»Komm, Cäsar,« sagte er zu dem Hunde, »wir wollen nach Hause gehen.«

Er sprach diese einfachen Worte mit so müder Stimme, daß sogar der Hund, als verstünde er ihn, mitleidig seine Hand leckte.

»Die Toten sind nicht am schlimmsten daran,« sagte Juchei und gab Paula die Hand. »Aber die, die zurückbleiben ...«

»Zurückbleiben,« sprach Paula tonlos nach, »untröstlich, unversöhnlich.«

»Untröstlich gewiß,« sagte der Priester. »Ich würde nicht wert sein, daß er mich Freund nannte, wenn ich ihn jemals vergessen könnte ... Ich werde meinen Georg niemals vergessen. Leben Sie wohl.«

Sie ließ seine Hand fahren und er ging, den Hund mit sich führend. Sie blickte ihm nicht nach, sie starrte in die Luft. Gegenwart und Zukunft flossen ineinander. Sie sah voraus, daß es immer so bleiben würde, ... von jetzt an bis zum Tode. Tränenlos würde sie durchs Leben gehen, die Wunde würde im Verborgenen weiter bluten und langsam vereitern; sie würde bleiben, was sie in dieser Stunde zu sein bekannt hatte: untröstlich, unversöhnlich.

Neunzehntes Kapitel

Zehn Jahre waren verflossen. An einem Oktobernachmittag war es, daß ein kräftig-schlanker Mann, der die schwarze Kleidung eines katholischen Priesters trug, durch die Straßen Salzburgs schritt. Er ging einher in selbstbewußter Haltung und man sah ihm an, daß er gewohnt war, das Haupt hoch zu tragen ... Flüchtig erwiderte er die Grüße der an ihm vorbeieilenden kleinen Buben und Mädchen, sah bald die Häuser an, an denen er vorüberging, bald empor zu den nahen Bergen, und seine männlichen, sonnverbrannten Züge nahmen dabei einen ziemlich ernsten, fast nachdenklichen Ausdruck an. Plötzlich hielt er im Gehen inne und blickte mit einer Bewegung der Überraschung auf ein freundliches, sauber gehaltenes Haus. Ein Name, an dem Haustor angebracht, war es, was seinen Blick getroffen hatte ... »Dr. Reinberg!« murmelte der Priester vor sich hin. »Ist es möglich? Sollte es derselbe Mann sein? So wären wir einander so nahe gewesen und ich hätte nichts davon gewußt?« Kopfschüttelnd wollte er seinen Weg fortsetzen, – da aber war ihm, als tauchte das Bildnis eines Toten vor ihm auf, als flüsterte eine einst geliebte, seit langen Jahren nimmer gehörte Stimme in sein Ohr: So eilst du vorüber an dem Hause, das dasjenige birgt, was mir das Liebste war auf dieser Welt? So eilst du vorüber und gehst nicht hinein und fragst nicht, wie es ihr ergeht und wie sie lebt? Bin ich schon ganz vergessen?

Rasch entschlossen wendete er sich um und lenkte den Schritt hinein in das Haus.

Während er die Treppe emporstieg, überkam ihn eine Art von Beklemmung. Jahre waren hinweggerauscht über alle jene Begebenheiten, die in dem abgeschiedenen und traurigen Dorfe Keßten sich abgespielt, – das Leben und Joachims Jugend hatten ihre natürlichen Rechte geltend gemacht, Ereignisse aller Art waren zwischen ihn und die Vergangenheit getreten und hatten das Bild des toten Freundes gewaltsam in den Hintergrund gedrängt. An Paula Reinberg vollends hatte er jahrelang kaum gedacht. Aber jetzt, wo er sich ihr so nahe wußte, sank die Schranke ein, die die Zeit aufgerichtet hatte, und scharf wie in alten Tagen grub der alte Jammer seine Zähne ein in des Mannes unruhig pochendes Herz.