fragte er mit einem Lächeln.