»Wenn er, wie ich, Lust und Liebe zu seinem Beruf gehabt hätte,« sprach Joachim mit einem Anflug von Strenge, »würde er gleichen Schritt mit mir haben halten können.«
Einen Namen zu nennen, war nicht nötig. Sie beide wußten ja, von wem sie sprachen, an wen sie dachten.
»Klagen Sie ihn nicht an,« sagte Paula und ihre Stimme zitterte. »O! Wenn die Menschen ihm überlassen hätten, sich seinen Lebensweg selbst vorzuzeichnen: wie anders wäre dann alles gekommen.«
Joachim sagte nichts darauf. Ihn, den Priester aus Überzeugung, berührte es immer peinlich, wenn er daran erinnert wurde, daß der Freund unglücklich gelebt hatte und unglücklich gestorben war, weil er das priesterliche Kleid getragen.
»Ich habe seine Mutter kennen gelernt,« hob er nach einer bedrückenden Stille wieder an.
Flüchtig sah Paula in sein Gesicht.
»Seine Schwester ließ mir keine Ruhe,« setzte er erläuternd hinzu. »Sie schrieb mir Briefe um Briefe, in denen sie mich immer wieder beschwor, sie und ihre Mutter zu besuchen, damit sie von mir hören könnten, wie Georg die letzten Lebenswochen zugebracht hätte und ob er christlich und ergeben gestorben wäre. Aber diese Schwester hatte einen so widerwärtigen Eindruck auf mich hervorgebracht, daß ich mich wahrscheinlich niemals entschlossen haben würde, ihrer Einladung Folge zu leisten, wenn nicht am Ende die Mutter selber mich brieflich gebeten hätte, sie doch, um Gottes willen, einmal wenigstens aufzusuchen: sie könne nicht ruhig sterben, wenn sie mich nicht vorher gesehen und gesprochen hätte.«
»Nun?« fragte Paula in dumpfem Ton, da er im Sprechen innehielt.
»Ich reiste denn nach Kufstein,« fuhr Joachim fort. »Es war etwa ein halbes Jahr nach Georgs Ableben. Als mich die Schwester vor seine Mutter führte, sah ich eine bejammernswerte, hinfällige Greisin vor mir, die kaum die Kraft hatte, sich von ihrem Lehnstuhl zu erheben. Wie genau erinnere ich mich an jede Einzelheit, ... an die verdrießliche, ungeduldige Miene der Schwester und an das furchtbar blasse, strenge, vom Leid verwüstete Gesicht der alten Frau, – sogar an ihre Worte. ›Hilf mir auf‹, sagte sie zur Tochter. ›Ich bin so mühselig geworden, seit mir die Kunde seines Todes zugekommen ist‹ ... Könnte ich Ihnen nur den Ton wiedergeben, in dem diese Worte gesprochen wurden ... Er drang mir bis ins Mark.« Paula beschattete die Augen mit der Hand. »Unwillig genug leistete ihr die Tochter die gewünschte Hilfe,« erzählte der Priester weiter. »Ich las ihr vom Gesichte ab, daß ihr die gebeugte alte Mutter, der tote Bruder, kurz alles, was sie in ihrer Behaglichkeit störte, unsäglich lästig war ... ›Eine gute Schwester ist sie ihm gewesen,‹ fuhr die alte Frau, zu mir gewendet, fort. ›Warum ist sie nicht rechtzeitig zu ihm geeilt? Hast ihn unter Fremden sterben lassen, Deinen einzigen Bruder,‹ sagte sie zur Tochter. ›Gott vergebe es Dir.‹ – Die Junge zog ein Gesicht und blieb die Antwort darauf schuldig. Ich aber konnte mich nicht enthalten, zu sagen: ›Es war ihm viel lieber so; er hat mit keinem einzigen Wort nach seiner Schwester verlangt.‹ – Das schien doch einigen Eindruck auf das stahlharte Gemüt der Jungen zu machen, ... wenigstens fuhr sie zusammen und ging rasch aus dem Zimmer. Einem Steinbild gleich saß die alte Frau vor mir, ... es wurde mir fast unheimlich sie anzusehen. ›Wie geduldig und liebevoll er im Vergleich zu meiner Tochter gewesen ist,‹ sprach sie mit klangloser Stimme. ›Wenn Gott mir nur sagen möchte, ob ich recht an ihm gehandelt habe. Ich habe meine Pflicht getan und Gott höher gehalten als alles andere, ... und darüber ist mir der Sohn weggestorben; vor mir und nicht in meinen Armen. Und ich fürchte‹, sagte sie flüsternd und umklammerte mit ihrer abgemagerten Hand meinen Arm, ›ich fürchte, daß er in Groll wider mich aus der Welt gegangen ist ... Das nagt an mir, hochwürdiger Herr, ... wie ein Wurm nagt das an mir‹ ...«
Jucheis Stimme war bei diesem Bericht leiser und leiser geworden. Nun seufzte er tief auf und blickte, in Erinnerungen verloren, vor sich hin. Paula hielt die Augen noch immer mit der Hand bedeckt.