Zögernd legte er die Hand an die Wohnungsglocke. Wie wird Paula ihn aufnehmen? Wird sein unvermuteter Anblick nicht alte, mühsam vernarbte Wunden aufreißen? Wird sie es ihm danken, daß er, ungerufen, ungebeten, zu ihr gekommen?

Er wußte selbst kaum, daß er an der Glocke gezogen: aber das Geläute, das nun erscholl, belehrte ihn, daß er es getan. Vorwärts denn! Zur Umkehr war es jetzt doch zu spät.

Eine Minute darnach trat er in das Wohnzimmer. Vom Sofa erhob sich eine schlanke, schwarzgekleidete Frauengestalt ... Des Priesters Herz empfand eine schmerzliche Regung. Nach zehn langen Jahren standen die zwei Menschen, die dem, der in Keßten begraben lag, das Teuerste gewesen waren und die auch ihn am innigsten geliebt hatten, einander zum erstenmal wieder gegenüber.

»Ich danke Ihnen, daß Sie zu mir gekommen sind,« begann Paula und sah ihn mit warmem Blick an: mit einem Blick, wie ihn die Menschen nur für jene haben, die sie an eine gemeinsam verlebte frohe Zeit oder an ein gemeinsam empfundenes Leid erinnern.

»Ich wußte nicht, daß Sie sich in Salzburg aufhalten,« sagte Joachim. Seine Stimme klang bewegt.

»Wir sind erst seit kurzem hier, erst seit ein paar Wochen,« antwortete Paula mit erzwungener Fassung. »Mein Vater ist zum Bezirksarzt von hier ernannt worden ... Wir fühlen uns schon ganz heimisch in Salzburg, nicht anders, als ob wir schon jahrelang hier wohnten.«

Mit einer Handbewegung lud sie ihn ein, sich zu setzen; er folgte ihrer Aufforderung und Paula nahm ihren Platz auf dem Sofa wieder ein.

Er wußte nicht recht, was er ihr sagen sollte. Die Vergangenheit heraufbeschwören? Reden von Dingen, die so viel Leid gebracht? Dazu hatte er keinen Mut.

Aufmerksam hingen seine Augen an dem blassen, ernsten Mädchenbilde. In ihrem schwarzen Kleide, mit dem schlicht gescheitelten Haar sah sie beinahe matronenhaft aus. Es war die alte Paula und war es doch wieder nicht. Ihre Wangen waren hagerer geworden, sie war noch bleicher als ehedem und um ihre festgeschlossenen Lippen lag ein herber Zug. In ihre Stirn hatte die Zeit – wohl auch anderes – die ersten Falten gegraben; ihre Augen aber hatten einen sanften, schwermütigen Blick. »Ich habe entsagt:« stand nicht das in deutlichen Lettern in diesen tiefliegenden grauen Augen geschrieben?

Auch Paula betrachtete ihn mit forschendem Blick. Sie fand ihn wenig verändert; seine Gestalt war kräftiger, seine Züge gereifter geworden. Er sah so selbstbewußt aus wie in alter Zeit. Nur die Sturm- und Drangperiode, der Ungestüm und Überschuß an gärender, felsenfest an sich selbst glaubender Jugendkraft schienen einem gesetzteren Wesen, einer etwas nachsichtigeren Denkungsart gewichen zu sein. Wenigstens glaubte Paula, es aus seinen Zügen herauszulesen.