Er ließ den Gast allein. Nach einer Weile hörte Juchei die Tür gehen. Er blickte auf und sah Paula vor sich. Schweigend nahm das junge Mädchen ihren alten Platz ein. Sie saß nach vorne gebeugt, ihre Hände ruhten im Schoße, ihre Augen stierten ausdruckslos ins Leere. Perkow, der sie betrachtete, fand sie sehr verändert. Eine seltsame Starrheit lag auf ihrem Gesichte, unter ihren Augen liefen dunkle Schatten. Verweint sah sie nicht aus ... Sie hatte noch keine einzige Träne vergossen, seit sie das Unabänderliche erfahren.
Juchei erwartete, daß sie etwas sagen würde. Paula aber blieb stumm; sie blickte ihn nur unverwandt an.
»Sie sind doch zu beneiden,« sprach sie endlich, ohne die Augen von ihm zu wenden.
»Ich?« fragte er mit trübem Lächeln.
»Sie haben um ihn sein dürfen bis zum letzten Augenblick, während ich ...« Sie verstummte. »Ich würde es leichter tragen,« sprach sie dann, »wenn es so hätte kommen müssen. Gegen das Schicksal sind wir machtlos. Wenn aber Menschen eingreifen in das Schicksal anderer und dabei ein solcher Jammer herauskommt, dann gibt es keinen Trost. Die Bitterkeit, der Haß vergiften den Schmerz. Ich kann nicht einmal weinen und trauern um ihn, alles in mir ist tot und versteinert. Sich sagen müssen, daß er noch leben und glücklich leben könnte, wenn nicht seine Mutter und Schwester ... Ich habe nie gewußt, was Haß ist. Jetzt aber weiß ich es.«
»Ich kann Ihnen darauf nur mit dem Ausspruch des Erlösers antworten,« erwiderte der Priester. »Vergeben wir ihnen, sie wußten nicht, was sie taten.«
»Ich bin nicht so mild gesinnt,« entgegnete Paula dumpf. »Ja, wenn es sich bloß um mich, um mein Glück handelte! Wenn aber etwas, das ich liebe, getroffen wird, bin ich unversöhnlich. – Noch eines quält mich,« fuhr sie nach einer augenblicklichen Stille fort und legte die Hand an die Stirn. »Ich kann nicht zusammenhängend sprechen, ... mein Kopf ist so verwirrt ... Was wollte ich nur ...? Ja, das wollte ich sagen. Sie haben vorhin geäußert, daß Sie kein zweites Mal zu uns kommen würden. So muß es auch sein. Nicht meinetwegen. Mein Leben ist abgetan. Aber des Vaters halber. Um Ihnen das zu sagen, habe ich den Vater gebeten, mich mit Ihnen allein zu lassen. Er hat genug gelitten. Ich will von dieser Stunde an versuchen, wieder für ihn und meine Schwester zu leben ... Vielleicht daß auf diese Weise mein Dasein noch einigen Nutzen bringen kann. Aber bevor Sie gehen, muß ich noch eine Frage an Sie richten. Harteck hat mich nie gerufen, ... und dennoch, ... glauben Sie, daß es ihm erwünscht gewesen, wenn ich trotzdem gekommen wäre? Oft, oft hat es mich übermächtig hingezogen zu ihm ... Dann aber sagte ich mir wieder: Wenn er's wollte, brauchte er Dich ja bloß zu rufen; weiß er doch, daß Du darauf wartest ... Und so schwankte und zauderte ich, bis es zu spät war. Und nun hetzt und verfolgt mich der Gedanke, daß er vielleicht auf mich gewartet hat und daß ich nicht gekommen bin ...«
»Beruhigen Sie sich darüber,« sprach Joachim. »Georg verstand so zu lieben, daß er sich selbst zu vergessen vermochte. Er hat Sie – warum sollte ich's Ihnen verschweigen? – sehr geliebt und redete noch im Todeskampf von Ihnen. Aber was er sagte, waren Dankesworte dafür, daß Sie allem diesen Jammer fern geblieben wären. Ihr Anblick würde ihn nur gequält haben; er hätte sehen müssen, wie Sie leiden um seiner Leiden willen und ohne ihm helfen zu können, und dieses Bewußtsein hätte ihn nur noch elender gemacht. Nein, so war es am besten.«
»Gott sei Dank!« sagte Paula. »Das war es, was ich zu wissen begehrte.«
Perkow erhob sich.