»Wir haben einander lang nicht gesehen,« sagte sie, ohne den Blick von ihm zu wenden. »Wie ist es Ihnen ergangen seit dem Tag, wo ...« Sie stockte plötzlich. Die Vergangenheit war heraufbeschworen. Wie konnte es auch anders sein? Seit er das Zimmer betreten, hatten er und sie ja nur an das Eine, gemeinsam Erlittene, längst Begrabene gedacht.
»Seit dem Tag, wo wir in St. Jakob einander zum letztenmal gesprochen,« vollendete Paula nicht ohne Anstrengung.
»Mir ist es ganz gut ergangen,« versetzte Joachim. »Von St. Jakob bin ich, wie Sie wissen, bald abberufen worden ... Eine Zeitlang habe ich für Blätter unserer Partei geschrieben, bin auch Redakteur gewesen und bekleide derzeit die Stelle eines Sekretärs bei seiner Eminenz dem Fürsterzbischof von Salzburg. Er ist mir sehr freundlich gesinnt und ich hatte im verflossenen Jahr das Glück, ihn nach Rom begleiten zu dürfen, wobei mir die Gnade zuteil wurde, seiner Heiligkeit dem Papste vorgestellt zu werden. Übrigens reise ich morgen früh von hier ab.«
»Für immer?« fragte Paula.
»Wahrscheinlich für immer. Der Erzbischof von Wien wünscht, mich um sich zu haben, und ich trete von morgen an in seine Dienste. Das ist mir natürlich sehr angenehm, weil sich mir dadurch die Aussicht eröffnet, rascher vorwärts zu kommen, als es hier möglich wäre. Indessen tut es mir einigermaßen leid, von der Heimat scheiden zu müssen.«
»Sie haben es für Ihre Jugend weit gebracht,« sagte Paula. »Ich wünsche Ihnen von Herzen Glück zu allem, was Sie bis jetzt erstrebt haben und noch erreichen werden.«
»Besten Dank,« antwortete Joachim. »Es ist wahr, daß man allenthalben sehr wohlwollend gegen mich ist und meinen Fähigkeiten oder, wenn Sie wollen, meinem guten Willen die weitestgehende Anerkennung zollt.«
Paula sah ihn mit einem eigentümlichen Blick an; man hätte sagen können, daß Neid aus ihren Augen sprach. Dann wendete sie das Haupt zur Seite und ließ den Blick hinauf zum grauen Himmel schweifen.
»Es ist doch seltsam,« sagte sie dabei. »Zwei Menschen betreten denselben Weg, gehen weiter auf demselben Wege, haben die gleichen Bestrebungen, die gleichen Ziele, ... und mit einemmal trennen sich ihre Wege: den einen trägt der seine empor zu Ansehen und Ehren und den anderen führt er hinab in das Grab ...«
Sie ließ den Kopf hängen und starrte trübe vor sich hin.